Marc Aurel – Übersetzer Cleß und Wittstock

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Carl Cleß (1794-1874)

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Die Carl Cleß Übersetzung im Verlag S. Fischer

Im Kommentar hat saetzebirgit freundlicherweise die derzeitige Version der Cleß-Übersetzung aus dem Verlag S. Fischer beigesteuert, mit ihren Überlegungen dazu. Die Bilderfolge oben ist der digitalen Herzogin Anna Amalia Bibliothek entnommen, wo man das Buch ganz in seiner ursprünglichen Form lesen kann.

Marc Aurels Betrachtungen – zu seinem Titel und wie man ihn lesen kann

Cleß übersetzt den Titel noch mit „Selbstgespräche“, wobei der griechische Titel etwa „Gespräche/Gedanken [mitgeteilt] an sich selbst“ bedeutet. Bemerkenswert finde ich, dass es eine Auseinandersetzung ausdrückt, ein Gegenüber, was auch in der englischen Titelwahl: „Meditations“ gut zum Ausdruck kommt, wenn man Meditation nicht als Nabelschau versteht, was missverständlich auch in Selbstbetrachtungen hineingelesen werden könnte. Ich begann am Wochenende die Betrachtungen am Stück, hintereinander weg, zu lesen. Marc Aurel beginnt mit der Hochschätzung seiner Älteren (Eltern, Lehrer, Weggefährten) und deren Weisungen und Ratschlägen, und alles ist dermaßen tugendhaft und edel, dass es etwas schwer verdaulich wird. Ich kann mir vorstellen, dass Marc Aurel viele Abende über Jahre hin gewissenhaft sich in innere Ruhe begab und seine Gedanken sammelte und, wenn sie reif waren, diese getreulich zu Papier brachte. Deswegen passt die Lektüre auch eher in diese Kategorie und kann da sicher ihre wohltuende Wirkung auf Geist und Verstand entfalten.

Nachtrag zu Otto Kiefer
Vorgestern las ich noch im Nachwort – geschrieben von wem eigentlich? – im Insel Taschenbuch:

„Otto Kiefers Marc-Aurel-Übersetzung erschien erstmals 1903. Seither sind mehrere Neuübersetzungen vorgelegt worden, darunter solche von namhaften Philologen; aber keine hat die geradezu klassische Anmut von Kiefers Verdeutschung erreicht, die sich an die Glätte goetheschen Stilempfindens anlehnt“ – schön gesagt, nicht? – „und dem Leser eine Verständlichkeit bietet, die ihre Interpretation schon beinahe in sich trägt. Darum wird Kiefers Marc Aurel, mögen andere Übersetzungen wörtlicher und näher am griechischen Sprachdenken orientiert sein, ihren Wert behalten. Gerade der Nichtgräzist wird sich freuen, die >Selbstbetrachtungen< in dieser Form wieder zur Hand zu haben.“

Etwas Salbungsvolles haftet dem Inselverlag immer noch an. Lieblich für die Ohren, aber ich stimme saetzebirgit im Kommentar zu, dass ich lieber etwas „sehr eng am Original“ zumindest dabei habe, was vielleicht erst einmal sperrig fürs Hirn eines Nichtgräzisten sein mag, aber mit etwas Mühe dann doch einen getreueren Zugang in Marc Aurels Erlebnis- und Gedankenwelt erschließt, die ja zunächst fremd und fern liegt.

Albert Wittstock (?)

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Albert Wittstocks Übersetzung bei Reclam

An Capelles Übersetzung gefällt mir, dass der philosophische Gedanke die literarische Form zu dominieren scheint. Ich kann mir auch vorstellen, dass er sich nah am Original gehalten hat, was bei Nickel ganz sicherlich der Fall ist, obwohl ich vom Lesegeschmack durchaus zum Altmodischen neige. Deswegen wunderte ich mich, wie es wohl Albert Wittstock bei Reclam anstellen würde, der mir dann doch eine Nummer zu altmodisch geriet. Ich fand Wittstocks Version bei Gutenbergprojekt: „Des Kaisers Marcus Aurelius Antonius Selbstbetrachtungen“ aus der Ausgabe von 1949:

„Wenn die Götter über mich und über das, was mir begegnen soll, etwas beschlossen haben, so bin ich versichert, sie haben mein Bestes beschlossen, denn ein Gott ohne Weisheit ist nicht leicht denkbar; und dann, aus welchem Grunde sollten sie mir wehtun wollen? Denn was könnte für sie oder das Ganze, wofür sie, doch vorzüglich Sorge tragen, dabei herauskommen? […] Wenn also selbst, sage ich, die Götter in das, was uns betrifft, nicht eingreifen, nun so steht’s bei mir, über mich selbst etwas zu beschließen, und ich kann das mir Zuträgliche in Erwägung ziehen; zuträglich aber ist jedem Wesen, was seiner Anlage und Natur entspricht. Meine Natur aber ist eine vernünftige und für das Gemeinwesen bestimmte; meine Stadt und mein Vaterland aber ist, insofern ich Antonin heiße, Rom, insofern ich ein Mensch bin, die Welt. Nur das also, was diesen Staaten frommt, ist für mich ein Gut.“

Am Versuch, Wittstocks biographische Daten per Internet zu ermitteln, bin ich bisher gescheitert, stieß auf Albert II von Monaco, der mit einer Wittstock verheiratet ist, und auf einen Dr. Albert Wittstock – sogar mit Bild – der Ende des 19. Jhdts. pädagogische Schriften verfasste und aus Königs-Wusterhausen gebürtig ist, aber nicht „unser“ Albert Wittstock. Altmodisch hin, altmodisch her, schon allein, um endlich – hoffentlich – dieses Geheimnis zu lüften, werde ich Wittstocks Übersetzung des Aurel bei Reclam doch mitbestellen – kostet ja nicht die Welt. Und dann bin ich auch neugierig, was er in der Einleitung zu sagen hat.

An dieser Stelle noch einmal danke an alle, die hier kommentieren und bei der Recherche und in der Buchbesprechung beitragen. Weiterhin herzlich willkommen!

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2 Kommentare zu „Marc Aurel – Übersetzer Cleß und Wittstock“

  1. Danke für den Link zur Anna Amalia Bibliothek – das ist wunderbar. Ich finde es sehr schön, wie Du schon anhand des Titels über die Absicht Marc Aurels reflektierst – ja, „Selbstbetrachtung“ hat ja schon was eher egozentrisches, „Selbstgespräche“ geht denn schon mehr in Richtung Auseinandersetzung (ein Dialog mit mir selbst), die „Wege zu sich selbst“ finde ich sehr treffend. Letztendlich sind es „Meditationen über das Menschsein“.

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    1. Ja, saetzebirgit, weitgehend stimme ich zu. Ein Kommentator bei einem gewissen riesigen online-Handel* drückt ganz gut mein Unbehagen mit „Wege zu sich selbst“ aus, in diesem Fall bezogen auf die Übersetzung von Arno Mauersberger bei Anaconda, die leicht variiert getitelt ist: „Der Weg zu sich selbst“, gilt für mich aber auch für „Wege…“:
      „[…] der (aus unerfindlichen Gründen) abgeänderte Titel, der sich in meinen Ohren nach New-Age und Selbsthilfe anhört.“
      *(Mauersberger Aurel eingeben, bei ‚amazon‘ zweiter Kommentar von oben)

      „an sich selbst“ adressiert steht das Sich nicht am Ende der Übung, so als Selbstzweck, sondern es bleibt verändert zurück in der Welt. Nicht Erbauung sondern Bildung, auf den Anderen hin.

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