Die Schule des Unglücks

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Montaigne, von der Titelgestaltung im Kröner Verlag: Montaigne über sich selbst

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Das Unglück kann die unverhoffte Möglichkeit bieten, das Leben kennenzulernen. Ein so hochgeborener Prinz war offensichtlich nicht dazu bestimmt, vom Mißgeschick erdrückt zu werden. Unerschrocken, die Warnungen in den Wind schlagend, ist er in das Elend geraten wie in eine Falle. Unmöglich, sich daraus zu befreien: dann wird er also aus seiner neuen Lage Nutzen ziehen. Von nun an gewährt ihm das Leben noch andere Einblicke als die nur, die den Glücklichen dieser Welt offenstehen. Die Lehren, die es ihm erteilt, sind streng, aber auch um wieviel ergreifender als alles, was ihn in den Zeiten seiner jugendlichen Ahnungslosigkeit beschäftigte. Er lernt sich fürchten und sich verstellen. Das kann immer zu etwas nützen, wie man anderseits nichts dabei verliert, wenn man Demütigungen erträgt, Haß empfindet und die fortgesetzt mißhandelte Liebe sterben sieht. Mit Begabung vertieft man das alles, bis man wohlerworbene Moralansichten daraus gemacht hat. Etwas weiter — und man ist auf dem Wege des Zweifels; und wenn man die Lebensverhältnisse der Unterdrückten selber durchlebt hat, findet man sich eines Tages als junger Landesherr in einen wissenden und skeptischen Mann verwandelt, der ebenso sehr aus Güte wie aus Verachtung nachsichtig geworden ist, und der sich wohl zu beurteilen weiß, während er handelt.

Nachdem er lange ohne Sinn und Verstand sich betätigt hat, wird er in Zukunft nur noch mit gutem Vorbehalt handeln und allen zu jähen Impulsen mißtrauen. Wenn man nach alledem von ihm sagen kann, daß er sich — vermöge seiner Vernunft — über seine Leidenschaften erhoben hat, so dankt er es der Zeit der Gefangenschaft, während der er sie durchdacht hat. Wahrhaftig, es bedurfte einer wunderbaren Ausgeglichenheit, um nicht während einer solch langen Prüfungszeit zu fallen. Einzig eine so maßvolle und so ausgeglichene Natur konnte sich ungestraft den lockeren Sitten dieses Hofes hingeben. Auch sie einzig nur konnte sich in die Tiefe eines wilderregten Gedankens hinabwagen und bei alledem doch noch fähig bleiben, zu jener Heiterkeit der Seele zurückzufinden, in der sich die großmütigen Taten vollziehen, ja sogar noch die einfachsten Handlungen, die der gesunde Menschenverstand verlangt.

Ü: Helmut Bartuschek (Rowohlt Ausgabe, Lizenz vom Aufbau Verlag)

Liebe Colloquianer;

Hier habe ich die Übersetzung der Moralité mal an den Anfang gestellt. Viele Jahre lang hielt ich an den Lehrsätzen fest: „Wir dürfen nicht schweigen.“ und „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt.“; und jetzt, wo ich älter werde, habe ich da meine Zweifel. Also war ich gespannt, wie Heinrich Mann, wie Henri und wie der nun wirklich weise Montaigne mit Unrecht und Grausamkeit verfahren.

Die Schule des Unglücks ist dieser Teil des Romans betitelt, der die Zeit unmittelbar nach der Bartholomäusnacht bis zum Tod Karls IX. beschreibt. Ich atmete auf, als es endlich aus den erdrückenden Mauern des Louvre hinaus und übers Land ging bis zum Strand bei La Rochelle.

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Plan and View of the Siege of La Rochelle / Stefano della Bella, 17th century source: Fine Arts Museums of San Francisco

Der Anfang aber ist düster. Charakteristisch ist die schwarze Rabenwolke und die beim Lesen erahnte Ausdünstung aller Gemordeten. Henri ist eindeutig von all den Grausamkeiten gebeutelt, von fast wahnhaftem Vorbeihuschen der Toten und der Mahner; er rennt an gegen die Wand, beißt maßlos wütend einen beliebigen Gegner, verzerrt vor Haß seine Züge – alles sehr körperlich. Aber auch der vorsichtige Beobachter ist er, dem nichts entgeht, und der, kühl registrierend, mich darin an Thomas Cromwell in Hilary Mantells Wolfshall erinnert.

