Aus dem Archiv: Georg Kaiser; „Von morgens bis mitternachts“

Vorlesemontage,  Samstag, 8. September 2012

Kassierer. Ich denke nicht daran, mein Geld zu vergeuden! 
Der Herr. Was heißt das? 
Kassierer. Daß es mir für die Fütterung 
   von krummen Buckeln zu teuer ist! 
Der Herr. Erlären Sie mir - 
Kassierer. Dieser eben noch lodernde Brand ausgetreten 
   vom Lackstiefel am Bein seiner Hoheit. [...]

grosz
Georges Grosz; Pandemonium

Dieses „Stück in zwei Teilen“ von Georg Kaiser wurde, wie im Nachwort von Walter Huder (in der Ausgabe von 1970 bei Reclam) zu lesen ist, am 28. April 1917 in den Münchener Kammerspielen uraufgeführt und hat aber auch gar nichts an Aktualität verloren.

Es dreht sich natürlich alles ums Geld. Geld wird begehrt, gebraucht, ergriffen, eingesetzt, und daraus wächst ein wilder Wirbel an Ereignissen, der Natur und Gesellschaft erfasst und in Höhen und Tiefen reißt.

Beim letzten Vorlesen waren wir Zeugen eines einzigartigen Sechstagerennens im Sportpalast. Daraus stammt die dramatische Szene oben. Das Theaterstück vermittelt diese Fiebrigkeit, dieses Haschen nach Glück und erfülltem Dasein.

Der erste Teil schließt mit einer expressionistischen Winterszene ab, in der der Kassierer Billanz zieht. Es ist da ein kahler Baum auf verschneitem Feld, und beim Lesen erscheint die ganze Szene lebendig vorm inneren Auge, wie der Kassierer da im Geäst hockt, dem Sturmdunkel und den Winden zum Trotz heiße Pläne schmiedet. …

kaiser
Reclam

Georg Kaiser; Von morgens bis mitternachts

Das Drama beschwört große Themen: Pflichten und Rechte, Gemeinwohl und persönliche Erfüllung, Rechtmäßigkeit, Leidenschaft, Schicksal, Tüchtigkeit. Dazu kommt noch ein ätzender Witz von Kaiser, dem man wohl gar nichts vormachen konnte. Es ist eine bittere Arzenei in unseren Zeiten: Man sagt brrrrrr, schüttelt sich und fühlt sich schon gleich etwas besser. Die Widrigkeiten des Alltags und unserer Zeit verschwinden zwar nicht, aber man fühlt sich gefeit und ist hellwach. Man sieht die Strippenzieher und man erkennt die Leute in den Rängen und man ahnt die eigene Option.

Bildquelle: Moeller New York + Berlin

 

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