kjd lobt Anne Weber

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Einbandillustration
S. Fischer

Eine Buchbesprechung aus dem Englischen

Wie gestern bei ‚Anne Weber bestellen‚ angekündigt folgt mehr zu Ahnen.

„Sollte ich etwa die hunderttausendste Nazi-Großvater oder -Vatergeschichte schreiben?“, zitiert kjd, also Übersetzerin Katy Derbyshire, auf ihrem Blog ‚love german books‚ Anne Weber. Ihre Besprechung von ‚Ahnen‘ möchte ich nicht Wort für Wort übersetzen, aber hier weitergeben, was sie meines Erachtens gut ausdrückt. Eingestreut sind Büchern aus dem Programm der Schröerschen Buchhandlung, zu Themen der beiden Weltkriege, in nicht weiter geordneter Zusammenstellung. Als eine Anregung zum Weiterlesen.

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Es ist schwer für die Autorin, aus der Gegenwart heraus Person und Beweggründe von Sanderling zu verstehen: das erfordert einen gehörigen geistigen Weitsprung, besonders, wenn es gilt, die ultimate Hürde zu nehmen, die im Buch im Hintergrund ihre Wirkung ausübt und erst zum Schluß ausgesprochen wird, Auschwitz. Hat Sanderling, der 1924 starb, den Holocaust vorbereitet durch seine Rolle bei der ‚Germanisierung‘ Polens, so klein sie auch immer gewesen sei, oder macht ihn seine Freundschaft mit Juden zu einem Gegenbeispiel für Deutsche, die den Nazis folgten? Dieser Ambivalenz folgt kjd auch in der Beschreibung des Vaters und erwähnt den Schluß, zu dem die Autorin kommt: Etwas zu fragen – wie im Fall des Vaters, der beim Besuch einer Nervenheilanstalt [mental institution] fragt: „Warum vergiften Sie nicht diese Leute?“ – ist anders, als die Frage praktisch umzusetzen, aber die Tatsache, dass die Frage gestellt wird deutet, so scheint es, auf einen Kontinuität, und Ideen wachsen nicht aus dem Nichts.

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Die Recherche, begleitet von ausführlichem Lesen und Gesprächen mit Freunden und Verwandten, führt Weber von faszinierter Bewunderung über Entsetzen zu einer etwas realistischeren Ansicht. kjd weist auf die zahlreichen Bezüge in den tagebuchartigen Aufzeichnung hin, die in dieser chronologisch aufgebauten Spurensuche eingestreut sind: aus Literatur und Philosophie, von Nietzsche zu Sebald, zu Susan Sontag und André [Andrzej] Stasiuk. Alles im Buch ist sehr persönlich, geht auf Gespräche mit polnischen, französischen und jüdischen Freunden ein und mit Webers Vater; derweil denkt sie darüber nach, was es bedeutet, Deutscher zu sein.

ww3Das Finale des Buches, wunderbar geschrieben und tiefsinnig, beschreibt Allerheiligen in Warschau. Die Rezensentin sagt:

Ich empfand dies als eine sehr weise Wahl, dass solch ein Buch nicht mit einer Zusammenfassung oder einem persönlichen Feststellung abgeschlossen wird, sondern mit einer wunderbaren Heraufbeschwörung von Menschen, die ihre Toten ehren.

kjd findet das Buch außerordentlich originell und intelligent geschrieben und wird an Lydia Davis und Lisa Appignanesi erinnert, vielleicht aufgrund der persönlichen und klugen Art des Schreibens; denkanstoßend und erhellend und schließlich auch sehr bewegend. Dann ruft sie noch aus:

Und guck mal, Sie können eine Passage aus dem buch probelesen, in meiner Übersetzung, dank des Verlags S. Fischer.

Ja, folgen Sie der Einladung – so klingt es dann auf Englisch.

Chapeau! zu den hartarbeitenden Übersetzern, die auch – wie in diesem Fall – dazu beitragen, die Geschichte unserer Länder aufzuarbeiten und den Weg zu mehr Verständigung und zu menschlicherem Miteinander zu bereiten.

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Polnischer Friedhof zu Allerheiligen
Quelle: Wikimedia Commons

PS.: Ich stutze immer, wenn Totengedenken auf den Allerheiligentag gelegt wird, obwohl mir der Gedanke gefällt, bei den netten Heiligen jedenfalls, dass wir mit diesen heiligmäßigen Persönlichkeiten, inklusive derer, die in der Litanei nicht auftauchen, noch verbunden sind. Der 2. November ist Allerseelen, und da kommt das Fußvolk zum Zuge. Aber diese Hierarchie gilt wohl hauptsächlich für Katholiken. In Polen streckt sich die Feier auch über zwei Tage. Dann gibt es noch den staatlichen Volkstrauertag.

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