Heinrich Mann läßt uns Henri niedergeschlagen und auch ängstlich und ratlos erscheinen.  Auch am Hof ist eher zynische und hämische Stimmung, häßliche Szenen von Katharina auf häßlichem Wege inszeniert. Wie die Vögel in der Odyssee, die alles mit ihrem Unrat beschmutzen, wirkt die Herrscherin hinter dem schwachen, sterbenden König, auch auf die frische Ehe.

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The Port of Rochelle / Pierre-Auguste Renoir, 1896

Also wenn es auch einer absurden Belagerung seiner Hugenotten in La Rochelle dient, so hat der Ritt zum Atlantik wirklich etwas Befreiendes.

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Atlantica, 2003 (vergriffen)

Besonders schön wird es aber wirklich, wenn wir am Strand und in der einsamen zerfallenen Kate uns zu Henri und Herrn Montaigne gesellen können.

Es wäre noch zur Politik zu schreiben: die Rolle des Königs Karl IX, dem selbst Katharina untertan ist, die „Gemäßigten“, die Gesandten, die ausbleiben, und die Gratulationen der anderen gekrönten Häupter.

Bewegend ist der Ausklang des Kapitels mit der Amme, wie alles auf urmenschliche Bedürfnisse hinausläuft, auch bei der Amme selber.

Aber jetzt bin ich ganz Ohr, was auf dem Kommentarteil zu hören sein mag. Bitte, bitte, nur zu!

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8 Kommentare zu „Die Schule des Unglücks“

  1. All dies sind spannende Betrachtungen, R***.

    „Infolge ihrer angstvollen Hochachtung vor dem Nationalismus regierten die Republikaner fast immer zusammen mit Reaktionären oder abwechselnd mit ihnen und voll Rücksicht auf sie“ (24).

    (Das kann übrigens auch noch auf uns zukommen, wenn sich die CDU in angstvoller Hochachtung vor den Anti-Europäern immer mehr AfD- und pegidisiert.)“

    In der Schule des Unglücks wird ja der Anfang einer langen Gefangenschafts Henris von Navarra und seiner Anhänger beschrieben, die sich anpassen, ablenken lassen, sich geschlagen geben und hinnehmen, weil die Katholische Liga triumphiert. Das war bei den Nationalisten nicht der Fall. Ein Taktieren hier geschah in Hinblick auf Machterlangung, im Paris nach der Bartholomäusnacht aufgrund von Überwältigung. Heinrich Mann beschreibt dieses Lancieren angesichts des übermächtigen Gegners und den tiefen, langen Atem des Widerstandes.

    Immer kommt auch die Frage auf: für wen steht Henri? Welches Frankreich ist gemeint? Es geht ja nicht um Protestant oder Katholik. Ich denke, Henri ging es um friedfertige Bürger gegen Verhetzer und Marodeure, gegen die er auch auf eigener Seite angeht* mit seiner Art der Befriedung: üble Saat zerstreuen und austrocknen. Es soll nicht das Frankreich der Jeanne, seiner Mutter sein, und auch nicht das von Coligny: in beiden Fällen müssten die Katholiken sich im Reich unterwerfen. Bei Henri soll die Religion schlicht keine Rolle spielen, und jedermann soll gut im Lande leben und leutseliger Nachbar sein den anderen Staaten.

    Was Manns harsche Einschätzung der Weimarer Republik betrifft, frage ich mich, warum er der mittleren Regierungsschiene nicht die gleiche Entschuldigung einräumt, wie den Bürgern: „Das Volk war auf gutem Wege, es ist nur aufgehalten worden von seiner wirtschaftlichen Not.“ Die Weimarer Staatslenker mit ihren Ideen standen nicht so nahe am Alltag wie die ausübenden Beamten, die drängende Not, Verunsicherung und Ängste in Reaktionen unmittelbar erfahren haben werden. Der stumpfe Verwaltungsapparat konnte auch nicht so schnell die zündende republikanische Idee aufnehmen, denke ich mal. Doch dass die Völkerverständigung so schlecht weg kommt bei Heinrich Mann, wundert mich doch, wo es doch die Zeit der Essays und Feuilletons war, der Kaffeehäuser und Briefwechsel, der Wandervögel und Abenteuerreisenden. Vielleicht spielte die herbe Enttäuschung doch eine größere Rolle, dass es alles nicht gleich besser wurde, dieser ganze Hickhack der Unbeugsamen im Parlament, in dem alles Mögliche noch so wunderbar und unbedingt erschien, ohne Abwägung von Dringlichkeiten; und dazu das Parteiensystem ohne Quotenregelung.

