Folio und Lukas – zwei weitere unabhängige feine kleine Verlage

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Ahoi! Mit vollen Segeln zum „indiebookday

folioDer Folio Verlag Wien • Bozen hat einen 2004 erschienenen Roman „Der Galeot“ durchgesehen und diesen Februar neu herausgegeben. Auf der Verlagseite gibt es eine ausführliche Leseprobe, von der ich einen kleinen Auszug hier zitiere:

Drago Jančar
Der Galeerensträfling

Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof

„Unten hörten sie ein lautes, abgerissenes Lachen.
Abends kam er mit blutunterlaufenen Augen herunter und setzte sich wieder allein an den Tisch. An diesem Abend war das Wirtshaus voll. Einheimische und reisende Kaufleute. Er hörte sie fluchen. Wenn Pestkordone gezogen würden, sei es vorbei mit Saumlasten und Verdienen, dann bleibe ihnen nichts, als zu Hause herumzusitzen und Verluste zu machen.
Es war klar, dass der Wirt nicht gelogen hatte.
Mit Wein verbrachte er auch den folgenden Tag.
Den dritten Tag kam der Wirt in sein Zimmer. Er setzte sich, sah ihn an und schwieg. Ebenso ging er auch wieder, ohne ein Wort.
Diese Nacht erwachte er aus seinem Weindusel, und ihm war, als hätte sich der Riegel an der Tür bewegt.
Am Morgen beschloss er weiterzuziehen. In diesem Wirtshaus konnte er nicht bleiben. Eines Nachts würden sie seinen weingetränkten Leichnam hinten im Wald verscharren. Eines Nachts würde der leuchtende Feuerkopf nach seinem Lager hin ausholen.
Aber der Morgen war sonnig. Der ganze Dunst war verflogen. Hinten am Horizont drückten die Wolken zu Boden, und er spürte ihre heiße Umarmung, doch hier war es hell und sonnig.
Als er seinen Reisesack schnürte, ging hinter seinem Rücken die Tür auf. Er fuhr herum, dort stand der Wirt, an den Türpfosten gelehnt.
Diesmal sprach er.
–Mit Euch geht etwas Schlimmes vor, sagte er. Ich frage nichts, aber mit Euch geht etwas Schlimmes vor. Jede Nacht schreit Ihr im Schlaf. „

Mich reizte das Buch, weil es Aufruhr, Flucht und Krise von Zivilisation beschreibt. Die Fragen sind: Warum bugsieren wir uns immer wieder in Katastrophen, direkt oder indirekt, und wie verhält sich der Einzelne. Der Stoff ist aktuell wie ehedem. Ich habe den Eindruck, dass es dieses Genre eines Romans ist, das einen auf packende Weise Einblick in Geschichte gewährt und anregt, sie hinterher in ernsthafteren Büchern  nachzulesen.

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Kriegswirren, Pest und Verfall

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so kenn ich’s von früher

Das Thema begegenete mir schon in verschiedenen Romanen. Als Gymnasiasten ergötzten wir uns am süßlichen Hermann Hesse mit seinem ‚Narziß und Goldmund‚. Ich weiß, dass ich mich mit diesem Satz wohlmöglich bei dem ein oder anderen geneigten Leser in die Nesseln setze, aber das muss man aushalten, wenn über Bücher gesprochen wird. Geschmackssache. Michel Tournier bewegt sich auch hart am Rande des Kitsches, aber à propos Galeerensklaven ist sein Roman ‚Die Könige aus dem Morgenland‚ (‚Les Rois Mages‚ – Prix Goncourt, immerhin!) schon lesenswert. Den selben Stoff behandelte der vermutlich in Vergessenheit geratene Edzard Schaper in ‚Die Legende vom vierten König‚ (und ‚Ben Hur‚, von Lewis Wallace, fällt mir da auch ein – alles, außer Hesse, natürlich von viel früher, aus dem ersten Jahrhundert). Von Daniel Defoe gibt es ‚A Journal Of The Plague Year‚ und von Camus natürlich ‚La Peste‚, usw.

