Die Blässe des Gedankens – Henri Quatre Colloquium

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Rowohlt

 

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Copyright © Musée Carnavalet Histoire de Paris

Liebe Colloquianer, willkommen.

Im Kommentarteil ist schon einiges an Themen auf dem Tisch. Politischer Mord in den französischen Religionskriegen wird uns auch weiter begegnen, und die Frage wird diskutiert, inwieweit Heinrich Mann seinen Roman auch geschrieben hat, um darin das Morden in seiner Zeit beim Aufstieg der Nazionalsozialisten anzuprangern und Wege des Widerstandes zu zeigen.

Allgemein spielt Verrohung eine gewaltige Rolle, und die ergreift alle Schichten der Gesellschaft. Inzwischen, im Roman, sind die furchtbaren Grausamkeiten der Bluthochzeit Vergangenheit, aber wer unter den Hofleuten um Henri von Navarra diese überlebt hatte, wird am Hof der Catherine de Medici zermürbt und gedemütigt. Inzwischen regiert ihr letzter Sohn, Henri III, aber die tatsächliche Regierungsgewalt hat die neugegründete Liga, der Henri de Guise vorsteht und deren Ziel es ist, die Nachfolge des letzten Valois zu sichern für Spanien, die Kirche und die Katholiken.

Henri von Navarre muss immer noch um sein Leben fürchten, und Paris und besonders der Louvre sind ihm ein bedrückendes Gefängnis. Heinrich Mann schildert das Hofleben unter Henri III als ein fortgesetztes Rollenspielen, womit der König seine Schwäche und Ängste zu betäuben versucht. Während zu Lebzeiten seines Bruders, Karl IX., der Louvre oft zu einem gehobenen Bordell verkommen war, umgibt sich Henri mit Knaben und Jünglingen, und im befohlenen Mummenschanz müssen sich auch die Freunde des Henri von Navarra schicken.

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de Léran sucht in der Bartholomäusnacht Zuflucht bei Marguerite de Valois
Gemälde, 1836, von Fragonard im Louvre

Hier ist eine Szene, nachdem Guise sieht, wie verwundet Henri beim Anblick seiner gedemütigten Freunde ist:

Guise sprach ihm höhnisch nach: «Solche Wesen hast auch du gehabt unter den rauhen Kollern deiner Leute, in dem gedrängten Haufen, der fünfzehn Stunden zu Pferd saß und zu seiner Erholung Psalmen sang.»

Richtig; und was blieb da übrig zu sagen. «Léran hat recht, daß er sich verwandelt nach Bedarf und sogar ein Mädchen wird.» Leichtsinnig fand Henri sich ab, er steckte auch diese Demütigung ein nach anderen mehr, und niemand wußte, wo sie alle blieben bei dem beweglichen Navarra. Er lachte über sich selbst wie über einen dritten. Nicht häßlich war sein Verhalten; ein wirklicher Beobachter fand ihn weder abgebrüht noch läppisch. Aber nur ein einziger der Zuschauer, d’Elbeuf, bedachte, was Henri denn eigentlich wäre, ein Kind, ein Narr, oder höchst zielbewußt? D’Elbeuf antwortete: «Ein Unbekannter — in einer Schule.»

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Chiré

Henri begleitet Guise auch zur Predigt von Boucher, eine Szene, wo die Parallelen zur Naziherrschaft nun wirklich nicht wegzuleugnen sind. Noch ist Henri III am Leben und auf dem Thron, aber das Volk ruft bei Anblick des Herzogs von Guise:

„Der König von Paris! Heil!“ Dieser König wurde gegrüßt mit der erhobenen rechten Hand. Die Frauen machten es wie die Männer, nur daß sie sich oft vergaßen und mit beiden Händen hinauflangten nach dem blonden Helden ihrer Träume. Der strahlte hinab auf Gerechte und Ungerechte wie die Sonne selbst, hochgemut und seiner Sache gewiß. So langten sie an, und als das viele Eisen der Kriegsleute zur Ruhe gekommen war, bestieg Pfarrer Boucher die Kanzel.