    • à propos sei hier an die Rolle der frühen SPD erinnert, was die brutale Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht betrifft: siehe „Die Noske-Pabst-Connection“, Volker Ullrich in ‚Die Zeit‘, vom 17. Januar 2009 [http://www.zeit.de/2009/04/P-Gietinger]

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    1. Nachtrag zu SPD und Freikorps

      Keine Frage, dass die ‚Strafexpeditionen’ der Regierungstruppen (Friedrich Ebert) 1919 gegen ‚aufständige’ Arbeiter (Bremen, Hamburg, Leipzig, Halle, Braunschweig, Thüringen, Ruhrgebiet) schlimm waren. Arthur Rosenberg („Entstehung und Geschichte der Weimarer Republik“, 3. Kapitel „Spartakus und Noske“) unterscheidet jedoch innerhalb der Freikorps demokratisch-republiktreue und gegenrevolutionäre Truppen. Die einen setzten sich aus Freiwilligen der mehrheitssozialistischen Arbeiter zusammen, die anderen aus Arbeitslosen und kampf- und abenteuerlustigen jungen Leuten. Letztere Truppen wurden von – innerlich kaisertreuen – Offizieren der alten Armee befehligt, die endlich mit der Novemberrevolution abrechnen wollten. Für die ‚aufständigen’ Arbeiter ist es natürlich egal, von wem sie niedergeworfen werden (obwohl die gegenrevolutionären Truppen brutaler gewesen sein dürften). Rosenberg hat hier allerdings eine politisch dezidierte Meinung: Für ihn war die Gewaltanwendung der Regierung gegen die „Utopisten“, d.h. die aktionistisch-putschistischen unabhängigen Sozialisten (USPD) und Spartakisten, unvermeidlich. Nicht darin sieht er Noskes Schuld, sondern in seiner Bevorzugung der gegenrevolutionären Truppen. Obwohl der Berliner Aufstand (Januar 1919) in der Hauptsache von demokratisch-mehrheitssozialistischen Truppen niedergeschlagen wurde (siehe auch U. Wehler in seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“: „Im Grunde gelang es republiktreuen Arbeitern und Soldaten ziemlich schnell, die völlig unvorbereitete Erhebung weithin niederzuwerfen“), setzten Noske/Ebert/Scheidemann zunehmend auf das alte Militär, das sich auch beeilte, immer mehr Freikorps aufzustellen und Fakten zu schaffen. Anstatt auf die Bildung einer republikanischen Schutztruppe hinzuarbeiten, wurde die SPD-Regierung bald zu einer „Gefangenen der militärischen Gegenrevolution“ (Rosenberg). Die Folge war die restlose Vernichtung aller rätedemokratischer Ansätze in der Republik.

      Einzig Bayern unter dem USPD-Ministerpräsidenten Eisner machte eine rühmliche Ausnahme: „Hier gab es keine Freikorps, keine Rekonstruktion des alten Militärsystems, keine Bewaffnung des Bürgertums und vor allem keinen Krieg zwischen der Sozialisten gegeneinander“ (Rosenberg). Eisner verstand es, den rätedemokratischen Gedanken neben dem parlamentarischen System aufrecht zu erhalten und zu fördern. Es sollte freilich nur eine kurze Periode bleiben.

      In seiner Gedenkrede auf den 1919 ermordeten Kurt Eisner nennt Heinrich Mann ihn den „ersten wahrhaft geistigen Menschen an der Spitze eines deutschen Staates.“

      1918 hatte H. Mann den Vorsitz im „Politischen Rat geistiger Arbeiter“ übernommen, also auch er ein Rätedemokrat: „Wir sind deutsche Demokraten; unser Stolz ist die Überlieferung des Jahres 1848, unsere Welt ist die des deutschen Idealismus, nicht die geistige Welt Bismarcks und Treitschkes (…) Wir sind deutsch, demokratisch und europäisch.“

      Sein Votum für Räte ist jedoch nicht mit dem für Bolschewismus zu verwechseln. Letzterem erteilt er 1919, vor allem als Modell für Deutschland, eine unmissverständliche Absage. Rußland sei noch nicht wirklich über den Zarismus hinaus gekommen: „Diktatur des Proletariats umgedeutet als Dienstpflicht, mit Hinrichtung für jeden Fehler“. Die Absage dürfte vor allem an die Adresse der„ungeduldigen“ und „kriegerischen“ Sozialisten in Deutschland gerichtet sein, d.h. der KPD.

