Bommarius, Gide und andere: Kolonialismus in Westafrika

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Berenberg

„Die deutsch-kamerunischen Beziehungen sind gut.
Deutschland engagiert sich in Kamerun
insbesondere im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit.“

Deutsches Auswärtiges Amt, Juni 2015

Christian Bommarius
Der gute Deutsche

I

Die Deutschen kommen. Zwei Dampfpinassen schieben sich langsam den Wuri hinauf, Landungsboote mit dreihundert Matrosen im Schlepptau. Admiral Knorr hat sie geschickt, dessen Frigatten Bismarck und Olga zu groß sind für die Fahrt auf dem Wuri und deshalb im Kamarunästuar liegen, einige Meilen von Duala, einer Ansammlung benachbarter Dörfer. Es ist der 20. Dezember 1884.

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Kamerun Marke
(Quelle: ArGE e. V.)
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Quelle: wikimedia

Wie ich so das erste Kapitel anlese, tauchen Bilder der deutschen Kolonialarmee von der Verfilmung von C. S. Forester; African Queen vor meinem inneren Auge auf. Und auch die folgende Szene ist vertraut, hier beschrieben von Dr. Max Buchner, Vertreter des von Bismarck in Deutsch-Westafrika eingesetzten Reichskommissars Dr, Gustav Nachtigall:

„Das Haus des Lock Priso wird niedergerissen, ein bewegtes, malerisches Bild. Wir zünden an. Ich habe mir aber augebeten, dass ich die einzelnen Häuser vorher auf ethnographische Merkwürdigkeiten durchsehen darf. Meine Hauptbeute ist eine große Schnitzerei, der feudale Kanuschmuck des Lock Priso, der nach München kommen soll.“

Prinz Lock Priso Bell, der britische Schutzherrschaft vorzog, hatte sich 1884 geweigert, an Deutschland die Souveränität abzutreten. Strafe, Kultur, Barbarei, Kolonisierung, Bildung – all dies greift ineinander in abstruser und abstoßender Gleichzeitigkeit und wird sorgsam und gründlich von Christian Bommarius aufgedeckt für uns heutige Leser. Mango Bells Großvater und Vater hatten nicht mit der britischen Großmacht geliebäugelt sondern sich in das Vasallendasein geschickt, weswegen Manga Bell zur Belohnung nach Deutschland kommen und dort studieren durfte. Er wurde zum Anwalt seiner Landsleute und 1914 nach „ordentlichem“ Verfahren des Landesverrats angeklagt, verurteilt und gehenkt.

Weswegen es gut ist, so eine Aufrollung einer historischen Begebenheit im Einzelnen zu folgen, wurde mir früher schon bei der Lektüre „The Palace of Justice: A Colombian Tragedy“ von Ana Carrigan klar (über die Geiselnahme der Guerrilla und anschließende Stürmung des Justizpalasts durch Regierungstruppen in Kolumbien, 1985): Ich bekam eine Ahnung von dem, was in diesem fremden Land vor sich ging und wie es relevant für jede Gesellschaft in Zeiten der Krise ist: welche Maßstäbe werden angesetzt, wo geschehen Übergriffe, was veranlaßt Menschen im Privaten und in offiziellen Positionen zu handeln. Man sieht die Tagespolitik in einem frischen, neuen Licht und geht mit sich selbst zu Rate.

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Berenberg / © Hans Edinger

Ich hätte mir in dem sorgfältigen und schön hergestellten Buch noch eine gute historische Karte gewünscht. Auch dieses Buch bestätigt aber meine gute Meinug zu Christian Bommarius, dessen aufmerksamen und klugen Beiträge zu Fragen des Rechts, besonders der Grundrechte, ich immer gerne in der Berliner Zeitung lese. Oft genug erscheinen sie in ihrer unermüdlichen Kompassnadelnatur tröstlich inmitten dessen, was sonst die Nachrichten ausmachen.

So nach und nach werde ich dieses Buch weiterlesen, in Ergänzung zu Gide, Gellhorn und Conrad. Ich bin jetzt schon sicher, dass es sich lohnt.

siehe auch: ein Zitat von Martha Gellhorn zu Deutschlands neuer Aufrüstung

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