Dies war ein Redner von neuer Art. Er schäumte beim ersten Wort, und seine rohe Stimme überschlug sich zum weibischen Gekreisch. Er predigte den Haß gegen die Gemäßigten. Nicht nur die Protestanten sollten verabscheut werden bis zur Vernichtung. In einer Nacht der langen Messer und der rollenden Köpfe wollte Boucher besonders abrechnen mit den Duldsamen, auch wenn sie sich katholisch nannten. Die Schlimmsten waren ihm in beiden Religionen die Nachgiebigen, die sich bereitfanden zur Verständigung und dem Land den Frieden wünschten. Den sollte das Land nicht haben, und Boucher behauptete tobend, daß es ihn gar nicht aushalten würde, weil er gegen seine Ehre wäre. Der Schmachfriede und aufgezwungene Vertrag mit den Ketzern würde hiermit zerrissen. Laut schrien der Boden und das Blut nach Gewalt, Gewalt, Gewalt, nach einer kraftvollen Reinigung von allem, was ihnen fremd wäre, von einer faulen Gesittung, einer zersetzenden Freiheit.

Die gedrängte Masse bis hinter den Altar und in die entferntesten Kapellen bestätigte durch wildes Stöhnen, daß sie weder Gesittung noch besonders Freiheit zu dulden gewillt war. Die Leute drückten einander tot, um bis unter die Kanzel zu gelangen und den Redner zu erblicken. Sie sahen nichts als ein aufgerissenes Maul […]

Nach dieser Predigt bleiben die wichtigen Vertreter zurück, zur Geburtsstunde der Liga. Bürgerversammlungen sind zu allen Zeiten ein gutes Feld der Beobachtung. Heinrich Mann verfolgt in diesem ganzen Teil, überschrieben mit ‚Was ist das: Haß?‘, wie sich Individuen zusammenfinden unter vielerlei Gründen aber zu einem Zweck, der wiederum vielerlei innere Ziele verbirgt. Bemerkenswert fand ich beispielsweise diese Stelle:

[…] einer der wichtigsten Bürger, der Präsident der Rechnungskammer, enthüllte den Zustand der Finanzen des Königreiches. Er war trostlos; da aber niemand ihn sich viel anders vorgestellt hatte, erlaubte er allen um so mehr Entrüstung. Erst zu mehreren ist man richtig entrüstet, und nur über Tatsachen, die vorher bekannt waren. Neuigkeiten erregen nur schwer die Geister, weit eher das Aussprechen des lange Zurückgehaltenen.

Am Ende dieses Abschnitts, der ein Kräftemessen von de Guise mit Henri beschreibt, verpackt in ein Tennis-Match, begegnen wir den damals sechzehnjährigen Rosny, später bekannt als Sully, der sich statt des Tennisballs der tödlichen Waffe zu diesem Zweck bedient und einen Gefolgsmann des de Guise aussticht.

Weiter hatte ich noch keine Zitate herausgesucht. Ich war nur herzlich froh, als es mit Henri aus dem dekadenten Louvre heraus durch die Tore von Paris hinaus ins Freie ging und durchs Land bis wieder nach la Rochelle; und auch das Wiedersehen mit Montaigne ist, nur getrübt durch dessen Nierenstein-Leiden, eine Freude.

[Montaigne] sagte, daß er die seltsame Neuigkeit eines Hofes ohne Religion hatte aufsuchen wollen. Henri erwiderte ihm, daß man eher von einem Hof mit zwei Religionen sprechen konnte – worauf Herr Michel de Montaigne ihm ruhig lächelnd entgegenhielt: das wäre dasselbe. Von zwei Religionen könnte nur eine die echte sein, und nur dieser sollte man nachkommen. Wer daneben eine falsche zuließe, der mache keinen Unterschied und könnte eigentlich beide entbehren.

„Was weiß ich?“ flocht Henri ein. Dies Wort blieb ihm unvergessen seit ihrem ersten Gespräch, und hier kam es ihm gelegen.

