Schiller über den Bürgerkrieg

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Schiller Werke in 15 Bänden
Georg Müller Verlag, Leipzig, 1910 – 1914

Über die Hugenottenkriege in Frankreich

In Bürgerkriegen streitet die Leidenschaft des Volks, und der Feind ist der Gegenstand derselben. Jeder einzelne Mann ist hier Beleidiger, weil jeder Einzelne aus freier Wahl die Partei ergriff, für die er streitet. Jeder Mann ist hier Beleidigter, weil man verachtet, was er schätzt, weil man anfeindet, was er liebt, weil man verdammt, was er erwählte. Hier, wo Leidenschaft und Noth dem friedlichen Ackermann, dem Handwerker, dem Künstler das ungewohnte Schwert in die Hände zwingen, kann nur Erbitterung und Wuth den Mangel an Kriegskunst, nur Verzweiflung den Mangel wahrer Tapferkeit ersetzen. Hier, wo man Herd, Heimath, Familie, Eigenthum verließ, wirft man mit schadenfrohem Wohlgefallen den Feuerbrand in Fremdes und achtet nicht auf fremden Lippen die Stimme der Natur, die zu Hause vergeblich erschallte. Hier endlich, wo die Quellen selbst sich trüben, aus denen dem gemeinen Volk alle Sittlichkeit fließt, wo das Ehrwürdige geschändet, das Heilige entweiht, das Unwandelbare aus seinen Fugen gerückt ist, wo die Lebensorgane der allgemeinen Ordnung erkranken, steckt das verderbliche Beispiel des Ganzen jeden einzelnen Busen an, und in jedem Gehirne tobt der Sturm, der die Grundfesten des Staats erschüttert. Dreimal schrecklicheres Loos, wo sich religiöse Schwärmerei mit Parteihaß gattet und die Fackel des Bürgerkrieges sich an der unreinen Flamme des priesterlichen Eifers entzündet!

Quelle: Friedrich Schiller: Geschichte der Unruhen in Frankreich, welche der Regierung Heinrichs IV. vorangingen. – Kapitel 3, in der Cotta’schen Ausgabe von 1879 (Gutenberg Projekt). Die Sprache in der Ausgabe von Georg Müller, Band 9 von 1913, ist in fast heutiger Schreibweise (Wut ohne h, z. Bsp.).

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Hugenottenkriege – Quelle: „Eine gewisse Online-Enzyklopädie„, to coin a phrase.

Nachdem Schillers Sprache und Frische im Stil mich so getroffen hatten (siehe vorigen Eintrag), griff ich am Wochenende in den heimischen Bücherschrank und las weiter vorne und traf auf diese Beurteilung von Bürgerkriegen, die, wie ich finde, noch heute Gültigkeit haben. Vielleicht kann mir ja einer sagen, ob schon Sully selbst diese Einschätzung vorgenommen hatte, oder ob es eine Zutat Schillers als Übersetzer und Herausgeber ist. Ich vermute, es war schon Sully (1560 – 1641; „Mémoires ou Oeconomies royales d’Estat“, 1634).

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Charles IX, roi de France Peinture de François Clouet / Musée Condé

Mir waren die historischen Schriften Schillers gar nicht so gegenwärtig, und ich bin erstaunt, zu erfahren, dass er beispielsweise auch über den Jesuitenstaat in Paraguay* geschrieben hat. Ich fände es begrüßenswert, wenn Kröner oder Reclam diese Essays wieder in erschwinglichen Bändchen veröffentlichen würden.

Eigentlich wollte ich das Zitat zum Tod Karls IX. auch in der feinen alten Ausgabe zu Hause nachlesen, aber wie sich herausstellt, ist der zweite Teil der „Unruhen“ bei dieser chronologisch angeordneten Gesamtausgabe im 12. Band enthalten, und der fehlt uns, höchst ärgerlicher Weise.

*Philip Caraman: Ein verlorenes Paradies. Der Jesuitenstaat in Paraguay. Kösel, München 1979 hatte mich zur Zeit der Diktaturen in Lateinamerika und der Befreiungstheologie fasziniert, ist aber auch heute unbedingt lesenswert.

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