Ah, Flaubert!

flaubert
Gustav Flaubert, geboren am 12. Dezember 1821

Die ewige Orgie

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Rowohlt

So heißt ein ausführlicher Essay von Mario Vargas Llosa zu Flaubert und Madame Bovary, der ganz zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist, so scheint mir zumindest. Erschienen ursprünglich 1975, La orgía perpetua. Flaubert y Madame Bovary, las ich ihn Anfang der Achtziger in deutscher Übersetzung (1980, Maralde Meyer-Minnemann) in der inzwischen legendären rosaumrandeten Rowohlt-Ausgabe. Von da an las ich fort, die gesamte Flaubert Kassette von Diogenes, ganz in Braun, an der verschiedene Übersetzer gearbeitet hatten. Abgesehen von Madama Bovary sind mir besonders gut in Erinnerung die drei Erzählungen, darunter die berühmteste: „Ein schlichtes Herz“, und die Romane „Die Erziehung des Herzenes“ und „Salambô“.

Madame Bovary

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Des Schriftstellers Almanach Aus Garrison Keillors The Writer’s Almanac und aus Petri Liukkonens Authors‘ Calendar für den deutschsprachigen Leser

Garrison Keillor zitiert aus dem Kapitel Neun:

„Im tiefsten Grunde ihrer Seele harrte sie freilich immer des großen Erlebnisses. Wie der Schiffer in Not, so suchte sie mit verzweifelten Augen den einsamen Horizont ihres Daseins ab und spähte in die dunstigen Fernen nach einem weißen Segel. Dabei hatte sie gar keine bestimmte Vorstellung, ob ihr der richtige Kurs oder der Zufall das ersehnte Schiff zuführen solle, nach welchem Gestade sie dann auf diefem Fahrzeuge steuern würde, welcher Art dieses Schiff überhaupt sein solle, ob ein schwaches Boot oder ein großer Ozeandampfer, und mit welcher Fracht er fahre, mit tausend Ängsten oder mit Glückseligkeiten beladen bis hinauf in die Wimpel. Aber jeden Morgen, wenn sie erwachte, rechnete sie bestimmt darauf, heute müsse es sich ereignen. Bei jedem Geräusch zuckte sie zusammen, fuhr sie empor und war dann betroffen, daß es immer noch nicht kam, das große Erlebnis. Wenn die Sonne sank, war sie jedesmal tieftraurig, aber sie hoffte von neuem auf den nächsten Tag.“

Dies ist die Übersetzung von Arthur Schurig bei Insel. Bei Reclam kam 1972 eine Fassung in der Übersetzung von Ilse Perker und Ernst Sander heraus, die im Laden vorrätig ist, in der Auflage von 2012.  Die Prosa klingt da zeitgemäßer, etwa:

„Dabei wußte sie nicht, wie dieser Zufall beschaffen sein würde, dieser Wind, der es ihr zutriebe, zu welchem Gestade er sie führen, ob es eine Schaluppe oder ein Schiff mit drei Decks sein würde, ob beladen mit Ängsten oder mit Glückseligkeiten bis an die Stückpforten.“

Im Englischen Zitat klingt der Ausschnitt übrigens so:

„She knew not what it would be, this longed-for barque; what wind would waft it to her, or to what shores it would bear her away. She knew not if it would be a shallop or a three-decker, burdened with anguish or freighted with joy.“

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Petri Liukkonen schreibt auf seiner Seite Authors‘ Calendar:

„Als Schriftsteller war Flaubert Perfektionist, der nicht unterschied zwischen schönen oder häßlichen Gegenständen; alles war stilgerecht. Die Idee, so erklärte [Flaubert), existierte nur dank ihrer Form – deren Elemente umfassten den treffenden Ausdruck (the perfect word), geschickt hervorgebrachte und variierte Rhythmen und eine einzigartige architektonische Struktur.“

Und dann zitiert Liukkonen ebenfalls aus Madame Bovary, hier das deutsche Zitat aus der Reclam-Ausgabe:

„Ist es Ihnen nicht bisweilen widerfahren“, sprach Léon weiter, „dass Sie in einem Buch einem vagen Gedanken begegneten, den Sie selber gehabt haben, irgendeinem verschwommenen Bild, das aus der Ferne wieder zu Ihnen kommt, etwas wie die uneingeschränkte Darlegung Ihres feinsten, zartesten Gefühls?“
„Das habe ich empfunden“, antwortete sie.
„Eben deswegen“, sagte er, „liebe ich vor allem die Dichter. Ich finde, dass Verse zarter als Prosa sind, und dass sie einen besser zu Tränen rühren.“

Vargas Llosa beobachtet, wie der alte erklärte Misanthrop Flaubert so gut Menschen aller Art durchschaut und zu verstehen meint und ihnen in seiner Bearbeitung gerecht wird, sie achtet wie sie sind.  Während ich diesen Blog schreibe bekomme ich schon Lust, ihn wieder zu lesen. Flauberts Prosa hat mich nicht zu Tränen gerührt, wie etwa zugegebenermaßen Victor Hugo das tat, aber er hat ganz unzweifelhaft „die kleinen grauen Zellen“ angeregt.

* Der Artikel in der New York Review of Books liegt übrigens hier im Laden parat, zum Lesen in sito.

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