Mit Heine und Tucholsky in den Sommer

geschichte
Schätze aus dem Alfred Kröner Verlag – unter anderen Schätzen

erlesenesErlesenes Lesen bei Kröner

Ich will gleich gestehen, daß ich unter all den Klassikern dieser fein gestalteten Reihe noch nicht eines davon gelesen habe, aber durchaus Lust bekomme, zumal Schloß Gripsholm von Kurt Tucholsky und Atta Troll von Heinrich Heine beides erklärtermaßen Sommerbücher sind.

Weitere vorrätige Titel aus dieser Reihe sind: Georg Büchner; Lenz und Heinrich Heine; Die Harzreise. Heines Versepos Deutschland. Ein Wintermärchen ist übrigens in der Atta Troll Ausgabe auch enthalten.

Die große Emeute

Der Atta »Troll« entstand, wie gesagt, im Spätherbste 1841, zu einer Zeit, als die große Emeute, wo die verschiedenfarbigsten Feinde sich gegen mich zusammengerottet, noch nicht ganz ausgelärmt hatte. Es war eine sehr große Emeute, und ich hätte nie geglaubt, daß Deutschland so viele faule Aepfel hervorbringt, wie mir damals an den Kopf flogen!

schreibt Heine in seinem Vorwort. „Emeute“ musste ich nachschlagen, und fand es im Lexikon der Luxemburger Umgangssprache:

Émeute, f., die Empörung, der Auflauf, die Meuterei. Ce mot s’applique spécialement aux troubles excités, ou par des dissensions civiles, ou par l’aversion qu’inspire une mesure de l’autorité publique. L’émeute n’entraîne pas nécessairement l’idée d’une résistance ou d’une attaque à main armée. Pour qu’il y ait émeute, il suffit qu’une partie du peuple, plus ou moins nombreuse, se rassemble en tumulte, et porte atteinte à la paix publique, en exhalant, sur les places et dans les rues, son mécontentement ou sa fureur. Si l’émeute s’apaise, ou si elle est dissipée, ce n’est qu’un trouble passager. Elle n’est point allée jusqu’à la sédition ou à la révolte, encore moins jusqu’au renversement de l’ordre établi. (Dre de la conversation.)

Ich hätte aber auch im ausführlichen Anmerkungsteil im Buch selbst nachschlagen können. Und zu sehen, wie sorgfältig der Verlag den Leser auf der tollen Reise durch siebenundzwanzig Kapitel begleitet, ihn lockt mit schöner Schrifttype und hier und dort eingestreuten passenden Illustrationen, das geht einher mit Heines fesselnden Witz.

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Heinrich Heine Institut: Atta Troll, Caput XXI, eigh. Arbeitsmanuskript, Papier Nr. 1 (Bl. 97) und Nr. 11 (Bl. 98-105)

Als wir 2013 bei den Vorlese-Montagen Grimms Wörter von Günter Grass lasen, da waren wir mitten in diesen aufrührerischen Zeiten, mit Freiligrath-Skandalen und unter Schimpf und Schande verjagten Professoren. Zensur kann sich auch in Belanglosigkeit kleiden. Wie gut ist für uns, eingelullt in Politikgeschwafel und von Phrasendrescherei zermürbt, von Heine wachgerüttelt zu werden.

Hier ist noch eine Kostprobe aus Caput XXI

Argonauten ohne Schiff,
Die zu Fuß gehn im Gebirge
Und anstatt des goldnen Vließes
Nur ein Bärenfell erzielen –

Ach! wir sind nur arme Teufel,
Helden von modernem Zuschnitt,
Und kein klassischer Poet
Wird uns im Gesang verew’gen!

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T. Allom / S. Fisher (Graveur): Blick auf Cauterets, Pyrenäen (1845)

Das Ganze fängt übrigens an in den Pyrenäen, wo auch Henri Quatre bei Heinrich Mann seinen Anfang nimmt, und auch dort geht es darum, wie man der Gesellschaft auf die Beine hilft, dass es wert ist, ein Menschenleben in der Zeit zu leben: soll man nun regieren von oben oder von unten, oder geht es auch in der Mitte? Beim Schreiben dieses Beitrags habe ich gelernt, dass Stefan Heym über Atta Troll seine Magisterarbeit geschrieben hat. Wär in dem Zusammenhang vielleicht auch interessant, zu lesen.

