Die Mühlen des Lebens – Das Henri Quatre Colloquium

barbaste
Le moulin des Tours de Barbaste, Garonne

C’est ainsi qu’un jour, il devint la propriété d’Henri I V que l’on surnommait parfois le Meunier de Barbaste

(Quelle, Bild und Text: mariefb.pagesperso-orange.fr)

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zu den hqc Beiträgen

Willkommen, liebe compagnions im Henri Quatre Colloquium.

(Zum ganzen ersten Band, „Die Jugend…“, gibt es eine gute inhaltliche Zusammenfassung und Einschätzung, zu finden bei ersteindrücke)

Wie immer geb ich hier anfangs ein paar Zitate, Verbindungen und Gedanken zum Besten und hoffe, dass sie Auftakt einer angeregten Diskussion, ruhig en detail, im Kommentarteil werden.

Müller von Barbaste

Heute treffen wir uns – diskret, außerhalb der Schäferstündchen – in der Mühle des Müllers von Barbaste, alias Henri von Navarra höchstselbst.

Wie oft macht er unbegleitet den Weg, längs des Flusses La Garonne, hinüber bei einem alten Städtchen, und jetzt abgebogen. Er streift an Zweige, im welken Laub waten die Hufe. Am Rande des Gehölzes hält er und späht nach seiner Mühle droben auf windigem Hügel, ob er den Müller sieht. […] Heute wartet Henri lange am Rande des Gehölzes, wo Schatten über ihn fällt; sie können ihn nicht sehen von der Mühle. Diese schwingt mit Wucht ihre Flügel — nur, in der Luke erscheint niemals das breite weiße Gesicht des Mannes, der gewöhnlich den Umkreis abspäht. Die Frau! Sie streckt den Kopf heraus, äugt herüber, blinzelt, findet nichts, dennoch scheint ihr Ausdruck sowohl verschlagen als ängstlich. Was das wohl bedeutet?

Hier erscheint Heinrich Mann doch etwas wie Karl May, der nicht selbst am Ort des Geschehens war; denn das geistig entstehende Bild einer Mühle à la Alphonse Daudet deckt sich nun gar nicht mit dieser trutzigen Version einer – wie ich vermute – wasserbetriebenen Mühle. Das Zitat ist einer der diesem Kapitel zahlreich eingereihten Anekdoten entnommen, die mich an die Canterbury-Erzählungen, an das Decameron oder an Matteo Bandellos Geschichtchen von List und Leidenschaft erinnern. Leicht ist der Ton, und doch war der Satz: „Jetzt wird nicht mehr getötet“ voreilig gefallen.

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Henri Roi de Navarre

König von Navarre

Es geht schon um den König, den König unter dem Deckmantel. Es geht aber nicht um Täuschung, sondern um das Sammeln von Erfahrung, die Nähe zu den Bürgern sozusagen in den Niederungen, rings um den zukünftigen Thron Frankreichs. Also denke ich eher an den Kalif Storch.

En février 1576, il réussit en effet à s’échapper de la cour, regagne ses domaines gascons et prend la tête du parti protestant. Anonyme, ce beau portrait du jeune roi de Navarre témoigne de la vitalité de l’art du portrait dans la France du XVIe siècle.

Quelle, Bild und Text: Château de Pau

Das von Henri anscheinend immer noch schemenhaft erahnte Frankreich friedlichen Miteinanders über Unterschiede in Religion und Partei hinweg in einem riesigen Areal, dass über Jahrzehnte hinweg schlimmste Grausamkeiten erlitt und verübte, wächst allmählich, langsam wie die Mühlen arbeiten, nimmt hier und da Formen an: Henri schart Hugenotten und Katholische unterschiedslos um sich, teilt Strafen und Gnaden unterschiedslos aus, was das Strafen betrifft:

Güte? Noch hüten fast alle sich, von Güte etwas merken zu lassen. Dafür müßten sie nicht nur tapfer, sondern kühn sein. Er verführte sie aber, ohne selbst zu bemerken, womit: dadurch, daß er seine Güte würzte mit einiger List. Milde und Duldsamkeit sind den Menschen nicht mehr verächtlich, wenn sie sich überlistet fühlen.

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Édition Perrin (vergriffen)

L’entourage d’Henri IV*

Die Gefährten Henris sind wichtig, und es entspringt bestimmt auch der persönlichen Lage des ins Exil getriebenen, von Ort zu Ort wechselnden Heinrich Mann, dass das freundliche Gegenüber unabdingbar ist, den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren und auch eine Richtung zu bewahren, eine Haltung.

