Aus dem Archiv: Juli 2013, Lindengeschichten

griet_avater
siehe *

“Jetzt fang’n’se gleich noch an, “We shall overcome” zu singen”

Genörgelter Aufstöhner, frisch aufgeschnappt von Passanten. Nebenan in der Crelle Straße ist nämlich ein Aufgebot an Demonstranten und Polizisten, weil drei Linden am Bahngelände gefällt werden sollen, um einem Bauprojekt zu weichen: Ein Wohnkasten, der im letzten freien Dreieck vor der Langenscheidtbrücke den Eigentümern Reichtum und sorgenfreie Zukunft garantieren soll.

O Berlin, du Stadt vieler Bäume! Auf dem Grünstreifen in der Hauptstraße tauchten im Frühjahr eine ganze Armee frischgepflanzter Bäumchen auf, hauptsächlich Kaiserlinden, wie die Recherche beim Bezirksamt verriet. Gestiftet hat sie, auch diese Information fand ich dort,  Grieneisen, die Firma mit Pietät und Takt, die das heißumkämpfte Bestattungsgewerbe meines Wissens dominiert.

Es ist traurig um jeden gefällten Baum, wohl wahr. Trotzdem: mich nervt schon, was an der Crelle Straße läuft, was mich inzwischen an “Unser Tach!hier-Platz” denken läßt. Engagierte Baumschützer haben die drei Bäume mit einem pott-hässlichen Fadengewebe, gespickt mit Botschaften und “trinklets”, überzogen. Als Baum würde ich darob Blätter verlieren. Es wurde getrommelt, es gab Tanz unter den Linden, und sporadisch macht die ein oder andere hochempörte Dame vor dem Laden halt, um in Weltuntergangsmanier, gepaart mit Brigantenlust, auf meinen Einsatz zu drängen.

Für mich ist es eine Frage der Proportion. Soweit ich sehe, wie in Berlin fleißig und liebevoll Bäume gepflanzt werden, schmerzt mich der Tribut an eine Stadt, die wächst, nicht zu sehr. (Problematischer finde ich beispielsweise Widerstände gegen Häuser, die Flüchtlingen und Asylanten als erstes Heim bereitgestellt werden.) Wenn ich handeln würde, dann eher, indem ich herausfände, wer die zuständigen Stellen sind und ob Regeln eingehalten wurden und ob Regeln gesetzlich geändert werden sollten. Draußen herumstehen und motzen liegt mir nicht. Und es herrscht bei mir, wie gesagt, nicht der Eindruck vor, dass in Berlin am Baum gesägt wird.

Auf dem riesigen Bauplakat, übrigens, kann man den geplanten Neubau bewundern: komplett mit drei gesunden ausgewachsenen Linden, die den ganzen prächtigen (ehäm) Bau mit einem grünen Blätterrahmen zieren. Zukunftsversprechen oder letzter Tribut?

 

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