Ein Abend bei Claire, von Gaito Gasdanow

jan
weiter im Uhrzeigersinn

 

phantom
Hanser

Gaito Gasdanow

Als 2012 der Hanser Verlag ‚Das Phantom des Alexander Wolf‚ herausbrachte, trat Gaito Gasdanow nach Jahrzehnten eines Schattendaseins ans Licht der deutschen Öffentlichkeit. Wieder spüre ich die Lücke von Petri Liukkonens Autorenkatalog, und Kindlers Literaturlexikon steht außer Reichweite zu Hause; aber der Hanser Verlag sagt, dass es seit Erscheinen 1947 zum ersten Mal im Deutschen erschienen ist, also nach 65 Jahren, und es gibt viel Lob. Noch steht mir die Entdeckung bevor.

Von versierter Seite, von K.*, wird dem geneigten Leser unbedingt Gasdanows Erzählung ‚Glück‚ ans Herz gelegt. Dieser Titel ist über den allgemeinen Buchhandel nicht zu bekommen, aber die Schleichersche, in Dahlem, gehört zum exklusiven Bund Plus Fünf; und dort ist es zu kaufen. Manchmal ist es schön, zu dem, was man begehrt, pilgern zu müssen, um es zu bekommen.

* K. steht für Kunde

claire
Hanser
empfehlen
Buchpatron

Patronatskind No 25

Vorrätig aber ist vom Autoren sein Roman „Ein Abend bei Claire“, dem treuen Buchpatron sei Dank. Gasdanow leitet uns in sein Buch mit einem Zitat, und dann folgen die ersten Sätze:

Mein Leben gab mir die Gewähr,
Ich würde dir dereinst begegnen.
Alexander Puschkin

Claire war krank, ganze Abende saß ich bei ihr; und wenn ich aufbrach, verpasste ich jedesmal unweigerlich den letzten Zug der Untergrundbahn und ging dann zu Fuß von der Rue Raynouard zur Place Saint-Michel, in deren Nähe ich wohnte. Ich kam an den Pferdeställen der École Militaire vorüber, von dort schlug mir das Klirren der Ketten, mit denen die Pferde angebunden waren, und heftiger, für Paris so unüblicher Pferdegeruch entgegen, dann schritt ich durch die lange und schmale Rue Babylone, und gegen Ende dieser Straße blickte mich aus einer Photovitrine, im trügerischen Licht ferner Straßenlaternen, das Gesicht eines berühmten Schriftstellers an, gänzlich aus schrägen Flächen zusammengesetzt; die allwissenden Augen hinter der europäischen Hornbrille begleiteten mich ein halbes Häuserkarree, bis ich das funkelnde schwarze Band des Boulevard Raspail überquerte.

Und hier entschwindet der junge Erzähler in die Nacht, im Paris der Zwanziger Jahre, zwischen die Buchdeckel. Aber es soll noch eine Kostprobe aus der Mitte, aus dem fernen Rußland, folgen:

Wie ich in der Kindheit meine Abenteuer auf dem Piratenschiff erfand, von dem Vater mir erzählt hatte, so schuf ich mir später Könige, Konquistadoren und schöne Frauen, wobei ich vergaß, dass die schönen Frauen manchmal Kokotten gewesen waren, die Konquistadoren Mörder und die Könige Dummköpfe; auch der rotbärtige Gigant Barbarosse hatte niemals an Wissen, an Phantasie oder an seine Vorliebe fürs Unbekannte gedacht; als er im Fluss ertrank, ging ihm bestimmt nicht durch den Sinn, was ihm hätte durch den Sinn gehen müssen, wenn er sich den Gesetzen jenes Phantsielebens untergeordnet hätte, das wir ihm viele hundert Jahre nach seinem Tod angedichtet haben.

Keine Bange, der Erzähler verliert sich nicht in Hirngespinste, sondern führt uns zu einer reichen Ansammlungen von Menschen jeder Art, zu Plätzen und in Geschehen, läßt uns teilhaben an Gesprächen und Anekdoten und reist mit uns durch Raum und Zeit.

Großzügig liefert der Hanser Verlag eine ausführliche Leseprobe vom Anfang. Aber was ist schon der Teil, wenn das Ganze lockt. Das schöne Buch ist vorrätig. Ergo, wenn Sie sich oder anderen damit eine Freude bereiten wollen und dafür zur Schröerschen gepilgert kommen, freuen sich obendrein Pate und Buchhändler.

Advertisements

Kommentar willkommen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s