Und jetzt kommt noch die Übersetzung der Moralité für die, deren Version – wie meine alte Rowohlt-Taschenbuchausgabe – diese nicht mitliefert und die obendrein, wie ich, kein Französisch können:

Moralité

Die große Gefahr für den Denker ist, zu viel zu verstehen, und für den Gefangenen, zu lange zu zögern. Da ist er, dieser Gefangene des Luxus, der Mußestunden und Frauen hat, und der sich von seinen Vergnügungen und den unfruchtbaren Zerstreuungen seines Geistes aufhalten läßt. Indes sieht er zu, wie machtgierige Fanatiker ein Königreich, das er später wiederherstellen soll, bis ins Lebensmark gefährden. Zum Glück bleiben ihm Freunde, die ihn zurechtweisen, und eine Schwester, die ihn zu gegebener Zeit ohrfeigt, ja es taucht sogar ein Geist auf, der ihn wieder zu sich bringt, um ihn an seine Pflichten zu gemahnen. Im Grunde braucht er nicht soviel, und wenn erst sein Tag gekommen ist, wird er von selber seinen Aufschwung nehmen. Seine eigene schöne moralische Gesundheit verleiht ihm den Vorteil über alle Maßlosigkeiten seines Zeitalters. Wie einem gewissen Edelmann unter seinen Freunden «verschlägt Maßlosigkeit selbst im Guten ihm die Rede, wenn sie ihm nicht geradezu zuwider ist; und er hat keinen Namen dafür». Demgegenüber weiß er das Zauberwort, mit dem er seine Begabung und seine Rechte kundgibt. Indem er sich auf seinen Titel eines «Prinzen vom Geblüt» stützt, beharrt er in Wahrheit auf den Vorrechten seiner moralischen Persönlichkeit.

Ü.: Helmut Bartuschek

Bei Kurt Stern gefällt es mir eigentlich noch besser, und weil es ziemlich kurz ist, mach ich mir mal die Mühe mit dem Hineintippen:

Moralité

Für den Denker besteht die große Gefahr darin, zu viel zu wissen, für den Gefangenen darin, zu lange zu zögern. Da sehen wir nun, wie dieser Luxus-Häftling, der über Mußestunden und Frauen verfügt, sich seinen Vergnügungen und zugleich den illusionslosen Zerstreuungen seines Geistes hingibt. Immerehin sieht er, wie gierige Fanatiker ein Königreich, das er später wieder wird ins Geleis bringen müssen, bis ins Lebensmark antasten. Zum Glück bleiben ihm Freunde, die ihm ins Gewissen reden, eine Schwester, die ihn zur rechten Zeit ohrfeigt, und sogar ein Geist setzt ihm zu, um ihn an seine Pflicht zu gemahnen. Im Grunde ist so viel gar nicht nötig, und wenn sein Tag kommt, wird er sich ganz von alleine aufschwingen. Seine prächtige moralische Gesundheit gibt ihm die Überlegenheit über all seine maßlosen Zeitgenossen. Wie einen gewissen Edelmann unter seinen Freunden versetzt ihn Maßlosigkeit, selbst wenn sie das Gute erstrebt, in Erstaunen, wo sie ihn nicht abstößt, und er weiß sie nicht zu bezeichnen. Dagegen verfügt er sehr wohl über das geeignete Wort, um seinen Stand so wie seine Rechte kundzutun. Mit der Betonung seines Titels »Prinz vom Geblüt« besteht er in Wirklichkeit auf den Vorrechten seiner moralischen Persönlichkeit.

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Ausgabe bei S. Fischer, mit den Kurt Stern – Überstzungen
Rowohlt
Rowohlt Ausgabe, mit der Helmut Bartuschek – Übersetzung

Schön elegant, diese Version, nicht wahr? Und ich meine zu sehen, worauf genau Heinrich Mann mit der Blässe des Gedankens hinweist: Noch ist die Unreife Henris erkennbar; er nimmt zwar auf, bezwingt unmittelbare Reaktion, aber kann noch nicht die Tragweite ermessen, auch nicht die seines Handelns, weswegen er vorsichtig vorgeht und sich Zeit nimmt. In einem aber bezieht Henri von Navarra trotz seiner Jugend Stellung: „Getötet wird nicht mehr“.

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