Vom Henri Quatre Colloquium, über Schiller und das Übersetzen

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Frontispiz

sully_schlegel_1Warum?

Wenn man nicht gerade über eine Schiller Ausgabe verfügt, ist es gar nicht so leicht, seine einleitenden Worte zu finden zu einer neuen Herausgabe der Werke Sullys, die er wiederum ins Deutsche übersetzte. Ich fand diese einleitenden Worte so fesselnd, dass ich sie hier in Gänze wiedergebe, leicht der heutigen Schreibweise angepasst.

Hier sind Sinn von Herausgabe und Übersetzen von Werken in Schillers wunderbarem frischen und flüssig verfassten Deutsch erläutert. Es sind beinahe fünfzig Jahre her, dass die französische Neuausgabe erschienen war, und Sully hatte seine Memoiren 111 Jahre zuvor, 1634 veröffentlicht, da war die Bartholomäusnacht 58 Jahre her. Lese ich heute den vielfach gefilterten Text, werden all die Protagonisten aus der Zeit Henris von Navarre gegenwärtig, und viele Fragen und Probleme erscheinen frisch wie vom heutigen Tage, was mitunter dient, einen sehr traurig zu stimmen.

Das Henri Quatre Colloquium

Dann gibt es den Roman von Heinrich Mann über Henri von Navarre und seinen Weg zum „guten König“. Wie aus dem Austausch im Kommentar hervorgeht, überlagern sich auch hier wieder Geschichte und Gedanken unserer Zeit. Der häufig angeführte Geist bei Heinrich Mann spukt und webt und wirkt – je nachdem – mal in alten Zeiten, mal in drängenden Sorgen unserer Tage.

Deswegen finde ich es lohnenswert, Sully / de L’Écluse des Loges / Schiller und Heinrich Mann zu lesen und aufs Neue über dieses und jenes nachzudenken.

Hier also nun Schillers Rezension zur französischen Ausgabe und ein Arbeitsbericht aus seiner Übersetzerwerkstatt. Der Text folgt der abgebildeten ursprünglichen Ausgabe und ist in dieser Form, in Fraktur gesetzt, vollständig auf den Seiten der Friedrich Schiller Universität Jena zu lesen. Vielen Dank dafür.

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Vorbericht

Der Wert dieser Denkwürdigkeiten des Herzogs von Sully ist zu allgemein bekannt, um hier noch einer Anpreisung zu bedürfen. Sie liefern uns die wichtigsten Aufschlüsse über das geheime und öffentliche Leben eines vortrefflichen Königs und seines nicht minder vortrefflichen Ministers und verbreiten ein helles Licht über Frankreichs Geschichte von dem Jahre 1570 bis zur Regentschaft der Maria von Medicis, einer der wichtigsten Zeiträume in der französischen Geschichte.

Aber es bedarf vielleicht einer Entschuldigung, daß man diese Denkwürdigkeiten nicht nach dem alten Original, welches unter dem sonderbaren Titel Oeconomies royales & Servitudes loyales bekannt ist, sondern nach der modernen Umarbeitung eines neuern französischen Schriftstellers* liefert. Vielen dürfte der eigentümliche Ton, der in dieser Urschrift herrscht, und sogar das antike und abenteuerliche Gewand, in welches sie gekleidet ist, ein größrer Verlust zu sein dünken, als durch die Arbeit des neuen Herausgebers vergütet worden ist, und die Veränderungen, welche sich derselbe mit seinem Text erlaubte, viel zu gewaltsam scheinen. Und in der Tat würden sie so sehr Unrecht nicht haben, wenn irgendeine Wahrscheinlichkeit vorhanden wäre, dass jene Urschrift unmittelbar aus der Feder des Herzogs von Sully geflossen sei; denn auch in dem seltsamsten Aufzuge hat der große Mann Anspruch auf unsere Achtung. Aber da jene Urschrift nur zu sichtbare Spuren trägt, daß sie, obgleich aus der reinsten Quelle geflossen, doch ihre eigentliche Gestalt nur unter den Händen seiner Sekretäre empfangen habe, so ist der Verlust in der Tat so beträchtlich nicht, oder doch durch die angebrachten Verbesserungen unendlich vergütet. Der französische Herausgeber hat sich sowohl um die Anordnung der Materie als um den Ausdruck ein großes Verdienst erworben. Die Verwirrung, in welcher alle Bestandteile dieser Geschichte in der Urschrift durcheinander geworfen sind, und die auch einen sehr warmen Verehrer der Sullyschen Schrift ermüden müßte, veranlaßt den neuen Herausgeber, sein Original, obwohl mit möglichster Schonung des Eigentümlichen, ganz und gar umzugießen, die einzelnen Partien interessanter und schicklicher zu verbinden, und alles Fremdartige davon zu scheiden. Er erlaubte sich dabei, den Erzähler in der ersten Person von sich sprechen zu lassen, da derselbe durch eine gar sonderbare Wendung in der Urschrift sich selbst anzureden scheint. Der Stil, der im original alle Abwechslungen vom niedrigen und platten bis zum hochtrabenden und schwülstigen durchläuft, durch unübersehliche Periodenlängen oft dunkel, und durch Weitschweifigkeit unerträglich ermüdend wird, hat unter der Feder des neuen Herausgebers eine Haltung und Einheit empfangen, welche der Würde seines Inhalts entspricht, und das werk in seiner neuen Gestalt zu einer sehr anziehenden Lektüre macht. Von eben demselben rühren auch die historischen Erläuterungen her, welch die in den Denkwürdigkeiten aufgeführten Personen betreffen; was hingegen eine zu ängstliche Rücksicht auf die Religion seines Vaterlandes den französischen Herausgeber in den Anmerkungen sprechen ließ, glaubte man einem deutschen Leser in der Übersetzung ersparen zu dürfen.

