Patrick Marnham; Schlangentanz

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Olms / Bilger / Berenberg

Reisen zu den Ursprüngen des Nuklearzeitalters*

[Es] lässt sich nicht bezweifeln, dass der wissenschaftlich gerüstete Mensch […] eine zum Untergang verurteilte Spezies ist. In der Welt, in der wir leben, herrscht ein aktiver und starker Todeswunsch, der bisher in jeder Krise über den gesunden Verstand regiert hat.

Bertrand Russell, Hat der Mensch noch eine Zukunft? (1961) [Ü.: Paul Baudisch, 1963]

*Untertitel zu: Schlangentanz

Heute, am Tag des Abwurfs der Atombombe auf Hiroshima vor siebzig Jahren, stieß ich beim Aufschlagen der jüngsten Veröffentlichung aus dem Berenberg Verlag auf dieses düstere Zitat aus düsteren Zeiten. In den letzten Wochen strahlte das Fernsehen, spät in der Nacht, deprimierende schwarz-weiß Klassiker des kalten Krieges aus, und ich selber erinnere mich an die Beklemmung der Erwachsenen zur Zeit von Kennedy und Chruschtschow. An den vergangenen Sonntagen hörten wir uns zu Hause auch die Sinfonien und Konzerte von Dimitri Schostakovich an, und es bewegt mich sehr. Mich überzeugt die pessimistische Sicht Russells nicht, dank auch solcher Menschen wie Russell und Schostakovich. Xenophobie, die auch in Hetze und Morden umschlägt, überwinden wir aber wohl niemals.

Im Frühjahr erschien, auch im Berenberg Verlag, von Christian Bommerius, Der gute Deutsche. Bommerius, Journalist mit Schwerpunkt Rechtswissenschaft, besonders Grundrechte, lässt nicht locker, in seinen Artikeln an die Grundrechte der Menschen, die Zielscheiben unserer offenen oder versteckten, alten oder fortgesetzten Xenophobie sind, zu erinnern, wobei er nicht moralisch nörgelt, sondern klug und unterrichtet schreibt.

mehr zu diesem Buch: Bommarius, Gide und andere: Kolonialismus in Westafrika

schlangentanz
Berenberg

Patrick Marnham
Schlangentanz

Jetzt ist also, in der Übersetzung von Astrid Becker und Anne Emmert, im Berenberg Verlag Schlangentanz* vom BBC-Korrespondenten und Reiseschriftsteller Patrick Marnham erschienen, der die Kolonialvergangenheit mit der Zerstörungslust zusammenhängend betrachtet und damit jede Menge Stoff zum Nachdenken liefert. Dazu ist diese Ausgabe, ganz abgesehen vom bewährten geschmackvollen Stil der Edition, reich bestückt mit Karten, Erläuterungen, Anmerkungen und Bibliographie.

* [Snake Dance: Journeys Beneath a Nuclear Sky / Pb Vintage Books 2014]

Der Titel bezieht sich auf Aby Warburg und seinen wichtigen Titel Schlangenritual, von dem der Verleger Wagenbach sagt:

Ein Vierteljahrhundert später gelangte der inzwischen berühmte Gelehrte mit dem hier gedruckten Text zu einer Selbstverständigung, die zeigt, wie in indianischer, griechischer und biblischer Mythologie das Schlangensymbol den Umschlag von Angst in Vernunft verkörpert.

Darum geht es in Schlangentanz:

Die Reise führt zunächst von Brüssel mit seinem Justizpalast, erbaut aus den Einkünften der kongolesischen Horrorkolonie, in den heutigen Kongo, ­woher das Uran für die Bombe kam. Weiter geht es nach New Mexico, einem magischen Stück USA, mit einer ausgelöschten Indianer-Kultur und dem Vermächtnis von Robert Oppen­heimer und Aby Warburg, zwei »verrückten Genies« die sich der zerstörerischen Kraft der Wissenschaft im 20. Jahrhundert auf ganz verschiedenen Wegen näherten. Die Reise endet in Fukushima, wo 2011 die in Hiroshima und Nagasaki entfesselten Kräfte zeigten, was sie auch heute noch anrichten können. [Verlagstext]

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Grey’s Inn Road, London
Photograph unbekannt (zoopla, expired)

Eine Probe aus der Leseprobe

Für den Kongo benötigt man ein Visum. Die Botschaft ist in Nordlondon in einem Reihenhaus aus dem 19. Jahrhundert untergebracht, dem einzigen mit einem Fahnenmast. Grauer Backstein an einem grauen Tag. Eine schmuddelige blau-rote Flagge hängt, schlaff von Abgasen und Regen, am Mast. Viele der Reihenhäuser sind mittlerweile Wettstuben und Schnellrestaurants. Die windschiefen Schornsteine scheinen nur von dem Gewirr rostiger Antennen gestützt zu werden. Jahrelang war diese Gegend ein Rotlichtviertel gewesen. Am Eingang von Gray’s Inn Road Nr. 281 waren am Tag meines Besuchs zwei Überwachungskameras und drei unbeschriftete Klingeln unter der Flagge angebracht. Es war nur ein Hauseingang in King’s Cross, aber schon hier spürte ich Afrika – nach dreißig Jahren – deutlich. Die unbekannte
Flagge, die Klingeln ohne Schilder, das Gefühl, selbst aus den Bäumen beobachtet zu werden – alles lief auf die Frage hinaus: »Willst du hier wirklich rein ?«

mehr Seiten zum Anlesen auf der Berenberg Seite

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1 Kommentar zu „Patrick Marnham; Schlangentanz“

  1. noch ein Hinweis auf eine gute Quelle zum Thema, hier besonders zu Josef Conrad, Heart of Darkness, beim Blog breitengradlaengengrad: [https://breitengradlaengengrad.wordpress.com/2015/05/23/heart-of-darkness/]

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