Wohlgefallen

Ja, lasst uns das Wort „Wohlgefallen“ aus dem Düster des Halbvergessens heben, um ein Meisterwerk zu preisen: Die Vorzugsausgabe im Insel Verlag von Aristophanes Lysistrate. Alles begann eigentlich mit einem Irrtum, als ich zum Herbst einen Auftrag bei Suhrkamp und Insel zusammenstellte und unter den feinen Bändchen der Insel Bücherei wählte. Beim Kopieren der ISBN bin ich da in die Vorzugsausgabe gerutscht; und sonst hätte ich mich nicht getraut, so ein kleines Bändchen, das seine 78,00 Euro wert ist, ins Programm aufzunehmen. Aber glauben Sie mir, wenn man nur einmal das Leder gefühlt hat, ist es um Einen geschehen. Das soll nicht heißen, dass ich diesen Band nicht für einen Käufer aus den Händen gebe; denn mir liegt ja daran, gute Bücher zu verbreiten und das Wohlgefallen zu teilen.

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Nicht ganz die Vatikan Bibliothek,
aber immerhin …
@ privat
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@ Heinrich Heine Antiquariat, Düsseldorf

Wenn man also dies schmale Bändchen, in knistrigem Seidenpapier eingeschlagen, so Lage um Lage herausschält wie eine Matrjoschka, das weiche feine Leder begreift und beim Aufschlagen der Seiten auf die herrlichen Zeichnungen Pablo Picassos stößt, dann ist das ein Fest.

Die Bücher in der Vatikanbibliothek sind, so wird gesagt, allesamt in weißes Ziegenleder eingebunden, und daran musste ich sofort denken – nicht der Farbe wegen – hier ist es ein sattes Burgunderrot – sondern wegen des Gefühls und wegen dieses Wissens um Meisterschaft im Handwerk: die Papierherstellung und Lederbearbeitung, das Drucken und Binden.  Wie so eine Ansammlung von Vorzugsausgaben im Regal aussieht vermittelt dies Photo aus dem Heinrich Heine Antiquariat. Der Insel Verlag listet seine lieferbaren Vorzugsausgaben auf seiner Internetseite auf.

Ich wählte „Lysistrate“ (keine Ahnung, warum das a für ein e eingetauscht wurde), weil die Botschaft mir gefällt. Moses Hadas, den ich schon zu Euripides erwähnte, leitet Lysistrata folgendermaßen ein:

[…] in Lysistrata, presented after the Sicilian disaster of 413 B.C., the scheme for ending war is a sex strike on the part of the women. The operation of the strike is exceedingly funny, especially where the young wife teases her panting husband so unmercifully, but the play as a whole is sad. Now, the poet implies, no national solution of the political problem seems possible. His sympathetic understanding of the plight of women, whose lives war leaves sunless and empty, is touching and timeless in its relevance. […]

(frei übersetzt: …in Lysistrata, vorgestellt nach dem Disater von Sizilien, 413 v. Chr., der Plan um den Krieg zu beenden ist eine Verweigerung des Sex seitens der Frauen. Die Ausführung des Streiks ist zunehmend lustig, besonders wie die junge Frau ihren lechzenden Ehemann so unbarmherzig erregt, aber das Stück als solches ist traurig. Nun, so zeigt der Dichter, scheint keine der nationalen Lösungen des politischen Problems mehr möglich zu sein. Sein Verständnis von der Misere der Frauen, deren Leben der Krieg sonnenberaubt und leer hinterlässt, berührt und ist in seiner Relevanz zeitlos …)

Quelle: The Complete Plays Of Aristophanes, Edited and with an introduction by Moses Hadas

Die Insel Ausgabe ist in der Übersetzung von Ludwig Seeger. Hier noch zwei Kostproben, wie die Idee geboren wird, von ihm, und von Jack Lindsay in der Bantam-Ausgabe:

MYRRHINE
Und wenn wir nun – was Gott verhüt! – uns wirklich
Enthielten, brächten wir’s dadurch denn eher
zum Fieden?

LYSISTRATE    Bei Demeter! ganz gewiß!
Wir sitzen hübsch geputzt daheim, wir gehn
Im Florkleid von Amorgos, halbentblößt,
Mit glattgerupftem Schoß vorbei an ihnen:
Die Männer werden brünstig, möchten gern,
Wir aber kommen nicht – rund abgeschlagen! –
Sie machen Frieden, sag‘ ich euch, und bald!

LAMPITO:      Chum het der Menelaus der Helena
Die nackte Brüst gseh, wirft er’s Schwert scho furt.

 ♦

CALONICE.    But if–which heaven forbid–we should refrain
As you would have us, how is Peace induced?

LYSISTRATA.     By the two Goddesses, now can’t you see
All we have to do is idly sit indoors
With smooth roses powdered on our cheeks,
Our bodies burning naked through the folds
Of shining Amorgos‘ silk, and meet the men
With our dear Venus plats plucked trim and neat.
Their stirring love will rise up furiously,
They’ll beg our arms to open. That’s our time!
We’ll disregard their knocking, beat them off–
And they will soon be rabid for a Peace.
I’m sure of it.

LAMPITO.     Just as Menelaus, they say,
Seeing the breasties of his naked Helen
Flang down the sword.

Übrigens, die Ausgabe (altgr. / engl.) bei Loeb ist (laut Auslieferung) vergriffen. Die Ausgabe (altgr. / dt.) bei Reclam in der Übersetzung von Nikolas Holzberg ist lieferbar, und ebenso die Übersetzung von Erich Fried, bei Wagenbach – auch eine Idee…

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2 Kommentare zu „Wohlgefallen“

  1. Ja, almathun, reichen wir uns das Du; denn uns verbindet die Freude an unvergänglichen Leseschätzen.

    Weil Aristophanes und seine engen Verwandten ja schon lange tot sind, kann ich den Text zu Lysistrata ohne Weiteres im Internet finden, währe da nicht erstens der Übersetzer mit seinen Rechten und zweitens, wie Du richtig bemerkst, das Gefühl des Gegenstandes Buch in guter Ausführung, dem selbst ein teures elektronisches Gerät nichts entgegenzusetzen vermag.

    Ich war jedenfalls froh, wenn zwar nicht eine edle Lederausgabe, dann doch die erschwingliche Taschenbuchausgabe im privaten Regal hervorziehen und darin eintauchen zu können. Sie ließ mich auch an die gestorbenen Verwandten denken, die vorher darin gelesen und studiert hatten und die Orte, an denen das Buch schon im Regal gestanden hat, allzeit bereit für den geneigten Leser.

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  2. Ach herrlich, das gefällt mir, allein schon deine Beschreibung ist ein Fest für die Sinne. Wer würde dieses schöne Buch ernsthaft mit einem Ebook-Reader eintauschen wollen? Und vielen Dank auch für die spannende Zitatesammlung aus dem Buch. Ich musste mehrfach schmunzeln, aber wie du ja auch schreibst, stellt die List der Frauen einen kleinen comic relief in einem traurigen Kontext dar.

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