Neben den wichtigen Begegnungen mit Montaigne ist der stete Einfluß von Duplessis-Mornay von Bedeutung. Heinrich Mann widtmet ihm einen ganzen Abschnitt. Zunächst ist Mornay noch ein unbequemer Mahner, aber dann erkennt Henri ihn als Verbündeten, der seiner eigenen ungeformten Idee Gestalt verleiht. „Denn es ist die Erkenntnis ein Licht und wird ausgestrahlt von der Tugend. Schurken wissen nichts.“

* siehe: Virtuelles Museum des Protestantismus, auch: Philippe de Mornay

Menschlichkeit

Am Beispiel des Widerstands der Stadt Eauze, eine der kleinen bösen Städte, wie es zumeist als Auftakt einer der üblichen Eroberungen nach heftigem Kampf, gefolgt von den üblichen Brandschatzungen, Gemetzeln und Greueln heißt, wird nun die radikale Umkehr in der Verfahrensweise demonstriert. Heinrich Mann verwendet große Sorgfalt, dieses Ereignis in der Reaktion Einzelner, unterschiedlicher Haltung, auszumalen: die weinerlichen, die trotzigen, die verängstigten, die ehrgeizigen und rücksichtslosen, – aber auch die gegen alle Hoffnung hoffenden Leute, die ungefragt in dieses Abenteuer gerissen worden waren, als der Liga-verbündete Marschall Biron voll von Hass ihren Gouverneur, König von Navarra, mit fünfzehn seiner als Jäger getarnten Edelleuten zunächst in die Falle gelockt hatte, dann aber durch Henris Wagemut überrumpelt worden war und Eauze auf Gedeih und Verderb den Seinen verfiel.

„Henri entschied sehr laut: »Ich will die Stadt nicht plündern lassen, obwohl es Brauch und Sippe ist, und verdient hättet ihr es. Aber jeder soll zehn Pfund den Armen geben. Sofort holt einen Priester und zahlt an ihn das Geld!«

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S. Fischer

In dem ganzen Tableau von Sündenbocksuchen, gegenseitigem Verleumden und allgemeiner Ratlosigkeit verklärt Heinrich Mann seinen Helden fast schon in biblischen Worten:

Der Fuhrmann, dessen Frau den Engel erblickt hatte, taumelte ratlos umher und fragte jeden: «Was ist das?» Immer dringender, laut klagend, aber mit geschlossenen Augen, als ob ein Heer von Engeln anrückte und ihn blendete, fragte der Fuhrmann: «Was ist das, was geht vor?» Endlich antwortete ihm ein kleiner Herr im grünen Jägerrock.

«Menschlichkeit ist es. Die große Neuerung, der wir beiwohnen, ist die Menschlichkeit.»

Der Fuhrmann riß die Augen auf, da erkannte er den Herrn, dessen Schuldschein er hatte in Zahlung genommen von einem Wirt.

Vielleicht übertreib‘ ich ja, aber ich muss an Manna in der Wüste und an Emmaus denken, wenn ich diese Passage lese, und ich weiß nicht, ob Heinrich Mann beim Schreiben verschmitz gelacht hat vor Fabulierfreude oder ergriffen an seinen noblen Henri dachte, der ihm über all die Jahrhunderte soviel bedeutete.

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S. Fischer

Schwindende Macht

Jedenfalls hat Henri mit diesem sich als höchst pragmatisch erweisenden neuen Weg der „Menschlichkeit“ so viel Erfolg, „daß die Städte, eine nach der anderen, sich dem Gouverneur unterwarfen„, was Madame Catherine ordentlich beunruhigt, und weswegen dieses Kapitel mit ihrem hohen Besuch in der Provinz endet.

Sie hielt ihm [Henri] vor, daß ihr Sohn, der König, in seinem Louvre jetzt ganz allein stände. Sein Bruder d’Alençon wäre gegen ihn im Aufruhr, die Guise und ihre Liga unterwühlten seinen Thron. Aber nicht weniger wäre zu fürchten ein Prinz von Geblüt, der sich dem Hof entfremdete und allmählich zu stark wurde in seiner Provinz. Ob Henri gar nicht daran dächte, er könnte ermordet werden? Dies war der letzte Trumpf seiner lieben Schwiegermutter: sie drohte ihm mit Mördern.

