Lowry und L’Engle

jan
… weiter im Uhrzeigersinn …

Mit einem Satz hinein

K* wünschte Science Fiction Literatur, die auch für Jugendliche geeignet sei, und ging mit Ray Bradburys ausgezeichneten Kurzgeschichten davon: Fahrenheit 451 und Der illustrierte Mann (beide bei Diogenes, übersetzt von Fritz Güttinger und Peter Naujack). Solche Kundenwünsche regen an, und so habe ich nun Einblick in zwei weitere Science Fiction Klassiker genommen.

giver
Originalausgabe, HarperCollins

Lois Lowry
Hüter der Erinnerung (The Giver, 1993)
Übersetzt von Anne Braun
dtv

1
Der Dezember stand vor der Tür und Jonas bekam es allmählich mit der Angst zu tun. Nein, Angst war das falsche Wort, dachte Jonas.“

Wortwahl, Gefühl, Aufrichtigkeit, Zukunft – das sind Kernthemen des fesselnden Jugendromans, der zu Recht zu den Klassikern gezählt wird. Wir begleiten Jonas, der zu den Zwölfern gelangt, und erfahren mit ihm, welchem Beruf er zugeteilt werden wird. Wir denken uns langsam in ein soziales System hinein, eine Welt, die sich mehr und mehr als fremd erweist, obwohl sie von Normalität nur so strotzt. Eine anregende Lektüre ist das auch für Erwachsene, und höchst politisch, wenn man drüber nachdenkt. Der Ton ist nüchtern und vernünftig. Ernst. Ich kenne das Original (noch) nicht, aber die Übersetzung von Anne Braun gefällt mir gut.

Hier noch ein Moment, wo „der Geber“ beginnt, Jonas zu unterrichten:

Er schloss seine Augen wieder. „Ich kam in genau denselben Raum wie du, um meine Ausbildung anzufangen. Das war vor langer, langer Zeit.“
Plötzlich beugte er sich nach vorne, öffnete die Augen wieder und sagte: „Du kannst mir Fragen stellen. Ich habe so wenig Erfahrung darin, Dinge zu beschreiben. Es ist verboten, darüber zu sprechen.“

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Originalausgabe
Farrar, Straus and Giroux (Macmillan)

Madeleine L’Engle
Die Zeitfalte (A Wrinkle in Time, 1962)
Übersetzt von Wolff Harranth
cbj (Random)

Frau Wasdenn
Die Nacht war dunkel und stürmisch

blfc
Snoopy von Charles M Schulz quoting Bulwer-Lytton (from the BLFC site)

Hier muss ich mal kurz unterbrechen und ein wenig lachen. Mancher, der mit der englischen Sprache vertraut ist, erinnert sich hier vielleicht auch an den Bulwer-Lytton Fiction Contest für „opening sentence to the worst of all possible novels“. So geht’s weiter mit dem Anfang:

Margaret Murry saß in ihrer Dachkammer, in eine Decke gewickelt, am Fußende des Bettes und sah zum Fenster hinaus. Die Bäume schwankten, wenn der wilde Wind sie peitschte. Die Wolken jagden nur so über den Himmel. Hin und wieder riß die Wolkendecke auf; dann guckte ein bleicher Mond durch und warf lange Schatten, die gespenstisch über den Boden tanzten.
Das ganze Haus zitterte
Meg, in ihre Decke gehüllt, zitterte ebenfalls.

„worst of all possible novels“ – weit davon entfernt. Das ist ein Kinderbuch, das von Kindern gelesen werden sollte; von Erwachsenen allerdings nur gewappnet mit Gelassenheit, weil die zuviel bemerken werden. Für Kinder wird es eine richtig spannende Geschichte sein voller erinnerungswerter Personen und Gestalten, zum Zittern vor Aufregung und zum Jubeln, wenn das Böse Ding eine Schlappe erleidet, und zum Staunen über das, was es – mal wieder – alles so gibt zwischen Himmel und Erde, vermutlich oder wenigstens vielleicht. Ja, und die kleine trotzige und verquere Meg, die bringt’s. Hier ist Meg beim Direktor, weil sie im Unterricht gemurrt hatte: „Als ob es so wichtig wäre, womit in Nicaragua gehandelt wird!“:

„Zu Hause ist alles in bester Ordnung!“
„Das höre ich gern. Ich dachte ja nur, du könntest vielleicht darunter leiden, dass dein Vater fort ist.“
Jetzt war Meg auf der Hut. Sie zog die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und strich mit der Zunge lauernd über ihre Zahnklammern.
„Habt ihr in letzter Zeit von ihm gehört?“
Täuschte sie sich, oder klang das wirklich nicht bloß nach oberflächlicher Anteilnahme, sondern nach schlechtverhüllter Neugier? Das wüsstest du gern, was?, dachte sie.“

Als Erwachsener gefiel mir die erste Hälfte weitaus besser als die zweite, die sich bemüht, das philosophische Gebäude fertig zu verputzen und ihm einen realen Platz in unserer Welt zuzueignen. Warum nur, wenn es doch schon prima ist, gut unterhalten zu werden und anzufangen, sich zu wundern. Charles Wallace am Fuß von ES erinnert mich stark an Kai im Palast der Schneekönigin – oder auch an Edmund in den Fängen von Tilda Swinton, will sagen, der weißen Hexe in Narnia. (Auch der religiöse touch erinnert mich sehr – und unangenehm – an C. S. Lewis, aber -hej! – „Die Zeitfalte“ wurde in den frühen Sechzigern geschrieben, also alles halb so wild.) Der Spaß in Kinderbüchern ist, den wichtigen Themen zu begegnen, mit denen wir Großen uns ja immerzu herumschlagen: Anpassungszwang, Gewissen, Füreinander einstehn, Grenzen ziehen, Grenzen überwinden, etcetera, und an andere Bücher erinnert zu werden, oder an die von mir geliebten frühen Episoden von Raumschiff Enterprise, an die ich beim Lesen auch oft erinnert wurde; denn auch L’Engle versucht mit einfachen Tricks und Zutaten nichts anderes, als das menschliche Miteinander zu verbessern.

* K. steht für Kunde

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