Marc Aurel – das Abenteuer geht weiter

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Und so wurde Marc Aurel übersetzt.
Ein Textvergleich, ergänzt mit Verlagsgeplauder

Aus dem sechsten Buch führe ich hier verschiedene Übersetzer durch die Jahre vor:

1.  Wilhelm Capelle (* 1871 † 1961)

Wie alles im Alfred Kröner Verlag ist auch die Leseprobe sorgfältig präsentiert. Im Kommentar hier auf dem Blog verweist th auf den – inzwischen vergriffenen – Kommentar im Verlag von Heinrich Schmidt zu den Selbstbetrachtungen: Marc Aurels Selbstbetrachtungen. Der Kröner Verlag widmed der Antike einen prominenten Raum, und Heinrich Schmidt hat sich dort, wie man entdeckt, auch anderweitig verdient gemacht. Aber nun frisch hinein in Marc Aurels Betrachtungen:

ALFRED KRÖNER akverlagVERLAG
_______________________
Leseprobe

44
Wenn die Götter über mich und das, was mir widerfahren soll, Ratschlüsse gefaßt haben, dann haben sie gute Ratschlüsse gefaßt. Denn einen ratlosen Gott kann man sich nicht einmal ohne Mühe vorstellen. | Aus welchem Grunde hätten sie auch beschließen sollen, mir Böses zu tun? Welchen Nutzen hätten sie oder das Weltall denn davon gehabt, für das sie doch vor allem sorgen? [….] Für einen jeden ist aber das vorteilhaft, was seiner eigenen Veranlagung und Natur entspricht. Meine Natur aber hat die Fähigkeit zu vernünftigem Denken und das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit meinen Mitmenschen. | Vaterstadt und -land ist für mich als Antoninus Rom, als Menschen der Kosmos. Was also diesen Staaten förderlich ist, das allein ist für mich nützlich.3

3 Wörtlich: ›etwas Gutes, ein Gut.‹
insel_aurel
aktuelle Insel Ausgabe, in der Übersetzung von Otto Kiefer

2. Otto Kiefer (* 1846 † 1912)

diederichsBeim Insel Verlag kann man zwar das ganze Vorwort von Klaus Sallmann lesen, aber aus Marc Aurels Betrachtungen gibt es kein Beispiel; deswegen hab ich die Stelle aus dem Insel Taschenbuch aus Privatbesitz (Ausgabe von 1997) abgetippt. Der Eugen Diederichs Verlag hatte Otto Kiefer mit der Übersetzung von 1920 beauftragt. Diederichs – der Verlag mit den wunderbaren Ausgaben der Märchen aus aller Welt und der legendären gelben Reihe von Mythen und Weltreligionen – auch dieser Verlag hat schmerzhafte Transformationen durchlaufen. Sein Ursprung ist ein Buch im Wallstein Verlag gewidmet: Eugen Diederichs und sein Verlag, von Ulf Diederichs (- bestell ich gerne für Sie). inselDer Verlag ist jetzt im großen Verlagshaus Random gelandet – at random heißt soviel wie „Gemischtes und Aufgelesenes nach Laune“, was mir so gar nicht unsympathisch ist; aber der kommerzielle Aspekt, der das Geistige durchdringt, ist schon übermächtig. So sehr ich auch im Internet herumgesucht habe, konnte ich nichts weiter über den Übersetzer und Altphilologen Otto Kiefer finden. Traurig ist das. Hier nun seine Version:

Insel Verlag
Leseprobe

43 · Wenn die Götter über mich und über mein Geschick etwas beschlossen haben, so haben sie Gutes beschlossen; denn ein ratloser Gott ist nicht leicht denkbar; aus welchem Grund aber sollten sie mir weh tun wollen? Denn was sollte für sie oder für das Ganze, für das sie doch vorzüglich sorgen, dabei herauskommen? […] Zuträglich aber ist jedem Wesen, was seinen Anlagen und seiner Natur entspricht. Meine Natur aber ist vernünftig und fürs Zusammenleben bestimmt; meine Stadt und mein Vaterland, insofern ich Antonin heiße, ist Rom, sofern ich Mensch heiße, die Welt. Was diesen Staaten frommt, das allein ist für mich ein Gut.