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aus privatem Bestand, ohne Übersetzungen der Moralités

Und hier ist wieder die Übersetzung der Moralité (Ü.: Helmut Bartuschek, im Rowohlt Verlag)

Er hat den Kampf gewählt: hat er sich wohl recht klargemacht, was Kämpfen bedeutet? Das heißt vor allem: vielfältige Mühen durchstehen, ohne sie gering zu achten, sie, die oft ganz umsonst oder von geringfügigster Tragweite sind. Am Anfang des Lebens liefert man nicht gleich große Entscheidungsschlachten. Man ist schon glücklich, wenn man sich im Schweiße seines Angesichts behaupten kann in einem lange währenden dunklen Ringen, das von Tag zu Tag neu zu bestehen ist. Während er so Stein um Stein der widerspenstigen kleinen Städte und eine sich zur Wehr setzende Provinz nimmt, hat dieser künftige König ganz das Aussehen eines Arbeiters, obwohl seine Arbeit von einer besonderen Art ist. Er muß zuerst einmal leben, und als Armer bezahlt er durch Arbeit. Das bedeutet, daß er die Wirklichkeit als Durchschnittsmensch kennenlernt. Das ist etwas bemerkenswert Neuartiges: der Fürst eines großen Königreiches, das ohne ihn der Auflösung entgegenginge, tut seine ersten Taten, indem er das allgemeine Elend durchlebt. Er hat Feinde und Liebschaften, die nicht immer seiner würdig sind, weder die einen noch die andern, und die er gewiß nicht haben würde, spielte er den Stolzen.

Rowohlt
Rowohlt

Das könnte ihn sehr wohl hart und grausam machen, wie es im allgemeinen bei denen der Fall ist, die von unten heraufkommen. Aber gerade er kommt ja nicht von unten herauf. Er macht nur das Leben der Niederen durch. Das erlaubt ihm, großmütig zu sein und sich auf alles das zu berufen, was der Mensch an Menschlichem in sich haben kann. Im übrigen hatte ihn die Erziehung, die er in den Jahren seiner Gefangenschaft erfahren hatte, zum Humanisten vorbereitet. Die Kenntnis des menschlichen Innern ist wohl die kostbarste Erkenntnis eines Zeitalters, dessen Fürst er sein wird. Achtgeben! Das ist ein einzigartiger Augenblick in der Geschichte dieses Teils der Welt, die sich — und sogar für mehrere Jahrhunderte — moralisch zurechtfinden will. Dieser Prinz aus den Pyrenäen, der darauf und dran ist, das Königreich Frankreich zu erobern, könnte auf den Rat eines Machiavelli gehört haben: nichts damit, da würde er keinen Erfolg haben. Doch der tugendhafte Mornay leitet ihn und unterwirft ihn sogar Prüfungen, die ein anderer nicht ertragen hätte. Wenn ihr seht, wie Henri in die schmachvollsten Geheimnisse des Wesens, das er am höchsten verehrt, eingeweiht wird und wie er all das schweigend erleidet, dann könnt ihr ermessen, was er für die Menschen vollbringen kann.

henri

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2 Kommentare zu „Die Mühlen des Lebens – Das Henri Quatre Colloquium“

  1. Reiche Ansätze zum Weiterdenken, lieber R***. Hoffentlich kommen von anderswo noch Antworten und Gedanken und Fragen dazu, aber mich reizt besonders:

    „Was steckt eigentlich ökonomisch und politisch hinter den Bürger- bzw. Religionskriegen des 16. Jahrhunderts?“

    Katherine vertritt als Witwe von Heinrich II. das Haus Valois-Angoulême, eher noch als ihre eigene machtvolle Familie der Medici, und ist daran interessiert, die Herrschaft (im Frankreich der Zeit) offiziell ihrer Söhne in Sukzession, eigentlich aber ihrer selbst, nicht an Hugenotten oder auch, auf eigener Seite, an Guisen, die Kirche Roms oder an Spanien zu verlieren, die alle versuchen, Frankreich unter ihren Einfluß zu bringen und die schwachen Könige von allen Seiten bedrängen. Der Krieg der drei Heinriche steht noch bevor in der Heinrich Mann Lektüre.

    Bei Heinrich Mann regt sich in Katherine ein Trotz gegen die Familie, von der sie sich – wenn ich es recht erinnere – ungeliebt und verbannt fühlt, dazu ein Herrscherinstinkt, der sie zu einer überaus klugen Händlerin von unzähligen Verträgen und Edikten zu den Regierungszeiten ihrer Söhne machte, die sie fest unter der Knute hält – siehe das Michieli Zitat unten im Blogeintrag Ein halbes Dutzend Reclam, unter „Geschichte Frankreichs in Quellen und Darstellung.“)

    Bei Heinrich Mann steht das Wohl des Reiches bei Katherine im Hintergrund, und sie geht auf in ungehemmter Herrscherlust.

