Siri Hustvedt; A Blazing World

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Book and Review
hustvedt
Rowohlt

Schon im Januar war die Taschenbuchausgabe von Siri Hustvedts Roman „The Blazing World“ eingetroffen, und mein Vorsatz, nun endlich einmal etwas von ihr zu lesen, juckte seitdem. Im April veröffentlichte Rowohlt den Roman in der Übersetzung von Uli Aumüller. Und gestern nun berichtete Almathun in bloglichter über eine Autorenlesung in Hamburg, weswegen ich endlich anfing, zu lesen.

Reading along the NYRB
50 Years New York Review Of Books 50 Years

Jetzt ist aber die große Frage nach dem ersten Innehalten – siehe Kommentar – soll ich gleich weiterlesen, irgendwann, oder diesen Roman gar nicht, oder lieber etwas anderes von Hustvedt? Mein Problem steht wohlformuliert in der Besprechung von Terry Castle in der New York Review of Books, The Woman in the Gallery; frei übersetzt etwa:

Die unerbittliche Intertextualität in „Die gleißende Welt“ läßt dem Leser ein bisschen die mündlichen Prüfungen zum Dr Phil. in englischer Literatur noch mal erleben. Kaum kann man vermeiden, nervös und in den Händen schwitzig zu werden bei der Herausforderung, Hustvedts wild lichtbrechenden Anspielungen zu Paradise Lost, Æschylos, Dante, Sir Thomas Browne, Hildegard von Bingen, Thomas Traherne, Christopher Smart, Emily Dickinson, Mary Shelleys Frankenstein, Whitman, Melville, J. G. Ballard, Joan Didion, Philip K. Dick und zahlreichen anderen in das eigene Verständnis des Erzählungsverlaufs einzuordnen.

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Passende Hosenrollen bei Wagenbach und ein Disput in der NYRB
… feel free to come in and read the NYRB in sito.
cavendish
Penguin

Die Geschichte selbst geht – ganz kurz zusammengefasst – um das Ansehen des Künstlers als Frau. Der Titel bezieht sich auf den gleichnahmigen Titel von Margaret Cavendish, die im 17. Jahrhundert Utopien schuf, in denen sie als Frau absolute Macht gewinnen konnte – auf dem Umweg im Männergewand im weitesten Sinne.

Ob es nun aber um die Geschlechterfrage geht oder um die Verwirklichung als Künstler, vielleicht ist der richtige Ansatz der der Unterhaltung. Wissenslücken beiseite geschoben und munter eingetaucht in die New Yorker Kunstwelt, in Verwicklungen und innere und äußere Kämpfe, Beziehungen und Pläne. Einfach alle Unbekannten als fiktive Gestalten sehen und jene, von denen man gehört hat, als Ausschmückung des Ganzen.

In Entweder – Oder schlüpft Kierkegaard in die Rollen von Ästheten A und Ethiker B, und bei all meiner Ignoranz habe ich den Eindruck, dass er A in sich zugesteht, aber mit dem Herzen eher bei B ist und das Beste draus zu machen sich bemüht, dass er mit dem anderen halt leben muss. Was also lässt wohl Siri Hustvedt solch einen Roman schreiben? Will sie blenden mit ihrem Wissen? Wohl kaum. Will sie ein feministisches Manifest in Romanform bringen? Glaub ich nicht. Will ihre Harriet absolut regieren auf dem Kunstmarkt? Soll es eine Studie von Selbstverwirklichung sein?

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dtv

Ich jedenfalls habe Lust, weiter blind und verdattert durch Kierkegaard zu stolpern und dabei immer bestens unterhalten zu sein – er ist ein glänzender kurzweiliger Erzähler-, während lauter tiefe Gedanken und Fragen aus den Seiten aufsteigen und in mich dringen, von denen ich über die Brücke der Jahre, über die Unterscheidung des Geschlechts, über Sprachbarrieren und gähnende Abründe zwischen Wissenshorizonten hinweg einen Mitmenschen erkenne, der Sorgen und Nöte teilt und eine Welt sehen lässt, die nicht gleißt, sondern menschlich scheint.

Mit den unbändigen Gesängen der Fans von Juventus Turin und vom FC Barcelona im Ohr, die aus gegebenem Anlass unsere Stadt heimgesucht haben, wünsche ich allen ein sonniges, friedliches Wochenende.

siehe auch: Almathun; LESUNG: Siri Hustvedt – The Blazing World (in Hamburg)

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2 Kommentare zu „Siri Hustvedt; A Blazing World“

  1. Ah, gut Almathun, Du liest den Roman jetzt also. Ich bin gespannt …

    Der Reichtum stammt von Harriets Mann. Sie hätte all das nicht nötig, materiell verstanden, aber es geht ihr ja auch um den Beweis, dass weibliche Künstler vernachlässigt seien.

    Sympathisch finde ich, dass sie die männlichen Maskenidentitäten nicht einfach benutzt, sondern auf Kooperation zielt und dass besonders der Dritte ein Eigenleben demonstriert, sich praktisch emanzipiert.

    Die akademische Ouvertuere las ich und etwas vom Anfang. Damit lass ich es aber auch erst mal gut sein. Es zeichnet sich da schon ab, dass Hustvedt sich gekonnt verschiedener Stimmen und Stile bedient. Dem Ästheten würde entsprechen, dass der Roman eine intellektuelle Spielerei, klug ausgetüftelt und kunstfertig in ein Ganzes gegossen wäre, ein interessantes Nichts. Was die Ethik betrifft, muss der Roman zumindest spürbar den Autoren bewegt haben, bestenfalls auch den Leser. Es geht um Ernst, Bedeutung, Beziehung, um Alles. So würde ich Kierkegaards Sicht verstehen.

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  2. Heute Morgen habe ich die „Editor’s Introduction“, die der folgenden Mulitperspektivität ja einen Rahmen geben soll, vermute ich, gelesen, und bin an dem Hinweis hängengeblieben, dass die Burden ja rich gewesen sei. Dies wurde während der Lesung mehrfach als bedeutsam für den Roman hervorgehoben, erinnere ich mich vage. Weshalb? Es wird sich hoffentlich noch zeigen. Die Einleitung lässt weiterhins vermuten, dass es um den Versuch der Selbstdefinition geht, Kategorisierungen, die man hierzu benötigt, die aber auch wieder einengen (Ästhet? Ethiker?).

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