Glocken

griet_avater
De dulle Griet

(aus dem Archiv)

“Along the Seine’s left bank, …” beginnt Laure-Anne Bosselaers Gedicht ‚A Paris Blackbird‘. Weiter als diese Überschrift und diese halbe Zeile bin ich bei meiner fast täglichen Lektüre von Garrison Keillors Writer’s Almanac von heute noch nicht gekommen, und bevor der Gedanke wieder wegfliegt, der sich dabei wie ein flüchtiger Vogel auf meine Schulter niederließ, will ich diesmal meine Freude an den Glocken festhalten.

Passend zu Ostern kam in den Nachrichten die frohe Nachricht, dass seit der Revolution zum ersten Mal alle Glocken von Notre Dame wieder hängen, und schon fingen sie an zu leuten. Zeitzeugen gerieten in den Kamerablick und schauten mit entrücktem Staunen und Glück in den Klang. Auch der Anblick von Notre Dame wurde uns geschenkt.

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Glocke von St. Elisabeth, Schöneberg (Pfarrei St. Matthias)

So schön das Paradies von Vancouver Island uns war, eins hatte ich all die Jahre dort arg vermisst: Glockenläuten. Nun steht kein Notre Dame in Berlin, aber auch hier schallte es festlich und melodisch und ausgiebig zu Ostern über die Stadt. Jeden Sonntag erfreuen wir uns am Glockenklang, der herüberweht von St. Matthias, von der Apostel Paulus und von der Königin Luise Kirche.

Ich würde es begrüßen, dazu noch den Ruf des Muezzins zu hören, ein Wunsch, mit dem ich selbst im freien und aufgeklärten Berlin noch erstaunlich oft auf Unverständnis stoße. Fairerweise muß ich einräumen, dass den Gegner der Einsatz von Megaphonen oder die unangenehme Stimme einige der Rufer der Grund Ihrer Abneigung ist.

Die letzten Wochen blühte bei uns prächtig die rote Amaryllis. Die wiederum erinnert mich immer an die drei “Watchmen”, wie sie manchmal die Spitze der Totems an der pazifischen Westküste zieren. Sie wachen dort, aber gewissermaßen, wenn auch tonlos, grüßen sie auch, weithin sichtbar. Türmer sind ja mit ihren Hörnern hierzulande auch eher museale Erscheinungen geworden, und Gänse in Käfigen über den Stadttoren wie in Regensberg oder wo es noch war gehören auch lange der Vergangenheit an. Grüßen und wachen – und beglücken, das ist jedenfalls immer noch die Botschaft der Glocken.

tarkowskiaus dem Film von Tarkowski; ‚Rubljow‘

Bei Glocken denke ich auch immer an den Film von Andrei Tarkowski, Andrej Rubljow, über den Maler der Dreifaltigkeitsikone und seine Zeit, an dessen Seite der junge Glockengießer Borischka uns wunderbare Filmszenen rund um die Glockengießerei beschert. All dies ist eingebettet in wahrhaftig schlimme Zeiten, aber wie die Ikonen öffnet uns der Klang der Glocken einen Weg in eine bessere, menschlichere Welt voll überirdischer Herrlichkeit.

vom 6. April 2013

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