Iwan Bunin hat Geburtstag

bunin
Bunin bei Dörlemann
kaillor_geburtstag
Des Schriftstellers Almanach Aus Petri Liukkonens Authors‘ Calendar für den deutschsprachigen Leser

An die Seite von Garrison Keillors „The Writer’s Almanac“ stelle ich Petri Liukkonens „Authors‘ Calendar„, eine Fundgrube an biographischen Details und Literaturhinweisen, wo ich den heutigen Eintrag fand und hier übersetze. [Das Gegenlesen wird aus Zeitgründen nachgeholt. Da werden dann deutsche Umschreibungen und Zitate überprüft und korrigiert]. Iwan Bunins Roman Suchodol (hier die Broschüre dazu) war unter den ersten Romanen, die wir hier in der Buchhandlung an den Vorlesemontagen durchgelesen haben, und wir waren alle beeindruckt.

Iwan Bunin (1879 – 1953) – geboren am 10. Oktober (22. Oktober nach neuem Kalender), 1870

Russischer Dichter, Verfasser von Kurzgeschichten, Romancier, der über den Verfall des russischen Adels und über das Leben der Bauern schrieb. Iwan Bunin wurde 1933 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der russischen Literatur vor der Revolution 1917. Obwohl Bunin sein ganzes kreatives Leben lang Gedichte schrieb, wurde er hauptsächlich berühmt wegen seiner Prosawerke. Bunins ruhiger „klassischer“ Stil war eher der Prosa des 19. Jhdts. verwandt – Turgenjew, Tolstoi, Garschin, Tschechow – als mit den modernistischen Experimenten seiner Zeit.

„Ich habe einen ureigenen wilden Hass und aufrichtig-wilden Abscheu für Revolutionen.“

Frühe Jahre

bunin_photo
Quelle: Dörlemann Verlag

Iwan Bunin wurde auf dem Anwesen seiner Eltern nahe des Dorfes Woronesch in Zentralrussland geboren. Sein Vater entstammte einer langen Linie von Landadeligen – bis zur Befreiung Besitzer von Leibeigenen. Bunins Großvater war ein vermögender Landbesitzer, der nach dem Tod seiner jungen Frau begann, alles Eigentum auszugeben. Das Wenige, was blieb, vertrank und verschleuderte Bunins Vater beim Kartenspiel. Zur Jahrhundertwende war das Familienvermögen nahezu erschöpft. In früher Kindheit wurde Bunin Zeuge der zunehmenden Verarmung seiner Familie, die schließlich in vollkommenen finanziellen Ruin endete. Viele Jahre seiner Kindheit verbrachte Bunin auf dem Familiensitz in der Provinz Orjol, auf dem er mit dem Leben der Bauern vertraut wurde. 1881 kam er in die öffentliche Schule in Jelets, aber nach fünf Jahren kehrte er gezwungenermaßen heim. Bunins älterer Bruder, der an der Universität studiert und politischer Aktivitäten wegen im Gefängnis gesessen hatte, ermunterte ihn, zu schreiben und die russischen Klassiker zu lesen, Puschkin, Gogol, Lermontow und andere. „Tolstoi ist bedeutender als Schriftsteller als Dostojewski,“ sagte Bunin einmal. „Ich habe Dostojewski nie gemocht.“

Dichten und Schreiben

Mit siebzehn Jahren debütierte Bunin als Dichter; sein Gedicht erschien in einem Sankt Petersburger Magazin. Er schrieb weiterhin in Versen und veröffentlichte dann 1891 seine erste Geschichte, ‚Derewenskij Eskiz‘ (Ländliche Skizze) in N. K. Mikailowskis Journal Russkoje Bogatstwo. 1889 folgte Bunin seinem Bruder nach Karkow, wo der ein örtlicher Regierungsbeamter wurde. Bunin nahm eine Arbeit als Redakteursassistent der Zeitung Orlowski Westnik und betätigte sich als Bibliothekar und als Statistiker am Bezirksgericht in Poltawa. Bunin steuerte an verschiedenen Zeitschriften Kurzgeschichten bei und fing einen Briefwechsel mit Anton Tschechow an. Bunin wasr auch lose dem Kreis um Gorkis Znahie Gruppe angeschlossen. Anfang der 1890er lebte Bunin mit Warwara Paschtschenko zusammen, einer Arzttochter und Schauspielerin, die in Jelets seine Schulkameradin gewesen war. Jedenfalls heiratete sie dann einen Freund von Bunin und starb 1918 an Tuberkulose. Biunin erinnerte sich an seine erste Liebe in der Novelle Mittina Lubow (Mittinas Liebe, 1925), über einen jungen Mann, Mittia, der zerissen ist in seiner Liebe zu Katja, einer Kunststudentin, die sich ihre Freiheit bewahren will.

