Liberté, Indiebook und Freiheit für Franz Biberkopf

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Ahoi! Kleine, feine unabhängige Verlage
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Delacroix, im Louvre

14. Juli

Frankreichs glorioser Tag des 14. Juli: „Liberté, Liberté chérie“ – zu diesem Datum trafen sich beinahe fünfzig Verleger und Buchhändler, um sich auszutauschen über Indiebooks: unabhängige Bücher. Das war der Grund, weswegen ich am Feierabend zur Zauberberg* Buchhandlung in Friedenau radelte, einer Buchhandlung nach meinem Herzen, übrigens.

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Was sind indiebooks?

Was macht Unabhängigkeit so attraktiv? Ich war amüsiert zu sehen, wie sich in die Feier der Unabhängigkeit die Sehnsucht nach Regel und Zugehörigkeit mischte. Die Kurt Wolff Stiftung hat einen strengen Kriterienkatalog aufgestellt, welcher Verlag aufgenommen wird in den Parnaß der unabhängigen kleinen Verlage:

Er muss konzernunabhängig sein
Er muss ein allgemeines Programm aus den
Bereichen Literatur und Sachbuch haben und darf
kein Druckkostenzuschussverlag sein
Er muss ein regelmäßig erscheinendes Programm haben
Er muss eine nennenswerte Produktion haben (mindestens 4 Titel pro Jahr)
Er muss mindestens zwei Jahre am Markt sein
Er muss seine Bücher mit einer ISBN versehen
Er muss eine professionelle Auslieferung haben
Er muss Mitglied im Börsenverein des deutschen Buchhandels sein
Er muss über eine Verkehrsnummer verfügen
Er muss bei den Barsortimenten vertreten sein
Er muss über eine Website verfügen
Er muss einen Jahresumsatz haben, der unter 5 Mio. Euro liegt

Wer erkoren, den taucht dies in goldenen Glanz; doch grummeln manch and’re von dort vor den Toren.

Der Hotlist Blog öffnet weit die Arme für alles, was an Verlagen klein und deutschsprachig daher kommt, wer immer da Bücher macht, gerne auch experimentell und ausgefallen, ja mitunter unausgegoren. Sagen wir mal, dem Leser bleibt die Arbeit des Sortierens, aber ihm fällt auch die Freude des Entdeckens zu. Ich streife jedenfalls ganz gerne dort im indie-jungle.

Der Mairisch Verlag nun, der den indiebookday spontan und mit winzigem Budget von Hamburg aus vor drei Jahren ins Leben gerufen hat, atmet, so meine ich, den wahren Geist der Unabhängigeit: „indie“ ist ein jedes Buch, das seine Geschichte hat, angefangen von der Idee des Autoren durch den ganzen Prozess seiner Materialisierung und Gestaltung bis über den Buchhandel in das Leserhirn und in den Austausch. Mir gefällt der Apell, über den Inhalt hinaus doch das Material zu würdigen und in der Herstellung umsichtig zu verfahren.

Berlin Alexanderplatz – der Roman in Fortsetzung, am Vorlesemontag

alexanderplatz_aDie Geschichte von Franz Biberkopf, die zu lesen wir schon am Montag zuvor angefangen, hätte natürlich bestens auf den Tag der Stürmung der Bastille gepasst. Was macht einen Menschen frei, und will er das? Ist die Freiheit eine Illusion? Wie verhält sich Freiheit zur Unabhängigkeit? Kann ich frei und unabhängig sein ohne den andern? Mit den andern?

Tja, solche Fragen tauchen auf, wenn man sich auf Bücher und Menschen einläßt, wenn man versucht, die Welt auszudrücken im Wort.

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Ernst Ludwig Kirchner
Porträt Dr. Alfred Döblin, 1912
im Harvard Art Museums/Busch-Reisinger Museum, Cambridge, MA

„Der Rote“, Vertreter dieser von den Nazi-Barbaren zerstörten Welt des Ostjudentums im Berlin der frühen Zwanziger Jahre, hat sich des von der neugewonnenen Freiheit überwältigten Strafentlassenen Biberkopfs angenommen und versucht ihn, aus seinem Loch, in das er sich schutzsuchend vergraben hat, hinauf auf die Straße und unter die Menschen zu helfen, wie eine geduldige Hebamme, mit unbeirrter Hartnäckigkeit und Zuversicht auf ein Gelingen. Eine Methode ist, Geschichtles zu erzählen. Die „Belehrung durch das Beispiel Zannowich“ illustriert ein ähnliches gescheitertes Experiment, durch Tricks und Kniffe von Außen den Menschen zu wandeln, wie es Frank R. Stockton in „Der Bienenmann von Orn“ durchexerzierte. Papa Zannowich hat es als kleiner Betrüger zu Geld gebracht und tut damit alles, dass aus seinem Sohn Stefan was rechtes wird. „Wißt Ihr, wenn der Vater ä Pflänzchen ist, so möcht er, der Sohn soll ä Baum sein.“ Aber am Ende ist dieser dann einfach nur ein großer Betrüger, wie sein Papa ein kleiner gewesen ist.

Vorlesen am Montag
Vorlesen am Montag

Bei Franz Biberkopf gilt: erkenne Dich selbst, erst dann ist es möglich: „Das furchtbare Ding, das sein Leben war, bekommt einen Sinn.“ Er selbst wird „zurechtgebogen“. Das erinnert an Immanuel Kant, der den Menschen als Krummes Holz bezeichnete, und an all die Reformbewegungen aus Döblins Zeit, die eifrig am Menschen herumzimmerten zweck seiner Besserung. Aber vielleicht denkt Döblin beim „zurechtbiegen“ eher an ein Für-sich-selbst-einstehn, an den aufrechten Gang. Obwohl dieser fremde Mann eine Geschichte erzählt von jemand anderem Fremden, kommt Franz Biberkopf für diesmal auf die Beine, weil er hinhört.

alexanderplatz
S. Fischer

Alfred Döblin
Berlin Alexanderplatz

Der Roman in Fortsetzung
2. Runde, am Montag, den 10. August,
ab 18:00 Uhr in der Buchhandlung.
Herzlich willkommen.
Wer hat, nehme bitte seine Ausgabe mit.

siehe auch:

*Der Zauberberg -hm! Hab’ich auch immer noch nicht gelesen!

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