New York! New York!

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Jetzt Sonntag! Nichts wie hin!

„Berlin liest“ am 10. September war wieder ein Erlebnis.

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Serie: Die Gäste und ihre Bücher

Die rbb Abendschau: Berlin wird zur Bühne für Literatur, verschaffte da einen ganz authentischen Einblick, wie ich ihn auch vom letzten Jahr in Erinnerung halte: Irgendwo auf windigen Plätzen steht Jemand lesend, und zwei, drei davor die lauschen. Das rbb Kulturradio hat auch einen Beitrag ins Netz gestellt.

Wir standen selbdritt vor der Ladentür und lasen zum Rauschen des Verkehrs eine Passage von Gast Pankaj Mishra, der am selben Tage vor einer hoffentlich – nein, sicherlich – größeren Zuhörerschaft den Vortrag zum Auftakt gab. Sein Buch „From The Ruins of Empire“ ist vor Kurzem erschienen, und wir lasen das kapitel zu Rabindranath Tagore. Es passte hervorragend. Menschen aller Nationen liefen an uns vorbei, friedlich und unbedrängt in „the Pursuit of Happyness“, denke ich mal. Man kleidet sich und spricht wie es einem passt, und niemand ist Knecht irgendwelcher Herren. Das hoffe ich doch zumindest. So hätte es auch Herr Tagore gern, und Herr Mishra bestimmt auch. Und wenn ich nicht irre, hält auch Herr Weinberger an diesem liberalen Wunsch fest, wenn er vom Wesentlichen spricht.

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Berenberg

Weinbergers Buch, Das Wesentliche, ist gerade im Schaufenster, und ich kann es nicht mal eben überprüfen, aber der Verleger sagt zu den Essays:

“ Zusammengelesen ergeben diese Texte ein großartiges, weltumspannendes Bild, in dem das Wort Globalisierung einen ganz anderen, fremderen, zugleich wärmeren Sinn bekommt.“

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Ein Stapel schickt uns auf Reisen

Und damit sind wir bei New York  * angekommen.

New York und Berlin – das sind die beiden großen Städte, die bei meinen Reisen sogleich die Überzeugung wachriefen: Hier kann ich leben und Mensch sein! In Berlin bin ich dann geblieben, aber New York wärmt immer noch mein Herz.

Gerade lese ich diesen großartigen Roman über das Leben in New York während der Jahre des Vietnamkriegs und mit den Familiengeschichten aus dem Mecklenburg der Nazijahre in der zweibändigen Leinenausgabe, die wir zu Hause haben. Hier im Laden ist das Werk in der schönen vierbändigen Kassettenausgabe (Suhrkamp, natürlich) zu haben.

Der im Steidl Verlag liebevoll gestaltete Leinenband, in der Übersetzung von Hans-Christian Oeser, ist ein Buch zum Liebhaben. Brennan schildert darin Beobachtungen und Gedanken von ihrem Leben aus den Fünfzigern und Sechzigern. Am 18. September 1954 hält sie beispielsweise „Eine schmerzliche Entscheidung“ fest, und es beginnt folgendermaßen:

„Kürzlich war ich abends in einem kleinen Supermarkt und wartete darauf, dass meine Einkäufe in eine Tüte gepackt wurden, als ich einen schäbig gekleideten großen Mann mit roten Augen sah, der offenbar schon von der Wiege an stark getrunken hatte. Er versuchte, sich zwischen Bohnen aus der Dose, einem Fertiggericht aus der Dose, einer Suppe aus der Dose und Chicken à la King aus der Dose zu entscheiden.“

Der Text ist nur zwei Seiten lang aber hat eine überaschende Wendung aus der komischen Alltagsbeobachtung zu tieferer philosophischer Einsicht parat, die zu entdecken ich viele Leser (und Käufer, damit dieser Laden weiterläuft) wünsche.

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New York New York

Dies Buch in der schönen Halbleinenausgabe bei der Edition Ebersbach erschienen, wurde just vom Tisch weggekauft, aber ich bestell es gern nach.

(Übrigens: nicht Edition Ebersbach, nicht Rowohlt, von woher die Lizenz kam (Amerika Tag und Nacht), ja nicht einmal Susanne Kippenberger in der Zeit nennt den Übersetzer, nämlich Heinrich Wallfisch. Zum Glück kann ich mich aufs VLB verlassen, in diesem Fall Buchhandel.de.)

„Ostwestfleisch

Auflodernd Sonnengelb, als hätten plötzlich stille Flammen den Vorhang ergriffen. Vor das hohe Fenster gezogen, hat der grobe schwere Stoff bislang dem Warteraum nur karges Licht gelassen, 1 Patientenlicht gewissermassen, Rationen aus dem Vorraum für die Eingeschlossnen: Nun taucht der Raum wie aus trübem Gewässer auf, die Luft scheint aufzuleuchten und 1zelheiten schreiben sich ins Flammengelb.“

Ach ja, der Jirgl ist schon ein Erlebnis.  „Hart, schonungslos und radikal: eine Geschichte über New York und Berlin, über Aufbruch und Scheitern – in einer Sprache, die in der deutschen Literatur einzigartig ist.“ heisst es auf dem Deckel.