Bunin bewunderte das Werk von Leo Tolstoi, aber er fand es unmöglich, ihm in seinen moralischen und sozialpolitischen Ideen nachzufolgen. Bunin sandte ihm Briefe und ein Pamphlet mit seinen Gedichten. Seine erste Begegnung mit dem zweiundvierzig-Jahre-älteren Tolstoi war kurz und geriet ihm zu einer Enttäuschung. „Bunin war ganz aufgebracht, weil Euer Treffen nur so kurz war,“ hat Nikolai Leontiew zu Tolstoi gesagt. 1899 traf Bunin Maxim Gorki und widtmete ihm die Gedichtsammlung Listopad (1901). Bunin besuchte Gorki von 1909 bis 1913 regelmäßg auf Capri.

„Wie alle reichen Amerikaner auf Reisen gab er sich freimütig und glaubte an die unbedingte Aufrichtigkeit und den guten Willen all jener, die ihn so aufmerksam speisten, ihm Tag und Nacht dienten, ihm den geringsten Wunsch abnahmen, die ihn beschützen vor Schmutz und Störungen, die Lasten für ihn schleppten, Kutschen herriefen und sein Gepäck zum Hotel brachten; so war es überall, und so sollte er es auch in Neapel vorfinden.“ (in ‚Der Herr von San Franzisko‘, 1915)

Jahre der Revolution und Jahre des Reisens

Ab 1895 verbrachte Bunin seine Zeit zwischen St. Petersburg und Moskau. „Ich halte Ausschau nach einem Ort mit etwas Wärme, aber statt dessen finde ich überall höllisches Wetter,“ sagte er zu Gorki. Bunin reiste viel, heiratete 1898 Anna Tzakni, die er zwei Jahre darauf verließ; sie war damals schwanger. Als das neue Jahrhundert begann, hatte Bunin über 100 Gedichte veröffentlicht. Er wurde berühmt mit Geschichten wie „Auf dem Gehöft“, „Nachrichten von Zuhause“, „Der Rand der Welt“, „Antonows Äpfel“ und „Der Herr aus San Franzisko“ (1915), bei dem es um einen amerikanischen Millionär geht, der es zu Geld bringen will. Er stirbt in einem italienischen Luxushotel und wird im Rumpf eines Luxusschiffes nach Hause befördert. Mehrere Erzählungen handeln vom Leben der Bauern und Landbesitzer, aber nach der 1915 Revolution nahmen Bunins Bauernthemen einen düsteren Ton an. Dem Autor, dem Dorfleben vertrauter war als den städtischen Intelektuellen, galt die Bevölkerung als ignorant und gewalttätig und völlig unfähig, an der Regierung teilzuhaben. Später schrieb er von den Bolschewiken in seinem Notizbuch Verfluchte Tage: Ein Revolutionstagebuch: „Welch furchtbare Gallerie von Verbrechern!“

Bunin der Übersetzer

Als Übersetzer war Bunin hochgeachtet. 1898 veröffentlichte er eine Übersetzung von Henry Wadsworth Longfellow’s „Der Gesang der Hiawata“, für die ihm 1903 der Puschkin Preis der Russischen Akademie der Wissenschaften verliehen wurde. Zu den anderen Übersetzungen Bunins gehören Lord Byrons Manfred und Kain, Tennysons Lady Godiwa und Werke von Alfred de Musset und François Coppé. 1909 wählte die Akademie ihn unter ihre zwölf Mitglieder.

Nachdem Bunins erste Ehe endete war Vera Muromtzewa ab 1907 seine Gefährtin, aber währenddessen hatte er fortwährend Affären, darunter besonders die mit Galina Kutznetzowa, seiner Schülerin, und die mit Margarita Stepun, der Schwester seines Freundes. Formal bestand die Ehe von Bunin und Vera Muromtzewa seit 1922. Bunin hat einmal bedauert, dass er im wirklichen Leben nie der Heldin Anna Karenina begegnet war: „Was mich betrifft, so gibt es kein fesselnderes Bild einer Frau als das ihre,“ gestand er. „Ich könnte nie – und bis heute kann ich es nicht – an sie denken ohne heftige Gefühle. Ich bin ganz einfach in sie verliebt.“

Zum Roman

bunin
Dörlemann

Mit 40 Jahren veröffentlichte Bunin sein erstes großes Buch, Derwenia (Das Dorf, 1910), das aus kurzen Episoden in den russischen Provinzen zur Zeit der Revolutiuon von 1905 komponiert war. Die Geschichte, sie findet am Geburtsort des Autoren statt, handelt von zwei Bauernbrüdern – der eine iust ein brutaler Trinker, der andere ein sanfterer, eher sympathischer Charakter. Das Dorf machte Bunin in Russland berühmt. Bunins realistische Schilderung des Dorflebens mit seinen „Charaktern, die so tief unter das Niveau durchschnittlicher Intelligenz gesunken waren, dass sie kaum menschlich genannt werden konnten“ rief manche Kontroverse hoch. Später, nach der Revolution, wurde sein Werk auch vom Werktätigenkult empfohlen.

