Shakespeare zur Karwoche

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The Yale Shakespeare Edition, 1918 aus privatem Buchbestand

Ostermontag werden wir nicht den üblichen Shakespeare-Montag halten, aber die erste Runde Anfang März ging auch so rasch über die Bühne, dass ich die Pause begrüße, um der einen oder anderen Passage nachzusinnen.

Wir sind noch in der Karwoche. Diese Tage sind der Trauer zugedacht, besonders der Trauer darüber, wie der Mensch dem anderen Leid zufügt; denn so verstehe ich den Tod am Kreuz, wonach im christlichen Glauben Gott selbst als Mensch sich menschlicher Grausamkeit aussetzt, um uns anzustiften, von Misshandlung und Morden abzulassen. Diese Art göttlicher Intervention in Ohnmacht dient, die Sinne zu schärfen und an die Ehrfurcht vor einander und vor aller Kreatur zu mahnen.

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Dover

Bei der Lektüre reihum von A Midsummer Night’s Dream war ich erstaunt, wie Shakespeare inmitten der Sommerfreuden auch düstere Themen anklingen läßt. Titania, gekränkt durch die Willkür Oberons, stimmt folgende Klage an:

But with thy brawls thou hast disturb’d our sport.
Therefore the winds, piping to us in vain,
As in revenge, have suck’d up from the sea
Contagious fogs; which falling in the land
Have every pelting river made so proud
That they have overborne their continents:
The ox hath therefore stretch’d his yoke in vain,
The ploughman lost his sweat, and the green corn
Hath rotted ere his youth attain’d a beard;
The fold stands empty in the drowned field,
And crows are fatted with the murrion flock;
The nine men’s morris is fill’d up with mud,
And the quaint mazes in the wanton green
For lack of tread are undistinguishable:
The human mortals want their winter here;
No night is now with hymn or carol blest:
Therefore the moon, the governess of floods,
Pale in her anger, washes all the air,
That rheumatic diseases do abound:
And thorough this distemperature we see
The seasons alter: hoary-headed frosts
Far in the fresh lap of the crimson rose,
And on old Hiems‘ thin and icy crown
An odorous chaplet of sweet summer buds
Is, as in mockery, set: the spring, the summer,
The childing autumn, angry winter, change
Their wonted liveries, and the mazed world,
By their increase, now knows not which is which:
And this same progeny of evils comes
From our debate, from our dissension;
We are their parents and original.

quoted from shakespeare.mit.edu

So heisst es in der Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel:

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Reclam

Daß dein Gezänk uns nicht die Lust verdarb.
Drum sog der Wind, der uns vergeblich pfiff,
Als wie zur Rache, böse Nebel auf
Vom Grund des Meers; die fielen auf das Land
Und machten jeden winzgen Bach so stolz,
Daß er des Bettes Dämme niederriß.
Drum schleppt der Stier sein Joch umsonst, der Pflüger
Vergeudet seinen Schweiß, das grüne Korn
Verfault, eh seine Jugend Bart gewinnt.
Leer steht die Hürd auf der ersäuften Flur,
Und Krähen prassen in der siechen Herde.
Verschlämmt vom Lehme liegt die Kegelbahn;
Unkennbar sind die artgen Labyrinthe
Im muntern Grün, weil niemand sie betritt.
Den Menschenkindern fehlt die Winterlust;
Kein Sang noch Jubel macht die Nächte froh.
Drum hat der Mond, der Fluten Oberherr,
Vor Zorne bleich, die ganze Luft gewaschen
Und fieberhafter Flüsse viel erzeugt.
Durch eben die Zerrüttung wandeln sich
Die Jahreszeiten; silberhaarger Frost
Fällt in den zarten Schoß der Purpurrose;
Indes ein würzger Kranz von Sommerknospen
Auf Hiems‘ Kinn und der beeisten Scheitel
Als wie zum Spotte prangt. Der Lenz, der Sommer,
Der zeitigende Herbst, der zornge Winter,
Sie alle tauschen die gewohnte Tracht,
Und die erstaunte Welt erkennt nicht mehr
An ihrer Frucht und Art, wer jeder ist.
Und diese ganze Brut von Plagen kommt
Von unserm Streit, von unserm Zwiespalt her;
Wir sind davon die Stifter und Erzeuger.

zitiert aus Projekt Gutenberg

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by David Levine, NYRB

Der nächste Shakespeare Montag wird am 4. Mai stattfinden. Es wird mit verteilten Rollen aus dem Original gelesen. Bis dahin bemühen sich Oberon und Titania redlich, die Welt wieder ins Lot zu bringen. Good luck with that. Ich werde aber in der Zwischenzeit noch einmal die ein oder andere Stelle in Ruhe nachlesen. Es sind so viele Reichtümer im Text verborgen, die im Eifer der theatralischen Schlagabtausche etwas untergehen.

Im Laufe des April wird wieder die großformatige illustrierte Ausgabe des Midsummer Night’s Dream eintreffen, mit den großartigen Bildern von Arthur Rackham. Schauen Sie doch einmal herein.

Bildquelle: drawing by David Levine / Reader’s Catalog, 2nd Edition (p. 791)

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2 Kommentare zu „Shakespeare zur Karwoche“

  1. almathun, wie oft mir dieses Lied in den Sinn kommt!
    Tröstlich, dass selbst in schlimmsten Zeiten immer auch die aufbauenden und gütigen Menschen da sind, wenn auch oft ohnmächtig. (habe gerade, ergriffen, „Der Trafikant“ gelesen….)

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