Marc Aurel in Übersetzung

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Marc Aurel / Quelle: http://viamus.uni-goettingen.de/

 Alles dauert einen Tag, die da rühmen und die da gerühmt werden.*

Μάρκος Αυρήλιος Αντωνίνος, Τα εις εαυτόν – Ein Abenteuer

K.* bat mich, die ‚Meditations, by Marcus Aurelius‚ in deutscher Übersetzung zu bestellen, wo es im Ladenregal – ganz zu schweigen von persönlicher Leseerfahrung – bisher eine peinliche Lücke gibt. Übersetzungen sind mir lieb und wert, weswegen ich mich mit Eifer und Gründlichkeit auf den Weg der Wahl begebe.

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aus privatem Bücherschrank

Zu Hause im Bücherschrank steht die Insel Taschenbuchausgabe, in der Übersetzung von Otto Kiefer (Lizenz: Diederichs, 1991). Beim ersten Durchsehen von Imprint, Vorwort und Schlußbemerkungen gelang es mir nicht, den Originaltitel ausfindig zu machen, der hier mit „Selbstbetrachtungen“ wiedergegeben ist, anderso als „Wege zu sich selbst“ erscheint. Ich hatte mir vorher gar nicht klar gemacht, dass der Römer Marc Aurel seine Betrachtungen auf griechisch verfasst hatte. Tusculum, die schöne Reihe, die sich aus den Ruinen des Artemis & Winkler Verlags ins ehrenwerte Haus de Gruyter gerettet hat, liefert in seiner zweisprachigen Ausgabe den Titel.

Der Autor wird hierzulande gewöhnlich Marc Aurel oder Marcus Aurelius genannt, taucht aber auch kurioserweise als Mark auf. Als nächstes dachte ich: schau’n wir doch mal, wer ihn sonst so übersetzt hat, und siehe da, es kam folgende Liste von lieferbaren Ausgaben zustande (im Verlags-Alphabet):

  • Anaconda: Arno Mauersberger (1897-1976)
  • S. Fischer: Carl Cless (bzw. Karl von Cless, 1794-1874)
  • de Gruyter (Tusculum): Rainer Nickel, 1990
  • Kröner: Wilhelm Capelle (1871 – 1961)
  • Marix: G. F. Schneider (1887)
  • Reclam: Albert von Wittstock (1879)
  • Suhrkamp / Insel: Otto Kiefer (1846 – 1912)

Die Billig-Verlage Nikol und Anaconda hatten es nicht nötig, den Übersetzer oder die Lizenz zu nennen, im Marix Impressum heisst es:

Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden
Der Text wurde behutsam revidiert nach der Ausgabe
Marc Aurel’s Meditationen. Aus dem Griechischen von G.F. Schneider, Breslau
1887

wobei ich mich inzwischen vom Schock des Apostrophs erholt habe, aber Zweifel hege, ob es sich nicht eher um F. C. Schneider handelt. Den Übersetzer bei – sonst durchaus liebevoll verwalteten – Anaconda fand ich über Umweg bei meinem Auslieferer Umbreit; es ist Arno Mauersberger (1897-1976). Er übersetzte das Buch aber aus dem Lateinischen. Und wer übersetzte es denn ins Lateinische?

Um mich nun unter den seriösen Kandidaten zu entscheiden, werde ich in der nächsten Folge die mir vorliegende Ausgabe vom Insel Verlag mit der von Kröner vergleichen; beide Verlage bieten dankenswerterweise eine Leseprobe an. Bestellt sind auch noch die Ausgaben von Reclam und de Gruyter, preislich die Extreme (4,60 € /49,95 €). Ich würde mich in der Zwischenzeit freuen, von Marc Aurel Lesern zu hören, besonders auch, wie die Übersetzung „schmeckt“.