    Mir ist immer ein Rätsel, wie die Zerstörung eines Landes und fortlaufende Brutalisierung seiner Bevölkerung je einen ökonomischen Nutzen haben kann, und die Antwort liegt natürlich darin, dass der Nutzen bei den Unbeteiligten zu finden ist. Aber auch das ist nur bedingt der Fall. Es wird wohl in der Natur des Menschen liegen, am Ast zu sägen, auf dem er sitzt.

    Die Hugenotten – bei ihnen waren Coligny und Henris Mutter Jeanne noch Glaubenskämpfer der ersten Stunde, in ihrer Vorstellung Gottesstreiter. Beide nahmen paradoxerweise Grausamkeiten in Kauf, ja, begingen sie selber. Noch vor der Bartholomäusnacht schreibt Heinrich Mann von den ernstzunehmenden Möglichkeiten, dass die hochgerüsteten Hugenotten in Paris über alles, was Katholisches dort lebt, herfallen könnte und jeden niederzumachen bereit wären auf einen Wink Henris, der als legitimer Erbe Jeannes von Navarra die Herschaft hält. Er ist aber bei Heinrich Mann zerstreut, mit persönlichen Dingen befangen, zu ahnungslos – kurzum jung und unerfahren. Die Schrecken des Gemetzels und die folgenden Jahre der Demütigungen seiner selbst und seiner Freunde im Louvre schulen ihn in eine Stellung von Verantwortung und lassen ihn in eine Rolle wachsen, wo er das Wohl der Bevölkerung Frankreichs sicherer ins Auge fasst.

    Die Rolle der Religion tritt bei Henri von Navarra hinter die Maxime der Menschlichkeit zurück. (Man kann auch sagen, dass er Religion gelten lässt, wo sie dem Menschen im Einzelnen und in der Gesellschaft gut tut, also eine Art von Existenzialismus, dem irdischen Dasein verpflichtet, eher als dem Himmel). Sein Navarra regiert er mithilfe eines Rates (zusammengesetzt aus Freunden und geschickt einbezogenen Schlüsselpersonen) und auf Wegen der Verhandlung mit den Gouverneuren der Städte und Bezirke, wobei er vorher kriegerische Mittel benutzt hatte. Er ist sich dabei bewußt, dass er auf dem Weg ist, bald ganz Frankreich zu regieren, wobei es ihm nicht um eigene Macht oder um die rechte Religion, sondern darum geht, das Leben im Land lebenswert zu gestalten und nach außen hin Gefahr abzuwenden – mit List und guten Beziehungen.

    So hab ich’s verstanden.

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  2. Verstreute Bemerkungen und Aufgelesenes aus der Sekundärliteratur (Achtung: Nicht ausgewogen!):

    – – Spuren des Bruderkrieges zwischen Heinrich und Thomas auch im Henri IV? Hans Mayer fällt das „sonderbar vertraute, fast zärtliche Empfinden“ Henri IVs für Henri III auf: „Henris Hof der schönen Damen und jener Hof der Knaben und Jünglinge“. Nach Mayer könnte die „sehr persönliche Zuneigung“ (letzte Moralité) des einen Heinrich zum anderen zu den Ursprungselementen des Romanwerks gehören: eine Art Replik (Umkehrung) auf Thomas Manns Königliche Hoheit.

    – – Was steckt eigentlich ökonomisch und politisch hinter den Bürger- bzw. Religionskriegen des 16. Jahrhunderts?

    – – Geschichtsroman. Weder reine Geschichte noch reines Gegenbild zur Gegenwart, sondern, wie Heinrich Mann schön sagt, Geschichte als „wahres Gleichnis“. D.h. zwar reale Geschichte, aber ‚nur’ als Gleichnis .

    Der historische Charakters des Gegenbildes bedeutet: Es gibt eine Alternative zum NS, es gibt ein anderes Deutschland. Der (Erziehungs)Roman, der der Henri Quatre ist, begreift sich als geistig-moralische Grundlage der Volksfront. (Henri IV ist der ‚wahre’ Führer).

    Nietzsches „monumentalische Geschichtsbetrachtung“ als Vorbild: „Wir brauchen Historie, aber wir brauchen sie anders, als sie der verwöhnte Müßiggänger im Garten des Wissens braucht … wir brauchen sie zum Leben und zur Tat“ (Nietzsche).