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  2. Ja, R***, so kann ich das unterschreiben; und wie ich beim Lesen im nächsten Kapitel „Die Blässe des Gedankens“ feststelle, sind jetzt bei Heinrich Mann die Parallelen zur Nazi-Agitation, und direkt zu Goebbels, nicht zu übersehen. Eine weitere erschütternde Parallele ist die allseitige Bereitschaft zum Exzess. Heinrich Mann macht klar, dass in den Monaten und Tagen vor der Bartholomäusnacht ähnliche große Gemetzel hätten auch von den Hugenotten an der im Louvre versammelten Obrigkeit und der Pariser Bevölkerung gleichfalls verübt werden können. Kleine Szenen durch die ersten Kapitel hindurch deuten die allgemeine Verrohung an, die Jahre von Rebellionskämpfen geschaffen haben.

    Der Begriff „Weimarisierung“ scheint mir nur unglücklich gewählt, weil er abfällig gegenüber der Weimarer Republik klingt, aber eigentlich deren Gegner meint.

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    1. Und wie stand Heinrich Mann zur Weimarer Republik? Natürlich war er ihr Verfechter und erster Verteidiger. Man lese den Essay-Band „Macht und Mensch“, der „der deutschen Republik“ gewidmet ist. Das war 1919. Dann aber kommt seine Enttäuschung und Abrechnung, siehe den Essay-Band „Der Hass“, die politische Parallelaktion zum Henri Quatre. Das war 1932/33.

      Der dortige Essay „Unfall einer Republik“ ist 1932 geschrieben, eine Abrechnung, die dennoch und fast verzweifelt optimistisch endet: „Dennoch – die Republikaner sind da, und sie bleiben da…. Das Volk war auf gutem Wege, es ist nur aufgehalten worden von seiner wirtschaftlichen Not.“ (28)

      Ein beschwörerischer Optimismus, der fast schon mit seinem Gegenteil rechnet: Denn die Republik sei von Anfang an in ein irrationales Zeitalter gestellt worden. „Von Anfang an hatte sie es schwer, zu atmen und zu leben. Eine Aufgabe der höchsten Vernunft, aber eine Atmosphäre keuchender Leidenschaften, die vom Krieg nur ermüdet, nicht gesättigt sind: das war die Lage der entstehenden Republik und ist ihre Entschuldigung, wenn sie unterlegen ist.“ (20)

      Dass H. Mann hier noch mit einer nur vorübergehenden Niederlage rechnet, zeigt auch seine Prophezeiung: „Das Zeitalter des Irrationalen wird gegen 1940 ablaufen. Die Vernunft darf sich vorbereiten, wieder einzuziehen.“ (20)

      Aber er wirft der Republik vor, den Inhalt ihrer Zeit nicht aufgenommen, ja vorweggenommen zu haben. „Das Geringste wäre gewesen, wenn sie soziale Fortschritte verwirklichte. .. Als es soweit war, geschah freilich nichts“ (21). Statt dessen massive Unterstützung des Großgrundbesitzes. Auch international habe sie nicht zeitgemäß gehandelt – trotz des Wortes von der „Völkerversöhnung“ in der Weimarer Verfassung.

      Freilich sei auch der Versailler Friede ein Erzeugnis des Nationalismus gewesen. Aber: „Der nationalistische Auftrieb geschah nicht gegen die Republik, sondern mit ihr. Das ist die Wahrheit, was auch immer sonst behauptet wird“ (22) Nur ein Einzelner (Stresemann) sie aus der Reihe getanzt.

      Der Nationalhass sei von den Nationalen innenpolitisch benutzt worden, „mehr jedenfalls als von den Republikanern. Die waren als Inhaber des Staates nur schwach überzeugt von sich selbst, waren ohne republikanische Ideologie, und daher fürchteten sie die der anderen, den Nationalismus. Nur darin nicht zurückbleiben! Infolge ihrer angstvollen Hochachtung vor dem Nationalismus regierten die Republikaner fast immer zusammen mit Reaktionären oder abwechselnd mit ihnen und voll Rücksicht auf sie“ (24).

