Mehr Nievo

cholera
 Illustration from Punch (1852)

Überaschung für den, der vom Anfang her liest

Zu der Sorte gehöre ich; und als ich etwa ein Fünftel des Buchs Am Ufer des Varmo gelesen hatte, stieß ich auf folgende Stelle:

Ich bin so vor mich hin gegangen und habe zugesehen, wie aus meiner Feder Sätzchen und Kapitelchen tropften; so wie ein Junge sich einen Spaß daraus macht, mit dem Strohhalm Seifenblasen zu machen, und jetzt stelle ich plötzlich fest, dass die Novelle zu Ende ist.

Nanu, dachte ich, wie füllt er den Rest der Seiten und was kommt da noch? Es kommt noch was zur Titelgeschichte, aber dann folgen zwei weitere Dorfgeschichten, nämlich ‚Die Heilige aus Arra‘ und ‚Der kleine Anwalt‘. Mir macht es immer Freude, auf Unerwartetes zu stoßen, und doch schreibe ich hier über Gelesenes. Beides passt aber zusammen. Mir geschieht es jedenfalls, dass ich Aufdeckendes zuvor lese, bei meiner eigenen Lektüre dann aber alles wieder fortgeräumt habe oder die Kritik, bzw. Inhaltsangabe als ein Anderes abgespeichert habe. Jede noch so gute Musikbesprechung kann nicht beschreiben, was das eigentliche Hören bewirkt, ist es nicht so? Ich bin auch kein Freund des Goethe-Zitats: „Man sieht nur, was man weiß“, womit lange Zeit der Verlag Dumont Werbung trieb. Damit öffnet sich das weite Feld der Erkennungsphilosophie, das ich jetzt nicht betreten möchte, aber Wiederlesen ist deswegen so schön, weil man als anderer Mensch in einer anderen Zeit zurückkehrt und ganz Neues entdeckt.

an Cholera erkrankte Frau aus Venetien
An Cholera erkrankte Frau aus Venetien
Quelle: Branch

Die Heilige aus Arra

Dieses ist also eine weitere der insgesamt sieben Novellen, und ihre Geschichte behandelt als Nebenschauplatz die Cholera-Epidemie in Italien des frühen 19. Jhdts.

An den Toren ein Tross von Wächtern mit Räucherschalen, die in den Seelen die Angst vor dem Wüten der Krankheit nur noch vergrößerten, den tödlichen Keim in den Körpern jedoch nicht abzutöten vermochten; auf den Straßen eine erschreckende Leere, …

Hier nur ein Schnipsel einer Passage, die sich in einem langen Satz über eine ganze Seitenlänge zieht und den Leser an der Seite der Heldin durch die Straßen Brescias führt. Es lässt in seiner Eindringlichkeit vermuten, dass Nievo selbst Augenzeuge war; und im Text klingt die Überschreitung der Schwelle von christlicher Schicksalsergebenheit zum erwachenden sozialen Umbruchsstreben an.

Thomas Mann
Der Tod in Venedig

Nun läßt nicht nur die Länge des Satzes an Thomas Mann denken, sondern natürlich auch das Thema der Cholera in Italien. Jedenfalls kramte ich die Novelle „Der Tod in Venedig“ hervor. In dieser Fischer Taschenbuchausgabe mit dem Umschlagbild von Will Sohl, 161. – 185. Tausend: Januar 1958, wird die Novelle im Verlagstext noch als „eine moderne Variation des ewigen Themas des platonischen Eros“ vorgestellt, was ich putzig finde. Das nur nebenbei. Anderes Kapitel. Zur Cholera: Man muss nur die Stichworte Thomas Mann und Cholera in die Suchmaschine speisen, und es zeigt sich, dass zu diesem Thema schon fleißig nachgedacht und geschrieben wurde. Mich interessiert, wie Mann die erste Begegnung mit der Seuche in Worte fasst. Offengestanden kenne ich „Der Tod in Venedig“ nur vom Film und erinnerte mich bei der Nievo Lektüre an den bizarr geschminkten von Aschenbach, wie er durch die Stadt taumelt, deren Gesicht ebenso bizarr mit Kalk und Rauchschwaden überzogen ist. Jetzt fand ich folgende Stelle im Buch, die uns in einem langen Absatz einen Gitarristen und dessen Späße vorstellt, und nach und nach ihn und von Aschenbach in Beziehung bringt:

Jedesmal nämlich, wenn der Refrain wieder einsetzte, unternahm der Sänger unter Faxen und grüßendem Handschütteln einen grotesken Rundmarsch, der ihn unmittelbar unter Aschenbachs Platz vorüberführte, und jedesmal, wenn das geschah, wehte, von seinen Kleidern, seinem Körper ausgehend, ein Schwaden starken Karbolgeruchs zur Terrasse empor.

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