Das ganze Werk wird in sechs Bänden erscheinen, welche rasch aufeinander folgen und in der Michael Messe** vom Jahr 1792 geendigt sein sollen. Die Einleitung, welche die ganze Geschichte der Ligue in einer kurzen Übersicht umfasst, wird jeden Band des Werkes begleiten, und bis zum Untergang dieser Verbindung fortgeführt werden. Bei Abfassung derselben sind Brantome, Castelnau, de Thou*** u. a., und in Anordnung der Materie besonders der Esprit de la Ligue von Herrn Anquetil meine Führer gewesen.
Jena in der Ostermess 1791****

Quelle: Friedrich Schiller Universität Jena

* Herausgeber war: Pierre-Mathurin de L’Écluse des Loges, 1745

** Michaelis, wird gefeiert am 29. September   **** Ostersonntag war 1791 der 24. April (anderthalb Jahre Arbeitszeit neben der Lehrtätigkeit und allem anderen- fleißiger Schiller! Die erwähnten Schutzherren*** lassen vermuten, dass der Herr Geschichtsprofessor eifrig nebenher weitere Quellen studierte.)

*** ich nehme mal an, dass es sich um folgende Herren handelt: Pierre de Bourdeille, seigneur de Brantôme, Michel de Castelanau, und Jacques-Auguste de Thou

Beiträge zu Heinrich Mann; Die Jugend des Königs Henri Quatre siehe in der Seitenspalte, Henri Quatre Colloquium . Teilnahme und Kommentare herzlich willkommen.

***

ilb
zu den ilb Beiträgen auf dem Blog

Zum Abschluß gibt es hier noch ein gutes Zitat von Frank Heibert zum Themenschwerpunkt beim ilb 15:

Die Kunst des literarischen Übersetzens

Literarisches Übersetzen ist zunächst immer ein Brückenschlag zwischen Fremd und Vertraut, zwischen zwei Kulturen, die das menschliche Zusammenleben anders gestalten, die anders ticken. Und es gilt, den charakteristischen Ton des jeweiligen Originals in der Zielsprache zu treffen, zur neuen Stimme des Autors zu werden. Dazu muss die Sprache des Übersetzers gewandt, vielseitig und reichhaltig sein; vor allem aber muss er sich mit seiner Interpretation einbringen, wie ein Schauspieler oder Musiker, der mit seinen Mitteln umsetzt, was ein anderer vorgegeben hat. Auch wenn man als Leser lieber auf den Autor schaut – Übersetzer sind als Sprachkünstler zu sehen, als Künstler in unserer Sprache. Um diese Sichtbarkeit geht es am Thementag „Die Kunst des literarischen Übersetzens“.

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1 Kommentar zu „Vom Henri Quatre Colloquium, über Schiller und das Übersetzen“

  1. „Eisner verstand es, den rätedemokratischen Gedanken neben dem parlamentarischen System aufrecht zu erhalten und zu fördern. “

    • Lieber R***, ich antworte an diesem Ort mal auf den Kommentar zur Räterepublik und zu Gewalt und Gewaltlosigkeit und wie sehr ich mich über den Hinweis auf die Münchener Variante unter Kurt Eisner gefreut habe. Wilhelm Hogner (SPD), 1887 – 1980 wird im Reclam Bändchen „Die Weimarer Republik“ zitiert: „Solange die Parteimoral und das öffentliche Gewissen versagte, stellten politische Morde [bei den in der Organisation Consul zusammengeschlossenen Erhardt-Leuten] nichts als verständliche Notwehr dar.“

    Am Freitag, wenn im Henri Quatre Colloquium das Kapitel „Ein blasser Gedanke“ ansteht, werden wir sehen, wie Henri Quatre angesichts korrupter Parteimoral und zerrüttetem öffentlichen Gewissens verkündet: Kein Morden mehr!, worauf sich seine Welt auch nicht schlagartig in ein Paradies verwandelt. Interessant wird sein, wie er die wachsende Macht im Bestehenden Durcheinander der Interessen gestaltet, die Ämter einrichtet, die Verantwortung verwaltet. Das ist auch eine Form des Übersetzens.

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