„Diese „ruchlosen“ Werke riefen leidenschaftliche Debatten unter russischen Kritikern und Intellektuellen hervor, die, bedingt durch zahlreiche besondere Umstände in der russischen Gesellschaft und – und diesen späteren Zeiten – durch schiere Ignoranz oder wegen politischer Vorteile, ständig Leute idealisiert hatten. Kurzum, diese Werke machten mich berüchtigt, und dieser Erfolg wurde bei meinen jüngsten Werken bestätigt.“ (im Autobiographie)

Bunins Suchodol (1912) war eine verschleierte Biographie seiner eigenen Familie, ein Nachgesang auf die Gutsbesitzer. Vor dem Ersten Weltkrieg war Bunin nach Ceylon gereist, nach Palästina, Ägypten, in die Türkei und in andere Länder – diese Reiusen hatten ihn mit reichlich Material versehen für seine Dichtungen und Prosawerke. Zwischen 1912 und 1914 verbrachte Bunin drei Winter mit Gorki auf Capri.

Ins Exil

Nach der Oktoberrevolution 1917 verließ er Moskau und zog auf zwei Jahre nach Odessa, verließ schließlich Russland von dort mit dem letzten franzöischen Schiff. in Sofia wurde er seiner goldenen Akademie-Medaille und seines Geldes beraubt; seine Frau verlor ihre Diamanten. Er emigrierte nach Frankreich, wo er sich in Grasse niederließ. 1920 veröffentlichte Bunin sein Tagebuch Verfluchte Tage, in dem er bitterlich das bolschewistische Regime angriff und die Roten Garden, die für ihn Anarchie und Chaos verkörperten. „O wie bestialisch dies alles is!“ schrieb er. Unter den anderen späteren Werken sind die autobiographische Novelle Das Leben des Arsenjew (1933), Schattige Pfade (1946, geschrieben während der Nazi-Besatzung) und Erinnerungen und Portraits (1950).

Im Exil schrieb Bunin ausschließlich von Russland. Bunin war oft als möglicher Nobelpreisträger erwähnt worden, und all das hatte den Autoren belastet. Im Immigrantenpass war er als Repräsentant der literarischen Vergangenheit bezeichnet worden. Ein neuer Star war aufgestiegen, ihm zum Rivalen – Wladimir Nabokow – und sie wurden in einigen Artikeln und Interviews gegeneinandergestellt.

Nobelpreis und Sorge um den Anderen

Es wurde erzählt, dass Bunin auf seinem Weg zur Preisverleihung nach Stockholm in Berlin angehalten wurde, was ihn endlich zu einer weltbekannten Persönlichkeit machte. Nobelpreisgewinner oder nicht, die Gestapo verhaftete und verhörte ihn – unter dem Vorwand von Juwelenschmuggel – und er wurde gezwungen, ein Glas Rizinusöl zu trinken. Gegneriusche Stimmen fanden, dass der Preis an Maxim Gorki gegangen sein sollte. Während des Zweiten Weltkriegs blieb Bunin, der ein entschiedener Gegner der Nazis war, in Paris. Während der gesamten Okkupation hatten die Bunins Alexander Bakhrakh [oder: Aleksandr Bachrach], einen Juden, in ihrem Haus in Grasse aufgenommen. Bunin war über jüdischen Brauch gut unterrichtet. Pariser Antisemiten bei der Zeitung Renaissance nannten ihn den „Kike- Vater“. [Kike ist eine rassistische Bezeichnung für jüdische Menschen].

Bunins Tod

Bunin starb am 8. November 1953 an einem Herzanfall in einer Pariser Dachwohnung. Er war völlig verarmt nachdem er viele russischen exilanten geholfen hatte. Seine geplante Trilogie, die mit Das Leben des Arsenjew begonnen hatte, wurde vom russischen Schriuftsteller Konstantin Paustowski charakterisiert als: „weder eine Novelle, noch ein Roman oder eine lange Erzählung, eher ein bislang unbekanntes Genre.“ Der zweite Teil, LIKA, wurde 1939 veröffentlicht. Bunin modifizierte seine Ansichten von der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg, und eine fünfbändige Ausgabe seiner werke erschien in seinem Geburtsland.

[deutschsprachige Ausgabe in der Aufstellung]
Zur weiteren Lektüre: Die Lebensanschauung I.A.B.s nach seinem Prosawerk by B. Kirchner (1968)

Quelle: Petri Liukkonen, Authors‘ Calendar  (Überschriften von mir)

Advertisements

Kommentar willkommen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s