Vivat Anthony Trollope

trollope
Trollope, in guter Gesellschaft

Freund M*** empfiehlt die Lektüre, vorrätig ist* ein Reclam Bändchen, in der Übersetzung von Joachim Schulte; ich habe das Lesevergnügen noch vor mir, bin sicher, dass zu Hause etwas von ihm zu finden ist, aber hier folgt in freier Übersetzung fristgerecht Garrison Keillors Würdigung zum 24. April 2015:

* * *

kaillor_geburtstag
Des Schriftstellers Almanach
Aus Garrison Keillors
The Writer’s Almanac
für den deutschsprachigen Leser

Es ist der 200ste Geburtstag des viktorianischen Romanciers Anthony Trollope (Bücher von diesem Autoren), 1815 geboren in London. Sein Vater, Thomas, war ein aufbrausender Rechtsanwalt, der Mühe hatte, seine Arbeit zu behalten; und die Familie befand sich deswegen oft in Geldnöten. Anthony besuchte eine angesehene Privatschule**, aber es war klar, dass er, anders als die meisten seiner Klassenkameraden, nicht reich war; und er wurde von Mitschülern und auch von Lehrern schickaniert.

Als junger Mann fand er Einstellung als Postbeamter, erntete aber bald den Ruf, aufmüpfig und nachlässig zu sein. 1841 fasste er den Beschluss, sein Leben umzukrempeln, nachdem ihm angeboten worden war, nach Irland überzusiedeln, und sein Glück wendete sich tatsächlich: die Lebenshaltungskosten waren niedriger, also war es ihm vergönnt, eine Ahnung von Wohlhabenheit zu spüren; er reiste öfter und widtmete sich der Fuchsjagd, die er liebte. Sein Beruf führte ihn durchs ganze Land, und er mochte die irischen Arbeiter, die ihm schlauer und gastfreundlicher erschienen, als ihre englischen Genossen. Und er fing an, auf seinen langen Zugreisen Romane zu schreiben, wobei er auf Suchenach Ideen von Zeit zu Zeit in die Briefsammlung „unzustellbar“ griff. 1859 kehrte er nach England zurück; denn jetzt, wo er als Autor etabliert war, suchte er die Nähe Londons. Er blieb 33 weitere Jahre Postbeamter, wobei er in eine ziemlich gehobene Position aufrückte, und ihm wird die Entwicklung des säulenartigen Postkastens zugeschrieben, der seither zu den englischen Klassikern zählt.

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David Levine
in: Reader’s Catalog, 2nd Edition (p. 814)

Als Schriftsteller war er höchst diszipliniert, stand jeden Morgen um halb sechs auf, um dann drei Stunden lang zu schreiben, bevor er ins Büro ging; und er schrieb in seiner Autobiographie:

Drei Stunden täglich fördert so viel zu Tage, wie ein Mann schreiben sollte. Aber er sollte sich so erzogen haben, dass er während der drei Stunden kontinuierlich arbeiten könnte – seinen Geist dermaßen trainiert, dass es für ihn nicht nötig würde, an seinem Stift zu kauen und die Wand anzustarren, bis dass er die Worte fände, mit denen er seine Gedanken auszudrücken wünschte.

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The Trollope Society invites everybody to a Big Read
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Pillar boxsource: postal heritage blog 

Trollope schrieb 47 Romane, Dutzende von Erzählungen und einige Reisebeschreibungen. Er schuf die erfundene Gemeinde von Bartsetshire und siedelte mehrere seiner Romane dort an. Sein berühmtestes Buch, The Way We Live Now*** (1875), ist eine beißende 100-Kapitel-lange Satire über englische Gier. Er war, und bleibt, einer der beliebtesten Autoren Englands.

Er sagte:

Die Gepflogenheit, zu lesen, ist die einzige von der ich weiß, dass sie keine Verunreinigung enthält. Eine Lesegewohnheit dauert fort, wenn alle anderen Vergnügungen verblassen. Sie wird da sein und Dich stützen, wenn alle anderen Reserven geschwunden sind. Sie wird für Dich bereitstehen, wenn die Kräfte Deines Körpers Dich verlassen haben. Der Brauch, zu lesen, wird Deine Stunden verschönern, Dein ganzes Leben lang.

* war bis gerade eben

** a prestigious public school kann sich sowohl auf eine öffentliche (am) als auch eine private (uk) Schule beziehen, aus dem Zusammenhang heraus tippe ich aber auf letztere Einrichtung, obwohl der Verfasser dieses Artikels, Keillor, Amerikaner ist.

*** etwa: ‚Wie wir jetzt leben‘ – meines Wissens existiert (noch) keine deutsche Übersetzung.

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2 Kommentare zu „Vivat Anthony Trollope“

  1. „mindest halb so lang wie sein Geburtstag“ – ah, geh!

    Im Bücherschrank fand ich schon mal den Palliser-Roman ‚The Eustace Diamonds‘ für den Anfang. Ich bin gespannt … Aber das Barchester Tower Abenteuer lockt auch. Gut, dass das Wochenende winkt.

    Gefällt 1 Person

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