Ein kleines Reclam Potpourri

reclam_jul
Reclam aufgestockt

Bevor demnächst die neuen Bändchen von Reclam eintreffen, locke ich den geneigten Leser hier mit einigen Kostproben:

Große Literatur für den schmalen Geldbeutel

* * *

Der Kreuzberg ist hier nicht gemeint

ventoux
Quelle: Abbaye Saint-Hilaire

Altissimum regionis huius montem, quem non immerito Ventosum vocant, hodierno die, sola videndi insignem loci altitudinem cupiditate ductus, ascendi.

Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht zu Unrecht Ventosus, »den Windigen«, nennt, habe ich am heutigen Tag bestiegen, allein vom Drang beseelt, diesen außergewöhnlich hohen Ort zu sehen.

in: Francesco Petrarca
Die Besteigung des Mont Ventoux  (lat. / dt.)
Ü.: Kurt Steinberg
RUB 887; 3,60 €

* * *

Von Früchten und vom Handel

jandl
Edition Text + Kritik
 realistisches gedicht
 was will
 der herr
 ich hätte
 gern
 orangen
 wieviel
 der herr
 nun ja
 vielleicht
 ein kilo
 was wollen
 der herr
 sonst noch
 vielleicht ein paar
 bananen

Was immer geschehen mag, es kann als Material für ein starkes Gedicht taugen.

Das meint Klaus Siblewski im Nachwort; und im Bändchen sind 73 Beweise versammelt.
in: Ernst Jandl
Gedichte über Gedichte
RUB 18831; 3,00 €

* * *

Ein Nachklang zur Gelöbnis-Zeremonie vom 20. Juli

levine_benjamin
Walter Benjamin, by David Levine in NYRB

Alle Bemühungen um die Ästhetisierung der Politik gipfeln in einem Punkt. Dieser eine Punkt ist der Krieg. Der Krieg, und nur der Krieg, macht es möglich, Massenbewegungen größten Maßstabs unter Wahrung der überkommenen Eigentumsverhältnisse ein Ziel zu geben. So formuliert sich der Tatbestand von der Politik her.

in: Walter Benjamin
Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit
RUB 18830; 4,00 €

* * *

reclam_luther
Reclam

Wie der Martin Luther dem Allerheyligsten in gott vatter Leoni dem czehenden einen Brief schreibt und ihm sagt, dass er ihm wohlgesonnen

Ich will aber frey und offentlich das bekennen, das myr nit anders bewust ist, denn ßo offt ich deyner person habe gedacht, alzeyt das erlichst und beste von dyr gesagt habe, und wo ich das yrgend nit hette than, kund ichs selbs ynn keynen weg loben, und muͤste meyner kleger urteyll mit vollem bekenntniß bekrefftigen, und wolt nit lieberß, dan solches meynes frevells und boßheyt das widderspiel singen, und meyn strefflich wort widderruffen, […]

in: Martin Luther
Von der Freiheit eines Christenmenschen (Studienausgabe)
RUB 18837; 4,00 €

* * *

guggenmos
Josef GuggenmosSkulptur von Klaus Walter in Irrsee Irsee
Photo vom Künstler 

Lügenmärchen, Schabernack

Besuch

War ein Ries‘ bei mir zu Gast
sieben Meter maß er fast,
hat er nicht ins Haus gepasst,
saßen wir im Garten.

Weil er gar so riesig war,
saßen Raben ihm im Haar,
eine ganze Vogelschar,
die da schrien und schwatzten.

Er auch lachte laut und viel,
und dann schrieb er mir zum Spiel
– Bleistift war ein Besenstiel –
seinen Namen nieder.

Und er schrieb an einem Trumm:
MUTAKIRORIKATUM.
Ebenso verkehrt herum,
ja, so heißt der Gute.

Falls ihr einen Riesen wisst,
dessen Name also ist
und der sieben Meter misst,
sagt, ich lass ihn grüßen!

Josef Guggenmos, in: Ins Land der Fantasie
RUB 19081; 4,00 €

Ist das alles nicht wunderbar!

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3 Kommentare zu „Ein kleines Reclam Potpourri“

  1. Ja! Das ist wunderbar! Und den Guggenmoos hier zu finden ist sensationell. Nur ein kleiner Hinweis – ein beliebter Fehler „Irrsee“ schreibt sich nur „Irsee“. Ich weiß dies, weil das in meinen beruflichen Einzugsbereich fällt (in Irsee wird alljährlich der „Pegasus“, ein Literaturpreis vergeben). Das „Irrsee“ ist zudem da auch geschichtlich ein wenig ungeschickt: Das Kloster war früher eine Nervenheilanstalt und einer der unsäglichen Orte, an denen ein nationalsozialistisch verblendeter Arzt hunderte von kranken Menschen ermordete…

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    1. Liebe Birgit; danke für die Richtigstellung. Es steckt also ein Bär hinter allem, wenn es sich Irsee von Ursinum herleitet. Ich hab mal kurz darauf dem mir bis dato unbekannten Kloster virtuell meinen Besuch abgestattet und fand „Porta patet, cor magis“ – und auch, dass es viele Jahrhunderte Geschichte vor den Nazis schon gegeben hat; ob das immer so mit offenen Herzen war, steht dahin. Das Mordkapitel ist erschütternd. Ich bin froh, dass die Tagungsstätte wenigstens daran erinnert, so wie Du auch.

      Was nun Guggenmos betrifft, so sprach er gleich zu mir. Ganz wunderbar finde ich das MUTAKIRORIKATUM. darin. Und auch das Trumm ist ein Neuzugang in meinem Wortschatz. Ich bin mal wieder entzückt.

      Gefällt 1 Person

      1. Freut mich, dass Dich der Knabe entzückt :-) Trumm…mei, das hatte ich schon lange nicht mehr im Mund. Ein Trumm von einem Mann (ein Dicker)…etc. Irsee ist ein wunderbarer Ort, demnächst ist da wieder lange Kunstnacht, auf die ich mich sehr freue. Und die Erinnerungsarbeit kommt dort von Herzen und aus Überzeugung – die Leiter des Hauses haben dazu etliches veröffentlicht, im September werden auch wieder Stolpersteine verlegt. Ich schätze deren Arbeit sehr. Ob die Mönche immer so eine offene Tür hatten – ich weiß es nicht. Aber das war früher auf jeden Fall ein Ort der Bildung und Forschung, aus dem einiges hervorging, gerade in Sachen Musik. Wenn Du mal nach Bayern kommst, schau es Dir an!

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