tusculum_aurel
aus der Sammlung Tusculum
im Schaufenster

3. Rainer Nickel (* 1940)

rainer_nickel
© Christoph Alexander Martsch, 2010

Gestern traf auch die griechisch-deutsche Ausgabe von Tusculum ein, aus dem Verlag Artemis Winkler, aber unter dem Dach von de Gruyter. Der Altsprachler Rainer Nickel aus Göttingen, geboren 1940, ist bisher der jüngste aller Übersetzer hier, ungeheuer fleißig, offenbar immer noch tätig an der Philipps-Universität in Marbach. Bemerkenswert in seiner Übersetzung der Textstelle fand ich seinen Begriff “Kosmos”, den er statt “Welt” wählte.

Sammlung Tusculum
Leseprobe

44. Wenn die Götter wirklich über mich und über das, was mir zustoßen sollte, Beschlüsse gefaßt haben, dann haben sie gute Beschlüsse gefaßt. Denn einen Gott, der schlechte Beschlüsse faßt, kann man sich nur schwer vorstellen. Aus welchem Grund aber sollten die Götter mir Böses antun wollen? Was hätten sie oder das Weltganze, für das sie doch vor allem sorgen, denn dadurch für einen Vorteil? […] Nützlich aber ist für jeden, was seinen Fähigkeiten und seiner Natur entspricht. Ich habe eine vernünftige und auf die staatliche Gemeinschaft bezogene Natur.
Die staatliche Gemeinschaft und das Vaterland ist für mich als Antonius Rom, für mich als Menschen der Kosmos. Was diesen Gemeinschaften nützlich ist, das allein ist für mich gut.

Anmerkung
Staatliche Gemeinschaft: Schon Epiktet, Diss. 2, 5, 26, sagt, daß der Mensch in zwei “Staaten” lebe. Vgl. Auch M. A. 3, 11, 2; Seneca, Ad Lucilium 102, 21.

Soviel zu den Übersetzern, den Verlagen, den Texten. – Was halten Sie von den Versionen? Im nächsten Blog möchte ich auf den Inhalt und seine Erscheinungen eingehen. An Übersetzern stehen noch aus: Carl Cless (S. Fischer Verlag) und Albert von Wittstock (Reclam), eventuell auch Arno Mauersberger oder F. C. Schneider – hat irgendjemand deren Übersetzungen gelesen und will vielleicht hier beitragen?

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2 Kommentare zu „Marc Aurel – das Abenteuer geht weiter“

  1. Danke sehr…das ist doch immer wieder interessant und erstaunlich, solche Übertragungen gegeneinander zu stellen. Ich habe hier die Cleß-Version aus dem Fischer Verlag:
    „Wenn die Götter über mich und über das, was mir begegnen soll, etwas beschlossen haben, so ist ihr Ratschluß ein guter; denn ein ratloser Gott ist nicht leicht denkbar; und dann, aus welchem Grunde sollten sie mir wehtun wollen? Denn was könnte für sie oder das Ganze, wofür sie doch vorzüglich Sorge tragen, dabei herauskommen?(…) Meine Natur aber ist eine vernünftige und für das Gemeinwesen bestimmte, meine Stadt und mein Vaterland, insofern ich Antonin heiße, Rom, insofern ich ein Mensch bin, die Welt. Nur das also, was diesen Staaten frommt, ist für mich ein Gut.
    Von der Lesbarkeit – was unseren modernere Lesegewohnheiten anbelangt – tendiere ich zu Nickel, denke aber, man sollte parallel dazu auch eine Übersetzung haben, die sehr eng am Original ist, also Kröner oder Fischer Verlag. Oder?

    Gefällt 1 Person

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