Aus dem Archiv: Opferfest

roth
Wallstein
ilb_a
Serie: Die Gäste und ihre Bücher

Patrick Roth
Sunrise
Das Buch Joseph
Roman

Gerade blätterte ich etwas in Peter Bichsel, Über Gott und die Welt, um zu sehen, ob er etwas zu Jesu Opfertod oder Ähnliches zu sagen hat. Hat er nicht. Dafür entdeckte ich einen Haufen anregender, liebenswerter und kämpferisch-knurriger Geschichten. Es gibt auch viele Weihnachtstexte in diesem Bändchen, das etwas von Peter Ustinows Buch, Achtung Vorurteile! hat und jedenfalls lesenswert ist.

Das islamische Opferfest begründet sich auf das Abrahamsopfer, das Gott-sei-Dank nicht zum bitteren Ende durchgeführt wurde, aber wenigstens Abraham schon reichlich Schmerz zugefügt haben wird. In seinem Buch über Joseph von Nazareth greift Patrick Roth diese Bedrängnis und diesen Schmerz eines von Gott erwarteten Sohnesopfers wieder auf.

Opfer, nämlich sacrifice im Gegensatz zum Opfer werden – victim – gehört zu meinen Reizthemen in der Religion, und um es gleich zu sagen, es ist an der Zeit, dass die Religionen mit dem religiösen Opfer ein und für allemal Schluß machen und sich um die zum Opfer Gefallenen kümmern, darum, dass der Mensch dem Menschen nicht mehr Grausamkeit zufügt. Was soll das für ein Gott sein, der Opfer fordert? Schon Prophet Amos lässt von Gott ausrichten, dass er blutige Opfer nicht will, sondern erwartet, dass der Mensch dem anderen in Not und Kummer beisteht. Hungrige speisen, Traurige trösten, Schwache schützen. Das sei Gott wohlgefällig.

Nun gut- zurück zum Buch, zum Roman von Patrick Roth. Wie geht er mit der Materie um? Von der Sache her hat er Amos nicht beherzigt, leider. Sein Gott geht mir tüchtig auf die Nerven. Nun ist es aber gut, wenn man sich reibt und ärgert. Das hält wach. Literatur die glatt runtergeht hält nicht lange vor.

Sprachlich ist es gewaltig, was Roth leistet, und so sollte er, finde ich, durchaus mit Staunen und Anerkennung gelesen werden, als ein Sprachgewaltiger.

Abgesehen vom Stoff hätte ich ihm alle Punkte zugestanden, wenn er nicht einen Roman mit abgerundeten plot geschrieben, sondern es bei dem Ganzen als Novelle mit offenen Anfang und Ende gewagt hätte. In der Romanlänge gelingt es ihm auch nicht durchweg, den archaischen Duktus zu halten. In der Not, den Inhalt in die passende Form zu bringen, muss er eben doch gegen Ende komplizierter formulieren. In einer Novelle, deren Inhalt rätselhaft unaufgelöst bleibt, hätte sich die Sprache wirklich voll entfalten können und uns Leser dazu gebracht, das Menschsein in volleren Zügen auszukosten und Gott ein Stück näher zu rücken. Denn Kunst kann das.

Mehr Bücher zum Thema:

stroumsa
Suhrkamp
v&r_mose
Vandenhoeck & Ruprecht
king_james_bible
Oxford

Guy G. Stroumsa
Das Ende des Opferkults – Die religiösen Mutationen der Spätantike
Ü: (frz) Ulrike Bokelmann
Verlag der Wekltreligionen

Böttrich / Ego / Eißler
Mose in Judentum, Christentum und Islam
Vandenhoeck & Ruprecht

Kierkegaard setzt sich in seiner Schrift Furcht und Zittern intensiv mit dem Abrahamopfer auseinander, unter dem Leitgedanken des unbedingten Glaubens wider alle Hoffnung. Außerdem fallen mir noch zum Thema literarischer Auseinandersetzung mit biblischen Stoffen ein: André Gide, Die Rückkehr des verlorenen Sohnes (Le Retour de l’enfant prodigue), Thomas Mann, Joseph und seine Brüder, Ernest Renan Das Leben Jesu – alle unbedingt lesenswert!

PS: Was Sprache betrifft, lohnt es sich, ab und an mal wieder Passagen in der Lutherbibel oder in der King James Bibel zu lesen ….

27. Oktober 2012

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