K.* steht für Kunde   * aus: Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, Insel 1997 Ü: Otto Kiefer

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6 Kommentare zu „Marc Aurel in Übersetzung“

  1. Lieblingsstellen aus den „Selbstbetrachtungen“ des Marc Aurel in der Übersetzung von Albert Wittstock, Reclam, Stuttgart 1949:

    „Wie einleuchtend muß es dir nicht vorkommen, daß keine andere Lebenslage zum Studium der Weisheit so geeignet sei als diejenige, in der du jetzt gerade dich befindest?“ (11. Buch, Nr. 7)

    „Kann mir jemand überzeugend dartun, daß ich nicht richtig urteile oder verfahre, so will ich’s mit Freuden anders machen. Suche ich ja nur die Wahrheit, sie, von der niemand je Schaden erlitten hat. Wohl aber erleidet derjenige Schaden, der auf seinem Irrtum und seiner Unwissenheit beharrt.“ (6, 21)

    „Forschend wende dich deiner eigenen Seele, der Seele des Weltganzen und deines Nächsten zu: deiner eigenen Seele, um ihr Sinn für Gerechtigkeit einzuflößen, der Seele des Weltganzen, um dich zu erinnern, du seiest ein Teil davon, von der Seele deines Nächsten, um zu erkennen, ob derselbe unwissentlich oder wissentlich gehandelt habe, und zugleich zu bedenken, daß sie der deinigen verwandt ist.“ (9, 22)

    Schöne Grüße

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    1. Vielen Dank, Arnold Nuremberg, für diese schönen Zitate.
      Es ist, als kommentierten sie zustimmend Juli Zeh, die gerade ein kluges Intzerview mit NZZ-Leuten auf 3-Sat gab, besonders wo sie die Stimme der Literaten als gültig im Diskurs erklärte und das Feld nicht den Experten überlassen wollte.
      So knüpft Mark Aurel immer ans heute an, und morgen an andere Stimmen. Aber die Richtung zum anderen Menschen und zum Miteinander bleibt.

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    1. Danke für den Hinweis, th. Dieses Marc Aurel Abenteuer, das ich gerade erst begonnen habe, hat in mir schon die starke Lust erweckt, eine Bücherei aufzusuchen, zum Beispiel im schönen neuen Jacob- und Wilhelm Grimm Zentrum oder nahebei die gute alte Staatsbibliothek von Scharoun. Da würde ich dann gerne im alten Krönerbändchen Heinrich Schmidts Betrachtungen zu den Betrachtungen lesen. Zu Marc Aurel gibt es lieferbar auch noch die Rowohlt Monographie von Klaus Rosen (1997).

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  2. Die Reclamausgabe habe ich damals, vor langer Zeit, kurz nach dem Abi, gelesen, in der S-Bahn sitzend, aus dem Fenster auf die langweilige und auch hässliche, vorbeischaukelnde Stadt blickend und mich fragend, was ich mit der furchteinflössenden, leeren Zukunft bloß anfangen solle. Also Antworten habe ich gesucht. Ob ich welche gefunden habe, weiß ich nicht mehr. Abgelöst hatte er eine mehrere Jahre andauernde Existenzialisten-und-Nietzsche-Phase, die echt ich nicht lustig fand. Und gelesen habe ich den Aurel, wie andere Leute wahrscheinlich Bücher des Dalai Lama lesen.

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    1. Ja, almathun, das Wenige, was ich bisher bei Marc Aurel gelesen habe, gefällt mir wegen seiner schlichten und pragmatischen Sicht auf das Leben und die Gesellschaft – und auch auf sich selbst -, vielleicht ein wenig trocken, aber nicht freud- und humorlos. Ich überlege gerade, wie ich Aurel jetzt lese – vielleicht wie einen Blogger, der was zu sagen hat … nee, ich denke, er gehört bei mir zu Lichtenberg, Montaigne, Gernhardt und Graf Bobby usw., ganz altmodisch zu den Kleinform-Literaten der Aphorismen, Epigramme und Anekdoten mit Stift auf Papier.

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