      (Das kann übrigens auch noch auf uns zukommen, wenn sich die CDU in angstvoller Hochachtung vor den Anti-Europäern immer mehr AfD- und pegidisiert.)

      Unterhalb der Ministerebene habe „niemals, keinen Tag lang, eine gründlich republikanische Verwaltung bestanden“ (24). Es habe kein „System“ gegeben, (wenn es wenigstens eins gegeben hätte). „Das herrschende System war das gebrauchte, abgenutzte“. „Justiz war nie republikanisch, das sah jeder; die Reichswehr war es nicht, die Universitäten.“ (25) „Vor Enthüllungen über Staatsfeinde im Staat stellte sich jeder Minister. Jedes republikanische Ministerium trat zurück, wenn es sich offen republikanisch zu entscheiden gehabt hätte. Es machte den erklärten Feinden der Republik bereitwillig Platz…Mögen die nur zeigen, was sie können.“ (25)

      Man tat so, „.als brauchte man nur zu verwalten, nicht zu sichern, nicht zu führen. Das Höchste war, den Ruf zu haben als guter Verwalter – der Gewerkschaften oder der Schutzpolizei. Als aber beide die Republik hätten retten sollen, wurden sie gar nicht beansprucht.“ (26)

      Das ist, wie gesagt 1932 geschrieben („Vor der Katastrophe“). Man müsste sehen, was er „Nachher“ (1933) schreibt. Hier rückt das Phänomen Hass noch mehr in den Mittelpunkt – als etwas, was die Republik nicht genug erkannt oder ernst genommen hat. Das ist das Pendant zur Bartholomäus-Nacht.

      Es wäre interessant, noch die Bemerkungen des ganz späten Heinrich Mann zur Weimarer Republik hinzu zu nehmen, ich meine das 11. Kapital „Die deutsche Republik“ aus „Ein Zeitalter wird besichtigt“.

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  3. Ob die moralités zu den Stärken des Romans gehören, wage ich zu bezweifeln. Manchmal scheinen mir ihre Sätze zu verharmlosen, was vorher besser, weil durchaus ambivalent, dargestellt worden war.

    S*** hatte die Formulierung „Hass muß gelernt sein“ zu Recht problematisiert. In der moralité wird das Problem simplifiziert. „Er lernt sich fürchten und sich verstellen. Das kann immer zu etwas nützen, wie man andererseits nichts dabei verliert, wenn man Demütigungen erträgt, Haß empfindet… Mit Begabung vertieft man das alles, bis man wohlerworbene Moralansichten daraus gemacht hat.“ Das grenzt schon an Sarkasmus! „Haß lernen“ heisst in diesem Fall nichts anderes als den empfundenen Haß zu vertiefen, sprich moralisch zu verarbeiten, was umso einfacher ist, als der Held sowieso über „Begabung“ bzw. „eine wunderbare Ausgeglichenheit“ verfügt. Das ist etwas unbefriedigend.

    Über Haß hat H. Mann schon mal mehr gesagt. Er war ja selber Objekt des Hasses (undeutscher Tendenzschriftsteller, Spartakusliteratur etc) und bekam Morddrohungen und zwar schon vor 1933. Er wurde zum Objekt einer Hetzkampagne, gerade weil er nicht geschwiegen hatte. Noch der Henri Quatre versteht sich als Programm der Volksfront. Henri ist der bessere ‚Führer’.

    Das mag zwar naiv klingen, wie sein militanter Humanismus (Vernunft, Aufklärung, Zivilisiertheit, Gesittung etc.) insgesamt, doch hätte man sich andererseits von den Bürgern der Weimarer Republik ruhig etwas mehr Militanz bei der Verteidigung ihrer Republik gewünscht.

    Eine Stärke (und vielleicht auch Schwäche) H. Manns liegt in der Analyse der Rolle des Intellektuellen bei der Verbreitung von Haß. Ohne den (Selbst)Haß des „verkrachten Literaten“ Goebbels könnte der Pöbel nicht gegen Ersatzobjekte des Hasses aufgehetzt werden. Der Pöbel wird erst durch intellektuelle Anti-Intellektuelle gefährlich, durch „abtrünnige Zivilisierte“, wie man Mann sagt.

