Hugo von Hofmannsthal

Hofmannsthal

L’art pour l’art oder schreiben füreinander?

Reiselied
Wasser stürzt, uns zu verschlingen,
Rollt der Fels, uns zu erschlagen,
Kommen schon auf starken Schwingen
Vögel her, uns fortzutragen.

Aber unten liegt ein Land,
Früchte spiegelnd ohne Ende
In den alterslosen Seen.

Marmorstirn und Brunnenrand
Steigt aus blumigem Gelände,
Und die leichten Winde wehn.

kaillor_geburtstag
Des Schriftstellers Almanach Aus Petri Liukkonens Authors’ Calendar für den deutschsprachigen Leser

Dieses Sonett hat Petri Liukkonen für seinen Eintrag zu Hugo von Hofmannsthal ausgewählt, und ich kenne es noch vom legendären Deutschunterricht in der Oberstufe und mag es sehr. Wenn man ein paar Jahre auf dem Buckel hat, erinnert man sich an diese Zeiten, wo nichts festgefügt zu sein scheint, wo es von oben und unten wackelt und wie es einen von irgendwoher packt und man wieder auf sicheren Grund gestellt wird. In dem Gedicht erkenne ich auch eine Beobachtung meines Vaters als einfacher Gefreiter im Krieg, bemüht, Mensch zu bleiben im Wahnsinn, der die unglaubliche Schönheit der russischen Landschaft und des Himmels darüber wahrnahm, wo zur selben Zeit dort gemordet und verwüstet wurde. Im Gedicht ist es aber die Naturgewalt, und auch die kann erschreckend und vernichtend erscheinen.

Als ich in den Achtzigern nach Berlin kam, las ich in den gelben Taschenbuchbänden vom Fischer Verlag. Viele Texte und Dramen Hofmannsthals (Frau ohne Schatten) sind nicht gerade leicht zugänglich für mich, aber trotzdem berühren sie mich, wenn ich mal wieder darin lese oder sie mir wieder begegnen, beispielsweise in den Opern von Richard Strauss, oder wenn es passt, wie die Zeile: Manche, freilich, müssen unten rudern – nein, es ist alles viel grimmer, als ich in Erinnerung behalten habe; das Gedicht beginnt wirklich:

Manche freilich müssen drunten sterben,
Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen

Manche freilich gehört bestimmt nicht in die ‚art-for-art’s sake‘ – Zeit, über die Liukkonen hier schreibt:

Zwischen 1891 und 1899 schrieb Hofmannsthal eine Reihe von kurzen Gedichten und Stücken, darunter ‚Gestern‘ (1891), ‚Der Tor und der Tod‘ (1893), das sich um einen egozentrischen Ästheten dreht, ‚Das kleine Welttheater‘ (1897), und ‚Die Hochzeit der Sobeide‘ (1899). Mit Siebzehn traf Hofmannsthal den deutschen Dichter Stefan George, von dem er für einige Zeit die Idee des „Kunst-um-der-Kunst-willen“ aufgriff. Während ihrer fünfzehn Jahre lang währenden Freundschaft erschienen viele der Gedichte Hofmannsthals in Georges Zeitschrift ‚Blätter für die Kunst‘. Was jedoch die Frage des Engagements

betrifft, so trennte Hofmannsthal sich vom elitären George-Kreis. In ‚Gestern‘ wird der Protagonist gewahr, dass die Wirklichkeit nicht um sein Selbst kreist. Hofmannsthal sah, dass auch wenn Kunst das Wichtigste im Leben eines künstlerisch Schaffenden sein kann, dies nicht so für Menschen gelten muss, denen diese Kreativität fehlt: „Es ist nichts im Innern wesentlich, das nicht zugleich im Äußern wahrgenommen wird.“ [Ich gehe mal davon aus, dass dieses Zitat gemeint ist]

[Between 1891 and 1899 Hofmannstahl wrote a number of short verse and plays, among them Gestern (1891), Der Tor und der Tod (1893), which focused on an egocentric aesthete, Das kleine Welttheater (1897), and Die Hochzeit der Sobeide (1899). At the age of seventeen Hofmannsthal met the German poet Stefan George, from whom he adopted the idea of ‚art-for-art’s sake‘ for a period. During their fifteen-year friendship many of Hofmannsthal’s poems appeared in George’s journal Blätter für die Kunst. However, in the question of involvement, Hofmannstahl parted with the elite circle of George. In Gestern the hero realizes that reality doesn’t circle around his ego. Hofmansthal saw that while art can be the most important thing in the life of a creative person, it doesn’t have such meaning for the people who are unable to create: „Our present is all void and dreariness, / If consecration comes not from without.“]

Für englischsprechende Leser lohnt es, den ganzen Beitrag bei Authors‘ Calendar zu lesen und dort eine ausführliche Bibliographie zu finden. Für den deutschsprachigen Leser gibt es auf dem Blog notizhefte von Norman Weiß eine ausführliche Besprechung vom Juni 2014 zur Hofmannsthal Biographie von Weinzierl (zu sehen oben im Bild). Weitere Titel von und zu Hugo von Hofmannsthal bestelle ich Ihnen gerne.

Ulrich Weinzierl schreibt ganz engagiert, und er beginnt seine Biographie frisch und unverzagt mit einer Beschreibung von Hofmannsthals großem Widerwillen von jeglichem „läppischen Biographismus“ und vom Stöbern in privaten Hinterlassenschaften. Er berichtet, wie Hofmannsthal wollte, dass er selbst gänzlich von der Bühne verschwindet und nur sein Werk bleibt und für sich selber spricht. Aber so einfach ist es nicht. Er ist nun mal ein Weggefährte von Stefan George (siehe auch: Lesen im weitesten Sinne) und unzählig anderen Zeitgenossen, ein Geschöpf des österreichischen fin de siècle und gehört zu den verbrannten Dichtern. Seine Haltung, seine Entwicklung sind für uns heute, über seine Dichtung hinaus, wichtig.

Hugo von Hofmannsthal

Manche freilich …

Manche freilich müssen drunten sterben,
Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
Andre wohnen bei dem Steuer droben,
Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.

Manche liegen immer mit schweren Gliedern
Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
Andern sind die Stühle gerichtet
Bei den Sibyllen, den Königinnen,
Und da sitzen sie wie zu Hause,
Leichten Hauptes und leichter Hände.

Doch ein Schatten fällt von jenen Leben
In die anderen Leben hinüber,
Und die leichten sind an die schweren
Wie an Luft und Erde gebunden:

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
Kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
Noch weghalten von der erschrockenen Seele
Stummes Niederfallen ferner Sterne.

Viele Geschicke weben neben dem meinen,
Durcheinander spielt sie alle das Dasein,
Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
Schlanke Flamme oder schmale Leier.

Quelle: Freiburger Anthologie

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