Nebenstehend eine der Illustrationen (in schwarz-weiß) dieser Ausgabe. Anmerkungen und Nachwort sind von Joachim Bark. Außerdem gibt es noch eine Liste weiterführender Literatur und eine Zeittafel. Alles in blaues Leinen geschlagen und mit Lesebändchen versehen. Fein!

Ja, und mit Shakespeares Sommernachtstraum hat es auch zu tun: Spuk und Traum und Fabelwesen durchziehen die munter aufeinanderfolgenden Vierzeiler.

Dies alles hier, was ich zu „Atta Troll“ schreibe, ist nun sehr ungeordnet und frei assoziiert, aber es soll nur auf andere Art sagen, dass Herrn Heine auf die Spur zu kommen, was er an seiner Zeit im Argen fand und was er sich vielleicht erhoffte, bestimmt lohnt.

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4 Kommentare zu „Mit Heine und Tucholsky in den Sommer“

  1. Der Vorteil vom Ungelesenen, liebe Birgit, ist, es noch vor sich zu haben. Kurt Tucholsky steht da obenan, zumal er gut zur Auseinandersetzung mit Heinrich Mann und den Umtrieben in Deutschland nach dem ersten Weltkrieg passt (Henri Quatre Colloquium).

    Von Heine liebe ich, was ich bisher an seinen Gedichten las: Die zwei Grenadiere, Loreley, Das Fräulein am Meere, und etliches mehr, und Der Rabbi von Bacherach. Ich bin beißendem Spott nicht abgeneigt, besonders, wenn klar wird, dass er aus dem Schmerz geboren wird. Mich interessiert auch Heines Streit mit Börne, worum es da geht. Mit Atta Troll, wenn ich richtig verstehe, bezieht Heine sich direkt darauf.

    Ich bekam auch Lust, den Verleger von Kröner zu fragen, wie er zu der Auswahl der Texte kam, die in solcher Sorgfalt dem Leser nahegelegt werden. Weitere Titel sind: Raabe; Sperlingsgasse / Kafka; Vater und Urteil / Zweig; Schachnovelle / Deutsche Gedichte / Huber; Mit Dichtern auf Reisen. Es liegt wohl nicht nur an den freigewordenen Lizenzen. Es klingt etwas von aufgeklärtem Bürgertum als wache Teilhaber einer Republik an, was meinst Du?

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    1. Ja, zu der letzten Frage – wobei ich den Huber nicht kenne…aber es scheinen eben Texte zu sein, in denen es auch um Abgrenzung vom erstarrten Denken einer alten Klasse geht, Liberalität gegenüber Nationalismus/Erstarrung/Patriarchat?
      An Heine mag ich den Spötter, aber ebenso auch manchmal den Sentimentalen – und dass wird im ja manchesmal zum Vorwurf gemacht, dass er auch so ganz knapp am Kitsch vorbeischrammte
      Zum Börne/Heine-Zwist gibt es, glaube ich, bei der Anderen Bibliothek einen Band: „Das Zerwürfnis“. Verkürzt geschildert: Börne trat für einen Gesinnungsjournalismus ein, der fand den Heine zu gemäßigt, Heine wiederum warf ihm vor, er sei ein Jakobiner. Und natürlich ging es auch unter die Gürtellinie – Herziehen über die Frauen etc.
      Hier übrigens ein ergötzliches Interview mit Robert Gernhardt in Sachen Heine: http://www.welt.de/print-wams/article137227/Das-Buch-der-Lieder-ist-ein-harter-Brocken.html

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      1. Ja, danke für den Gernhardt Tip. Da sieh her, Mozart taucht im Interview auf, und tatsächlich musste ich gerade beim Lesen von Liebesgedichten im Buch der Lieder an ihn denken: bei Heine kommt alles so leicht daher, dass man denkt, weiterpfeifen zu können, um dann festzustellen, dass es doch kunstfertig und differenziert ist und Tiefe hat.

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  2. Heine, der oftmals auch Verpönte – zu Lebzeiten, später dann von Karl Kraus, und auch heute noch. Ich mag den Kerl. Und wie Du schreibst: Es lohnt sich zu lesen, wie er seine Gesellschaft sah. Und Du hast noch nie Schloß Gripsholm gelesen? Ach, ich hätte am liebsten gleich wieder Lust dazu: So federleicht, so sommerschön, obwohl der Tucholsky da ja schon sehr an der Seele litt. Ein bezauberndes Buch.

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