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Neu im Frühjahr bei Folio und Lukas

lukas_logoIck bin ein Berliner:

Lukas Verlag

Dieter Desczyk , Eckhard Thiemann
Als die Brücken im Wasser knieten
Zerstörung und Wiederaufbau Berliner Brücken

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Osterlamm / mh 2015

Von meinem Geburtsort aus ist es nicht weit bis zum Rhein auf der Höhe von Wesel, und auch Dinslaken ist nah und überhaupt der Bombenkrieg und die zerstörten Brücken. Die ziegelsteinernen Rümpfe der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Eisenbahnbrücke aus dem 19. Jhdt. waren für mich immer Ruinen aus der Römerzeit. Erst als Erwachsene wurde ich eines Besseren belehrt, nicht ganz ohne begleitendes Hohngelächter ob meiner Ignoranz. Brücken und Kriegszerstörung – das gehörte aber von je her zusammen.

Indem ich das Buch ins Programm aufnehme und hoffe, dass es einen Käufer findet, knüpfe ich auch den sehnsüchtigen Wunsch nach Einsicht und Verständigung daran, nach Abrüstung von unserer Seite aus und nach geteilter Freude am Geschaffenen, ganz besonders in diesen Zeiten. Brücken ist auch ein  faszinierendes Kapitel der Ingenieurskunst. Als ich diesen Band bestellte hatte ich keinen Zweifel, dass er eine lohneswerte und aufschlußreiche Lektüre bietet und den Blick schärft auf diese Stadt und seine vielen Brücken.

Verlagstext

„»Die Brücken knien im Wasser«, so umschrieb Max Frisch in seinem Tagebuch die Eindrücke, die er bei seiner Ankunft in Berlin an einem Novembermorgen des Jahres 1947 empfand. Zahlreiche historische Fotos belegen, dass dieses Bild auf die meisten der stark beschädig­ten Brücken über die Spree und die zahlreichen Kanäle tatsächlich zutraf. Anhand von gut vierzig Brücken wird in diesem Buch beispielhaft das Ausmaß der Zerstörungen dargestellt, aber auch das Aussehen der Bauwerke vor den Sprengungen, während des Wiederaufbaus und der heutige Zustand. Im Anhang liefern Auszüge aus Berichten der Bauverwaltung eine Übersicht über den Gesamtschaden.

Zu den ersten Aufgaben der Brückenbauer zählte die Überführung der von den siegreichen Militärs schnell errichteten Notbrücken in die zivile Nutzung. Gleichzeitig galt es, die Wasserstraßen von Trümmern zu beräumen und die Brücken zumindest provisorisch instandzusetzen. Ohne befahrbare Flüsse und Kanäle konnte die Bevölkerung nicht mit Kohle und anderen Massengütern versorgt werden. Ebenfalls dringend war die Reparatur der durch Brückensprengungen unterbrochenen Leitungsnetze, da sonst hygienische Probleme drohten und die Wirtschaft nicht wieder in Gang kam. Der Mangel an Material, Geräten und Fachpersonal erschwerte die Realisierung des Bauprogramms sehr, später auch die Blockade und die politische Teilung der Stadt.

Das Buch von Eckhard Thiemann und Dieter Desczyk erinnert an die furchtbaren Folgen des letzten Krieges und würdigt die gewaltigen Auf­bauleistungen in den Nachkriegsjahren.“

Und ganz zum Schluß muss ich einfach mal sagen, wie toll ich es fand, heute die Sonnenfinsternis erleben zu können. Was für ein sonderbares Licht. Und die Mondscheibe hab ich in der selbstfabrizierten camera obscura auch prima beim vorwärtsschieben sehen können – nur spiegelverkehrt. Boooh!

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