Yang und Crane Seite an Seite

yang_crane

Den Geburtstagsbeitrag zu Hart Crane im vorherigen Beitrag habe ich mal einen knappen Monat vorgezogen, weil sich mir eine Gegenüberstellung von seinem Langgedicht Die Brücke mit dem im Frühjahr erschienenen Langgedicht von Jeffrey Yang, Yennecott aufdrängte. Schon rein äußerlich: Beide Ausgaben sind fein gestaltet und zweisprachig in unabhängigen Verlagen: bei Jung und Jung und im Berenberg Verlag, erschienen und sind in Amerika, nämlich genauer gesagt in den Vereinigten Staaten verankert. Beide Dichter vereinen eine Abfolge von im Stil unterschiedlichen Gedichten zu einem großen Ganzen. Jeffrey Yang wurde 1974 in Kalifornien geboren und lebt in New York.

Im Artikel zu Hart Crane war ich eher auf die englischsprachigen Publikationen ausgerichtet, und nun ist es hohe Zeit, die Publikation vom Jung und Jung Verlag recht zu würdigen, zumal der Band nur noch direkt über den Verlag bezogen werden kann. Hier hat Ute Eisinger die Übersetzung gemeistert. Im Berenberg Verlag übersetzte Beatrice Faßbender, die im Nachwort sehr klug fragt:

„Was heißt es, ein Gedicht zu verstehen? Ist dazu Faktenwissen notwendig, oder trägt das Gedicht alles in sich, was es braucht?“

Und Yang antwortet in seinem Nachwort mit einem Zitat von Octavio Paz:

„Gedichte entstehen zwar aus einem Umstand heraus, befreien sich jedoch gleich nach ihrer Entstehung und führen ein eigenes Leben. In der Poesie offenbart sich das Geheimnis der menschlichen Freiheit: Zufälle – Umstände – verwandeln sich in ein Werk. Aus diesem Grund sind Anmerkungen entbehrlich.“

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ein unbekanntes Werk jedweder Art aufzuschlagen und zu lesen, ganz unvoreingenommen und ahnungslos ist immer ein besonderes Erlebnis. Das klappt nicht so, wenn jemand anders schon etwas dazu gesagt oder daraus erzählt hat. Aber dies ist nun mal eine Seite zu Büchern, und deswegen geht’s dann auch um Inhalte.

yang
© Roy Gumpel
Berenberg Photo

Beim Vorlesen am letzten Montag testeten wir den Gedichtband an und waren doppelt überwältigt: von der sicher und kraftvoll daherkommenden Stimme Jeffrey Yangs und von der eigenen Ignoranz des behandelten Stoffs, weswegen ich Frau Faßbenders Frage geradezu als tröstlich empfinde. Ich aber frage: Für wen schreibt Yang?  Als wir vor Jahren in selber Runde „The Bridge“ lasen, kam mir diese Frage nicht, für wen Crane wohl schrieb, obwohl auch dort vieles erst einmal rätselhaft schien. Die entstehenden Bilder und Gefühle, Rhythmus und Klang überwiegen, bei mir wenigstens, alles Unwissen. Aber obendrein ist dem Buch ein 32-seitenlanger Teil mit ausführlichen Anmerkungen beigegeben. Dieses Buch ist wirklich etwas Besonderes.

Ich kenne beide Bücher nicht gut genug um sicher über die jeweiligen Übersetzungen urteilen zu können, nur, dass beide Übersetzerinnen Enormes geleistet haben, das ist schon offensichtlich.

lex_literaturw
Reclam

Schließlich ging es darum, was für eine Art diese Gedichte wohl seien. Im Klappentext von „Die Brücke“ ist von Zyklus die Rede. Im Englischen bedient man sich des Begriffs longpoem. Mir gefällt, wie Udo Friedrich im Lexikon Literaturwissenschaft (Reclam) Benjamin heranzieht, um den Begriff Epos zu erläutern – was mir einfiel, mal nachzuschlagen:

Benjamin hat das epische Erzählen als eine besondere Form der Erinnerung beschrieben und an ihm den anthropologischen Wert des Erzählens als Verfahren der Sinnstiftung festgemacht. Im Epos artikuliere sich noch eine doppelte Form der Erinnerung, die zum einen ein exemplarisches Wissen über den Lauf der Welt, zum andern eine individuelle Erinnerung an den Helden aufrufe.

Wenn Orte Helden sein können, dann passt auch die Bezeichnung Epos bei beiden Gedichten.

Der nächste Vorlesemontag mit Lyrik ist am 27. Juli, und vorgestellt wird:

Mythos Orpheus
Texte von Vergil bis
Bachmann, Reclam
gelesen wird aus dem Kapitel V: Die Musik vor allen Dingen

Vorkenntnisse griechischer Mythen werden nicht nötig sein, schätze ich mal.

Und hier geht es zum vollständigen Juli-Programm der reihe Vorlesen am Montag: (PDF)

Advertisements

Kommentar willkommen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s