Heinrich Mann, Henri IV und das Kapitel ‚Margot‘

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Willkommen, liebe Henri Quatre Colloquianer;

die Kommentarfelder sind gepflügt und geeggt und sind nun bereit, die Saat aufzunehmen: Gedankengut, Fragen, Eindrücke zum Kapitel ‚Margot‘ und gerne auch zu den vorigen Kapiteln. Ersteindrücke hat auf seinem Blog eine gute Besprechung zu „Die Jugend des Königs Henri Quatre“ geschrieben, die zu lesen ich empfehle. Was für ein besserer Weg, am 8. Mai nachzudenken, als sich frei und friedfertig auszutauschen zu diesem düsteren Kapitel, in der menschenverachtende Taten von Mensch an Mensch begangen wurden, damit wir tiefer verstehen und uns über unsere eigene Position klarer werden?

bartholomaeusnacht
Franz Hogenberg: Gaspard de Colignys Ermordung in der Bartholomäusnacht; Radierung, um 1600
© Universitätsbibliothek Salzburg, G 45 III

Das Kapitel hebt an mit vielfachen Stimmen aus dem Volk; sie kommentieren die anstehende Hochzeit von Henri von Navarre mit besagter Margot, Katharina von Medicis Tochter Marguerite de Valois, und Heinrich Mann spiegelt in den Ansichten das soziale Gemisch der Stadt Paris: Handwerker, Bürger, einfaches Volk. Diese Vielzahl der Stimmen folgt später das stumme geflissene Tun aller mit weißer Armbinde im Geschäft des Tötens und Mordens gleich ausgerichteten Untertanen. Heinrich Mann ist die Menge der Bürger ein wichtiger Teil in der Geschichte, und er nimmt sich Zeit, einmal einen Chor, dann ein Tableau zu schaffen und damit die Stadt anzufüllen, in der dann die Hauptfiguren in den Vordergrund treten.

Margot

Heinrich Mann stattet die Prinzessin aus, nicht nur mit weiblichen Reizen und Sinnlichkeit, er porträtiert sie auch als intelligent, unabhängig, und auch mitfühlend und ethisch ausgerichtet. Mir gefällt, wie ‚Ersteindrücke‘ sie beschreibt:

marguerite
Marguerite de France, von François Clouet

[…] es ist rührend, die Anfänge ihrer Beziehung [zu Henri] mitzuerleben, und darüber hinaus ist Margot in diesem ersten Band ziemlich sympathisch. Obwohl äußerst gebildet und intelligent, wirkt sie naiv und meist bestrebt, das Richtige zu tun, wird aber letzten Endes doch immer wieder beeinflusst und manipuliert. Bereits vor der Hochzeit wird ihr dies klar: „Sie war zu einer Gott weiß wie verhängnisvollen Gestalt geworden, die Ausgeburt der Tragödie, während sie doch vor sich selbst ein ziemlich gutmütiges Mädchen war“  [in: ‚Das Labyrinth‘]

zur Illustration: daran erkennt man alte Rowohlt-Ausgaben

Weil es in diesem wichtigen Kapitel um die Bartholomäusnacht und die Geschehnisse davor geht, ist so viel, über das man schreiben könnte. Der Louvre ist ein Palast von fraglicher Pracht. Wenn er einmal erleuchtet wird, wie bei der von Katharine aus dem Hintergrund orchestrierten Orgie, dann erscheint er dem Volk als von Höllenfeuer erhellt. Eindrucksvoll läßt Heinrich Mann ihn voller dunkler Winkel, Schächte, versenkter Höfe und geheimer Winkel vor dem geistigen Auge erstehen. Die Lauschszenen und die symbolhafte Kartenrunde sind fast ins Mythen- und Märchenhafte versetzt; aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es so empfunden werden kann und die Grenzen zwischen Realität und Spuk mitunter schwimmen.

clouetKarl IX

Heinrich Mann räumt dem König, Sohn der Katharine de Medici, viel Platz ein und bemüht sich ganz offensichtlich, seiner Komplexität gerecht zu werden. Er zeigt, wie sich menschliche Qualitäten – positive wie negative – mit der Rolle mischen. Am meisten berührte mich der Moment, wie ihn Katherine, die um den äußerst fragilen Moment wußte, dazu bringt, seine königliche Rolle aufzugeben und einzuknicken; also wie er, statt seine Mutter und ihrer Gefolgschaft unter Hochverrat festnehmen zu lassen, dem Ermorden der Hugenotten freien Lauf gibt.

Schon in den ersten Kapiteln spricht Heinrich Mann das Verhältnis von Sohn zur Mutter an, bei Henri und seiner Mutter, Jeanne d’Albret. Auch bei Margot ist die Rolle der Mutter eine wesentliche. Heinrich Mann ergründet weiterhin Karls Raserei. Der Begriff der Krankheit wird gründlich ausgeleuchtet. Es lohnt sich, daraufhin, Conrad Ferdinand Meyers Darstellung von Karl in ‚Das Amulett‚ zu lesen. Da fand ich die Balkonszene besonders beeindruckend, und auch Meyer gesteht Karl zu, das Grauenvolle verhindern zu wollen.

Ein großes Thema ist die Rolle der Religion im Kriegen und Morden. Auch da gibt es Parallelen bei Meyer und Mann. ‚Das Amulett‘ ist sowieso unbedingt lesenswert in seiner Dichte und sprachlichen Schärfe.

Heute Nachmittag liefere ich noch die Übersetzung (von Kurt Stern) der Moralité für alle, die wie ich nicht das Französische beherrschen. Jetzt hab ich für meinen Teil erst mal genug geredet.

Bitte, lassen Sie von sich hören; gerne auch auf Du, muß aber nicht.

Margarete

Moralité

Zu spät. Sie sind behext. Die Warnungen von allen Seiten können nichts mehr daran ändern. Die vertraulichen Mitteilungen Ihres Königs, Ihres Schwagers, bleiben ohne Widerhall, und die Befürchtungen Ihrer Geliebten vermögen Sie nicht zu erschrecken. Sie geben sich ganz Ihrer Liebe hin, während selbst die Mörder nur zitternd vor Angst wie vor Haß die blutige Nacht herannahen sehen. Schließlich begegnen Sie ihr, dieser Nacht, wie einer schönen Unbekannten: und dabei war doch schon der Herr Admiral fast vor Ihren Augen umgekommen. War es nicht so, daß Sie alles bereits wußten, und zwar seit langem, aber daß Sie niemals auf Ihr Gewissen hatten hören wollen? In gewisser Hinsicht ähnelt Ihre Verblendung diesem neuen verdächtigen Wahnwitz Karls IX. Er wählte ihn als Zuflucht. Sie dagegen hatten sich der offensichtlichen Wahrheit verschlossen, um sich im voraus ein Alibi zu verschaffen. Wozu, da Sie nun von hoch oben herabstürzen sollten und um so härter für den Wunsch werden büßen müssen, glücklich zu sein, ohne rückwärts zu schauen.

(übersetzt von Kurt Stern in der Studienausgabe, S. Fischer Verlag 1991)

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