„?Würde dieser-Mann sein Wort !wirklich halten & – wie sie unbedingt glauben will – ihr zur Hilfe sein beim 2. Versuch, ihr Leben in New York anders & neu zu beginnen….. „

(„New York“ steht im Zitat nicht nur fett, sondern auch mit Kapitälchen, was ich hier nicht wiedergeben kann).

Letztes Jahr war unter den Autoren der longlist Jirgl mein Favorit:

„Zu meiner Wahl mit Jirgl steh ich deswegen nach wie vor, und die Science-Fiction-Skeptischen in der Runde fanden, dass ‚Nichts von Euch auf Erden‚ auch zu ihnen sprach. Wir lasen es vor der Bundestags-Wahl, und freie Gesellschaft und Umgang mit Resourcen, Technik und Verwaltungsstrukturen lagen da ja geradezu in der Luft. Jirgls Buch werde ich gerne eines Tages ganz lesen, wenn ich dazu komm. Konzentration verlangt es schon. Unbedingt heiter scheint es auch nicht zu sein mit dem technokratischen Jargon und einer Vision einer uniform bewältigten Welt, der Schlimmeres droht. Ich bin auch neugierig auf das Ende – it es eine vielleicht eine Homage an Bradbury?“

siehe: Romane dieses Jahres, deutscher Zunge

  • Reclam Städteführer Architektur und Kunst New York

Margit Brinke und Peter Kränzle (Ausgabe 2010) kompaktes und kenntnisreiches Vademekum bietet 28 zusätzliche Abbildungen sowie Pläne und Grundrisse. Es gibt auch eine Leseliste, die Titel aufführt wie P. Austers New York Trilogy, J. Dos Passos Manhatten Transfer, – der Autoren eigenes Werk City Guide New York City darunter, was wohl so in Ordnung ist, – und G. Arndt; Spaziergänge durch das literarische -New York. Ich bekomme schon wieder Lust …

Hier wird das Algonquin Hotel in Midtown (IV 12, 59 West 44th St.) beschrieben:

„Das 1902 eröffnete Algonquin Hotel erstrahlt seit einigen Jahren wieder im Glanz der 1920er Jahre, als hier noch der „Round Table“, der mittägliche Treff von Literaten, Intellektuellen und Mitarbeitern des New Yorkers, stattfand. Sehenswert sind der Oak Room und die holzvertäfelte Lobby. Noch heute gilt das Lokal des Hotels als beliebter Treffpunkt von Verlags- und Theaterleuten.“

Dies sind lauter amerikabezogene Texte aus dem Gesamtwerk von Max Frisch. Aus Stiller wird beispielsweise im sechsten Kapitel zitiert:

„Die Bowery, ein ehemals niederländischer Name, ist ein Viertel, wo auch die Polizei nicht mehr hingeht, Gefilde der Verlorenen, dabei inmitten von Manhattan; man geht um die marmorne Ecke eines Gerichtspalastes, in der Tat, und nach hundert Schritten ist man im Gefilde der Verlorenen, der Besoffenen, der Gescheiterten, der Verkommenen jeder Art, der Menschen, die das Leben selbst gerichtet hat. Man braucht nicht einmal ein Gefängnis für sie; wer in der Bowery gelandet ist, kommt nie wieder heraus.“

“ … Der Briefwechsel, der 1964 einsetzt und 1983 mit der Bitte Uwe Johnsons endet, Max Frisch möge ihm für ein halbes Jahr seinen New Yorker Loft vermieten, …“

Über diese Sammlung von Erzählungen aus den Bronx schrieb ich schon hier: Grace Paley

Über diese zweisprachige Ausgabe, Ute Eisinger ist die Übersetzerin, habe ich auch schon geschrieben: Hart Cranes Meisterwerk: Die Brücke

Über die letzten zwei Titel schreibe ich ein andermal:

* all diese Romane zu New York, die bei Perlentaucher aufgelistet sind, bestelle ich gerne für Sie. Der ein oder andere könnte auch vorrätig sein.

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1 Kommentar zu „New York! New York!“

  1. Ach was! Von wegen, zweibändige Leinenausgabe der Jahrestage von Uwe Johnson! Es sind die ersten beiden Bände der vierbändigen Erstausgabe, und beim ersten Band fehlt der charakteristische Schutzumschlag im Stil der New York Times. Weil Band drei erst ein Jahrzehnt später, Band vier sogar erst 1988 erschien und wir da durch das Leben den Kauf verpassten, fehlten sie im Bücherschrank. Zum Glück gibt’s die Bücherhalle, unser Antiquariat um die Ecke, und jetzt ist der Roman endlich vollendet bereit, gelesen zu werden.

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