    Ich empfehle die Lektüre eines Artikels von Carl Raddatz, kurz vor seinem Tod geschrieben.
    http://www.welt.de/print/die_welt/vermischtes/article13802825/Es-war-und-ist-der-deutsche-Hass.html

    Angesichts einer drohenden ‚Weimarisierung’ Deutschlands oder gar Europas kommt den öffentlichen Intellektuellen bzw. Publizisten eine verdammt wichtige Verantwortung zu. Wer Varoufakis in der talk-show ein „freches Bürschchen“ nennt, bedient sich jedenfalls einer Goebbelschen Diktion.

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    1. Kurt Stern (1907-1989) übersetzt die Stelle:
      „Er lernt das Fürchten und das Heucheln. Das kann immer nützlich sein, wie man andrerseits nie dabei verliert, wenn man Demütigungen erleidet, Haß verspürt und die Liebe, da sie fortgesetzt mißhandelt wird, ersterben sieht. Mit Begabung vertieft man das alles, bis man es zu festverankerten moralischen Erkenntnissen verarbeitet.“
      Die Übersetzungen liefere ich, weil sie in meiner alten Taschenbuchausgabe fehlen und mein Französisch rudimentär geblieben ist.

      Diese Übersetzung ziehe ich der von
      Helmut Bartuschek (1905–1984) vor, aber ich müsste alles von Hand eintippen, konnte die Stern’sche Version nicht im Netz finden. Es klingt da weniger höhnisch, nicht wahr? Heinrich Mann schrieb an diesem Kapitel im Winter 1934 / 1935 in Nizza. Im Dezember schrieb er an Roy Temple House, Prof. of German, Oklahoma: „Da giebt es Scenen und Bilder in Fülle, abwechselnd wird der Bericht märchenhaft, bunt, wild schönheitstrunken oder sonderbar. Der Haß, die Machtgier der Menschen und auch ihre höheren sittlichen Aspirationen, alles vereinigt sich, und das Moralische ist so wichtig wie das Leidenschaftliche oder Glanzvolle.“ (zitiert aus dem Materialienteil in der Studienausgabe bei S. Fischer).

      Tja, was ist „das Moralische“ bei Heinrich Mann, der es Seite an Seite stellt mit Leidenschaft und Rausch, und das in solchen Zeiten?

      Starker Text von Raddatz!

      Was bedeutet „Weimarisierung“, lieber R**** ?

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      1. Mit „Weimarisierung“ meine ich den heimlichen bis offenen Widerstand/Widerwille gegen die Weimarer Republik und ihre (fortschrittliche) Politik, der schließlich zu ihrer Zerstörung führte. Ich entnehme einige Beispiele aus U. Wehlers “Deutscher Gesellschaftsgeschichte 1914-1949“:
        a) Schon 1920 ergeben die Reichstagswahlen keine Mehrheit mehr für die Parteien der Weimarer Koalition.
        b) Der Widerstand wird durch die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten 1925 besiegelt. U. Wehler spricht von einer „Umgründung der Republik im Sinne des Rechtslagers“.
        c) 1930 scheitert mit dem Zerbrechen der Großen Koalition unter Hermann Müller (SPD) die parlamentarische Republik. Die parlamentarische Regierung wird in ein autoritäres System umgebaut (Präsidialregime Brünings, Notverordnungen).
        d) Es fehlt an einem grenzübergreifenden Basiskonsens in Bezug auf Demokratie und parlamentarische Republik.
        e) Geschwächt wird die Republik auch durch die außerparlamentarische Macht der Interessenverbände, paramilitärische Vereinigungen und eine Reichswehr, die den Revisionskrieg anvisiert. Die Republik gilt den Rechten als Produkt des ‚Dolchstoßes’ und des ‚Volksverrats’. Ihnen ist sie ein ‚verhasstes System’.

        Als ich von der Gefahr einer ‚Weimarisierung’ heute sprach, dachte ich insbesondere an den Punkt e): an das pauschale Misstrauen gegen Parlament, Politik, Parteien, ein Misstrauen, das bis zum Hass geht. In ‚Pegida’ – und der ‚Pegidisierung’ der AfD – flackert eine ‚Volksbewegung’ auf, die nur noch auf ihren ‚Führer’ wartet. Unheimlich die Wiederkehr von Begriffen wie ‚Lügenpresse’ und ‚Volksverräter’!

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