Wie gehen wir miteinander um?

koerfer
Strauss Medien

Weissbuch

Es soll, so hieß es am 29. Oktober in der Presse, vom Bundesministerium der Verteidigung 2016 ein neues „Weissbuch“ erscheinen. Auf der BMVg Seite finde ich nur Informationen zum Weissbuch 2006. (Ach, guter Altpräsident Köhler. Warum nur? Wären Sie uns doch geblieben.) Ein Besuch direkt bei ursula-von-der-leyen.de/ hat mich auch nicht schlauer gemacht. Also vertraue ich der Presse.

Es geht aber darum, wie die Bundesrepublik Deutschland sich gegenüber anderen Staaten verhalten wird. Da die Autorenschaft bei der Bundeswehr liegt, ist der Blick auf den Anderen immer noch aus der Uniform heraus gerichtet. Hier erinnere ich gerne an die Mahnung von Chefankläger von Nürnberg, Benjamin Ferencz, dass Kriege die Kardinalverbrechen (Verbrechen gegen die Menschlichkeit) immer im Schlepptau haben; dass wir deshalb das zentrale Anliegen der Charta (siehe unten) mit Nachdruck stärken und weiterentwickeln sollten, damit die Ambivalenz von „daß Waffengewalt nur noch im gemeinsamen Interesse angewendet wird“ in einem wirklichen Fortschritt zugunsten ziviler Lösungen überwunden wird.

antikrieg
Anti-Kriegs-Museum, Wedding
Photo: Isabelle Buckow

11. November – Remember!

Am Dienstag ist das Martinsfest, und Martin von Tours war nicht nur einer der frühesten Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen, sondern auch ein unermüdlicher Schlichter und Diplomat. (Das kann man alles nachlesen in der Legenda Aurea, oder bei Gregor von Tours, oder bei Sulpicius Severus). Der 11. November ist auch Rememberance Day, was unserem Volkstrauertag entspricht, der Tag, an dem aller Toten der Weltkriege gedacht wird. Ich rufe St. Martin darum an dieser Stelle zum Patron auf, dass sich in diesem Lande und zu dieser Zeit die mündigen Bürger mit der Frage beschäftigen sollen, wie wir aus kolonialer Vergangenheit, aus menschenverachtendem Totalitarismus unter der Nazizdiktatur und aus zwei furchtbaren Kriegen lernen können, zivilisierter mit Andersdenkenden und mit Agressoren umzugehen. Lesen und Nachdenken ist da ein guter Weg.

Daniel Koerfer
Diplomatenjagd
Joschka Fischer, seine Unabhängige Kommission und Das Amt

Es fiel mir darum ein, dass es ein guter Zeitpunkt wäre, die gründliche Studie Daniel Koerfers in Erinnerung zu rufen, die vor gerade einem Jahr erschienen war, als Reaktion auf die von Joschka Fischer in Auftrag gegebene Untersuchung der Rolle des Auswärtigen Amtes unter den Nationalsozialisten, besonders in Hinblick auf die Judenverfolgung und -Ermordung. Das Buch hat einen etwas journalistischen Anstrich mit flotten Überschriften wie (das wird immer gerne zitiert und springt wirklich ins Auge): „Hitlers willige Diplomaten im Visier von Fischers willigen Historikern“ und „Alte Muster linker Geschichtspolitik“ und „Im Amt: Opportunismus, stiller Zorn und Resignation“ usw., aber man sollte sich klar sein, dass Koerfer ein Wissenschaftler vom Fach ist und dass er viel eifrige Recherche, intensive Gespräche und gründliches Nachdenken in dieses Buch gesteckt hat. Ein Anliegen des Buchs ist es, das Recht eines Toten zu verteidigen:

„Der Fall [Franz] Nüßlein ist bei näherer Betrachtung überhaupt nicht klar – und damit leider auch kein ‚Beweis‘ für die grausige braune Elitenkontinuität, die als Vorwurf den Subtext des Amt-Buches durchzieht.“

So sagt Daniel Koerfer, im ausführlichen Gespräch mit Frank Schirrmacher zu Anfang. Alfred Grosser hat einen langen Essay beigesteuert:  À propos Das Amt, in dem er wie der grummelig-leidenschaftliche Ustinov auszurufen scheint: Achtung Vorurteile!

Das Buch ist ein unbedingt lohnenswerter Streifzug durch unsere jüngere Geschichte und gibt jede Menge Nahrung für Reflektion. Es weckt auch die Streitlust mit Waffen des Geistes, und das ist allemal besser als in meinen Augen prähistorisch anmutende militärische Aufrüstung.

Hier noch kurz angehängt zur Erinnerung:

Charta der Vereinten Nationen
PRÄAMBEL

WIR, DIE VÖLKER DER VEREINTEN NATIONEN – FEST ENTSCHLOSSEN,

künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat,
unseren Glauben an die Grundrechte des Menschen, an Würde und Wert der menschlichen Persönlichkeit,
an die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie von allen Nationen, ob groß oder klein, erneut zu bekräftigen,
Bedingungen zu schaffen, unter denen Gerechtigkeit und die Achtung vor den Verpflichtungen aus Verträgen und anderen Quellen des Völkerrechts gewahrt werden können,
den sozialen Fortschritt und einen besseren Lebensstandard in größerer Freiheit zu fördern,

UND FÜR DIESE ZWECKE

Duldsamkeit zu üben und als gute Nachbarn in Frieden miteinander zu leben,
unsere Kräfte zu vereinen, um den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren,
Grundsätze anzunehmen und Verfahren einzuführen, die gewährleisten, daß Waffengewalt nur noch im gemeinsamen Interesse angewendet wird, und
internationale Einrichtungen in Anspruch zu nehmen, um den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt aller Völker zu fördern –

HABEN BESCHLOSSEN, IN UNSEREM BEMÜHEN UM DIE ERREICHUNG DIESER ZIELE
ZUSAMMENZUWIRKEN.

Dementsprechend haben unsere Regierungen durch ihre in der Stadt San Franzisko versammelten Vertreter, deren Vollmachten vorgelegt und in guter und gehöriger Form befunden wurden, diese Charta der Vereinten Nationen angenommen und errichten hiermit eine internationale Organisation, die den Namen “Vereinte Nationen“ führen soll.

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