Schnell mal ums Karree

pudel
© Sissa Marquardt; Pudelsalon Schöneberg, 1986 Stadtmuseum Berlin
griet_avater
De dulle Griet

M* brachte diese Postkarte herein, und das Motiv ist hier wirklich von (zweimal) gleich um die Ecke (Helm/Erdmann). Offengestanden hatte ich 2010 mein Auge auf den Eckladen geworfen, als mögliches Quartier für meine Buchhandlung, aber daraus wurde dann nichts, obwohl sich die Pudel schon lange verzogen haben. Die bezaubernde ovale Leuchtreklame ist so noch da, und die Fassade ist noch etwas mehr heruntergekommen. Das Haus ist dunkel und verschlossen. Aber alle paar Wochen – oder sind es Monate – schwärmen abends und wochenends gemütliche Zwanzigjährige aus, der ganze Bürgersteig zu Füßen der Stufen steht plötzlich voller leuchtender, herausgeputzter Polstermöbel, und es ist, als ob sie zum Jungfernsitzen vom Stapel gelassen würden. Die Ecke verwandelt sich in eine Kulisse für La Boheme, nur insgesamt wärmer. Mysteriös das Ganze. Nur Pudel sind nicht dabei.

meunierKrethi, Plethi und Müller

Die Postkarte ist übrigens vom Stadtmuseum Berlin, und zwei der damit beworbenen Veranstaltungen stehen noch an, finden allerdings etwas weiter weg im Wedding statt, im ExRotaprint Projektraum „Glaskiste“ – was für ein Name! Ich verweise da mal zu www.west.berlin, aber die April-Veranstaltung erhält just besonderes Gewicht, da unser designierter Bürgermeister doch so heißt, woll?

An der anderen Crelleecke und dazwischen

crelleWo einst die heißumkämpften Linden standen und fielen, erhebt sich grau und kantig und für mein Empfinden mindestens zwei Stockwerke zu hoch der rohe Neubau an der Ecke Crelle/Langenscheidtbrücke. Wie die Architekturgraphik zeigt, gibt’s dann drei neue junge Linden. Warum lernen Architekten eigentlich nicht mehr, schöne Zeichnungen anzulegen. Diese CAT-und-Photoshop-Monstrositäten sind mir ein Graus. Aber auch ein Lyonel Feiniger könnte diesen Klotz mit keiner Kunst gewanden. Eigentlich komme ich selten zur Crellestraße, radle lieber über die stille lindengesäumte Erdmannstraße; aber vorige Tage (sagt man das noch?) hab ich mich zu einer Wohnungsbesichtigung dazugesellt, mehr aus purer Neugierde. Hausmeister und Verwalter waren überaus freundlich, wie wir so im Dämmer durch das im Stadium der Grundsanierung befindliche Objekt schuffelten. Ah, stellte ich fest- keine Ladenwohnung. Normale Fenster, kein Eingang zur Crellestraße hin. Zum Hof ein heller Raum mit einem großen Kachelofen. „Wenn der Russe kommt“, hauchte ich meiner Begleitung zu und hatte das eigentlich als Witz gedacht, aber heutzutage – wer weiß, vielleicht bringen wir den Russen noch so weit mit all unserem westbündischen Eifer. Also die Option, einen Laden zum Teilen zu finden und die Kosten zu halbieren – das hatte eh nach einem Märchen geklungen. Wer in diese Wohnung zieht, der hat’s geschafft.

augustaZwei Häuser die Straße herunter

La Cantine d’Augusta und sein lachender Betreiber aus den grenobligen Bergen sind eine wahrhafte Bereicherung für die Langenscheidtstraße gerade vor der Brücke, ganz abgesehen von Espresso und Baguette etcetera. Rote, blaue und gelbe Klapptische stehen derzeit mit angezogenen Schultern aber ansonsten unverdrossen leuchtend im Dezemberniesel. Den ganzen Sommer über schnatterten, murmelten, humhumten und lachten die Gäste französisch vor der Tür, inzwischen verziehen sie sich ins helle Innere, verständlicherweise, aber alles hat weiter einen heiteren und auch kultivierten Flair. Ach, es ist schon schön hier, muss ich sagen.

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4 Kommentare zu „Schnell mal ums Karree“

  1. Auf die Stufen habe ich gar nicht geachtet, aber das stimmt, sie sind gar nicht unbedeutend und auch mir sehr lieb: ein sozialer Ort, ein kleiner Transitbereich, der die Möglichkeit zum Verweilen und Betrachten bietet. Man ist ein bisschen herausgezogen aus dem allgemeinen Treiben, aber teilnehmend. Das ist ein Aspekt, der mich interessiert: das, was Distanz schafft, ermöglicht erst (vielleicht, das wäre die Frage) die Distanzaufhebung oder -verringerung. Ich denke auch an das Celan’sche Sprachgitter … lauter Barrieren, die zum Austausch einladen.

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    1. Im Kapitel „The Ramble“ (im Buch „How To Be Idle, in dem ich schon seit ein paar Wochen lese und nur langsam vorwärtskomme, weil nur selten Gelegenheit zum „Idln“ auftaucht) zitiert Tom Hodgkinson Jonathan Meades mit einer Kunst des „Herumhängens“, die gut zu Stufenhocken in der Öffentlichkeit passt: „This week I put in several hours‘ sterling loitering interspersed with energy-saving bouts of farniente supinity. Observant sloth is its own reward. Just hanging around and seeing what happens …“ Yeah!

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    1. Ja, MovSptz, „Die bezaubernde ovale Leuchtreklame [Pudel Salon] ist so noch da“ – aber alles andere ist weg oder verändert.

      Mir gefallen übrigens auch die Stufen – obwohl sie natürlich Barrieren bedeuten. Für mich sind Stufen aber immer Stübskes, auf denen man gelassen sitzt und sich für ein Schwätzchen unter Nachbarn oder Vorbeikommenden öffnet. Der Laden in der Langenscheidtstraße hat auch eine Stüb, und bisher hat es meines Wissens keinem Rollstuhlfahrer, Kinderwagen-Schieber oder Gehbehinderten gestört, wenn ich bei ihrem Eintreten mithalf. Auf die Stufe entlang des Schaufensters klettern gern kleine Kinder, um die Kinderbücher besser angucken zu können. Ich höre dann ihre fröhlichen Stimmen und hab schon manchesmal die Scheibe abends geputzt, wo sie ihre Nasen plattgedrückt hatten. Noch so kleine Freuden eines Ladenbesitzers. Und das mein ich so.

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