Henri Quatre Colloquium: Schiller zieht Bilanz aus der Mordnacht

schiller_historisch
Deutscher Klassiker Verlag
schiller
Friedrich Schiller; von Ludovike Simanowiz, ca 1794
im Schillermuseum, Marbach

Das ist der Fluch
Des Menschen! Will er Böses tun, so reicht
Die Höll‘ ihm tausend Helferarme hin;
Er glaubt: er denke nur, und schon geschieht’s!

Joseph von Auffenberg (1798-1857), Sämtl. Werke (1843-1847), Die Bartholomäusnacht, A. 5, Sz. 3, zitiert bei operone.de

Am kommenden Freitag trifft sich hier wieder das Henri Quatre Colloquium und tauscht sich über das Kapitel: „Die Schule des Unglücks“ aus. Und zur Einstimmung, wie wär es mit Schiller? Als ich diesen Text entdeckte, war ich mal wieder freudig erstaunt über Schillers klare Sprache und seine Ideen, die mich sogleich fesseln. Er beschäftigt sich auf klassische Weise mit der Geschichte Frankreichs: aus der Perspektive der Herrscher. (Alexandre Dumas père, in La Reine Margot, deutsch auch: Die Bartholomäusnacht, wählt wieder eine andere Perspektive, die von Marguerite. Bei Heinrich Mann ist es natürlich Henri vonNavarre.)

Noch hält König Karl IX das Szepter über Frankreich. In seinem Verhalten sieht Schiller den Anfang seines Niedergangs.

Siebzigtausend Kalvinisten waren, nach Sully, in acht Mordtagen, in Frankreich gefallen. Aber wen eine solche Verkettung des Verderbens nicht zugrunde gerichtet hat, der hält sich bald für unüberwindlicher, als er ist! Halb Furcht, halb neue List diktierte dem König schon am 28. Oktober einen Befehl, der ihnen überall Schutz und die Rückgabe ihrer Güter zusagte.

Arglist und Klugheit, welch ein ungleiches Schwesterpaar! Indem diese dem erlaubten Zweck auf Pfaden sich nähert, die von der Rechtschaffenheit gesichert werden, krümmt sich jene auf täuschenden Irrwegen zu Zielen fort, welche sie nie, oder nur zu eigener Schande erreicht. Das Schwanken des Hofs von Grausamkeit zur Nachsicht, was konnte dies anders, als gegen fortdauernden Hofkabalen den Blick des Argwohns schärfen und die Schwäche der königlichen Partie noch sichtbarer bloßstellen? Denn Partie hatte nun der König genommen. Das ganze mächtige Übergewicht, welches die Erhabenheit des Throns gibt, ist verloren, wenn der Fürst, vom Ungestüm des Parteigeistes verführt, selbst in eine Fraktion wider die andere sich herabziehen lässt. Solang er auf dem Thron steht, gebietet sein Ansehen Ehrfurcht auf beiden Seiten. Ist er selbst auf eine Seite getreten, so sieht die gedrückte Partie den Sitz der gemeinschaftlichen Gerechtigkeit leer. Alles, was gegen sie geschieht, ist nun Verfolgung und wird nicht mehr von jenem geheimen Eindruck begleitet, welcher sonst bewirkt, dass Strafen des Staats, vom Vollstrecker der Gesetze auferlegt, nicht reizen, sondern bändigen.

aus: Friedrich Schiller; Geschichte der Unruhen in Frankreich welche der Regierung Heinrichs IV. vorangingen, bis zum Tod Karls IX  (Aus der Sammlung historischer Memoires II. Abteilung 1., 2., 3., 4., 5. und 8. Band.) , gefunden auf der verdienstvollen Seite von Jürgen Kühnle: wissen-im-netz.info / siehe auch Schillers Werke, Nationalausgabe

dumas
Le Livre de Poche
merimee
Gallimard
mann_sekund
die alte Rowohlt Ausgabe

Willkommen im Henri Quatre Colloquium

Wer Lust hat, bis dahin noch soweit im Buch zu lesen, oder aber auch zu den vorherigen Kapiteln etwas zu sagen, ist gerne eingeladen, am Gespräch teilzunehmen. Ob dies nun ein sachlicher Beitrag ist, eine Assoziation, eine Gefühlsaufwallung; ob es zur Sprache und Form bei Heinrich Mann oder zum Stoff ist, ich bin gespannt.

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