    Zu dieser Geschichtsbetrachtung gehört die „Interpretation der Geschichte als eines ewigen Kampfes …. zwischen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, Vernunft und Unvernunft“. Da kommt vielleicht der von der Schroerschen registrierte Märchenton rein. So dürfte es keine Legende, keine Anekdote um Henri IV geben, die Mann nicht nacherzählt und eingebaut hätte. „Katharina von Medici, auch sie immerhin Verfechterin der französischen nationalen Einheit, wird zur Hexe; die Königsmordtheorie der Jesuiten, potentiell doch auch Legitimiation berechtigter Notwehr gegen absolutistische Willkür, wird zum frechen Anschlag auf Henri, also gegen die Vernunft.“ (Jöckel: Heinrich Manns ‚Henri Quatre’ als Gegenbild zum nationalsozialistischen Deutschland 1977, 95).
    Übrigens wird auch die italienische Renaissance, die so wichtig für Manns Frühwerk ist, völlig umgewertet. „Ihre Vorbildlichkeit, die sie immer noch besitzt, ist negativ.“ Der Bereich des Italienischen ist der der „Ruchlosigkeit schlechthin“ (Jöckel).

    – – Michael Maar hat Diktion und Stil Heinrich Manns schön charakterisiert: „Anders als Thomas lehnt Heinrich untergeordnete Satzglieder ab; das ist die Demokratie der Grammatik. Auf dem Felde des Stils bekämpfen sich die Brüder mit ungleichen Waffen; der Zierdegen der Hypotaxe trifft auf das Krummschwert der Parataxe. (…). Heinrich stellt oft Hauptsätze nebeneinander, am liebsten drei, und verbindet sie durch ein Komma. Relativsätze sind selten; er schreibt nicht: »Eine Stimme, der keine gleicht«, sondern: »Eine Stimme, keine andere gleicht ihr«.
    „Seine Figuren sprechen oft alle in der gleichen Kunstsprache, einem Esperanto, das keinerlei mimetische Ambitionen hegt.“ Stimmt: ob Henri oder der Guise – beide sprechen dieselbe Kunstsprache.
    Dazu passt eine Bemerkung von Hans Mayer, nach der sich Henri IV als Heinrich Mann selbst entpuppen soll. Und zwar in seiner Doppeleigenschaft als Aristokrat (Patrizier) und Plebejer. Mayer zitiert aus der Ansprache bzw. Apotheose des Henri IV am Schluß der Vollendung: „Ich war Prinz von Geblüt und Volk. Verdammt noch mal, man muss beides sein, sonst bleibt man ein mittelmäßiger Raffer von nutzlosen Groschen.“ Oder eben ein Bourgeois.

    – – Manns Message im Henri Quatre: Nicht nur Humanismus, sondern militanter Humanismus. Humanisten, die auch „reiten und zuschlagen“ können.

    – – Bemerkenswert, dass H. Mann in der westdeutschen Nachkriegsgermanistik (Kalter Krieg!) erst einmal weg vom Fenster war. Sein Werk sei angeblich von politischem Hass diktiert, erschöpfe sich in Tendenz- und Thesenromanen, er sei „kein Schöpfer aus Herz und Seele, sondern ein Hirnmensch, kein Idealist, sondern ein Ideologie, kein Ethiker, sondern ein ‚Intellektueller’“ (Quelle nicht mehr aufzufinden). Umgekehrt wurde er von der DDR vereinnahmt.

    – – Bartholomäus-Nacht. H. Manns Vorlage für dieses Kapitel ist ein Bild des hugenottischen Dubois aus Amiens, das er getreu beschreibt.

    – – H. Mann als Erzieher. Heinrich Mann fühlt sich in der Zeit der Weimarer Republik als Erzieher der Gesellschaft, als Gegenkraft zur Desintegration. Der Roman sollte ‚moralisateur’, Mittel moralischer Erziehung sein.

    – – Eine deutsche Volksfront hat es nie gegeben, aber viel Engagement von H. Mann zu ihrer Bildung: ein Zusammenschluss antifaschistischer Flüchtlinge als Keimzelle eines demokratischen Deutschland.

    Davor schon, in der Zeit der Weimarer Republik, Bemühungen, auch von Ossietzky etwa, um eine Einheitsfront zwischen SPD und KPD (1932). Nach Meinung der ultralinken Kommunistischen Internationale war die SPD der größte Feind, noch bis Dez. 1933. Dann schwenkte die KPD zur Einheits- und Volksfrontpolitik über.

    Doch die Sopade (Auslands-SPD in Prag) war misstrauisch und verweigerte sich einem Volksfrontbündnis mit der KPD.

    Anders in Frankreich: Dort kam die antifaschistische Front Populaire zwischen Kommunisten, Sozialisten und progressivem Bürgertum zustande und gewann die Wahl von 1936. Kabinett Léon Blum.

    Münzenberg (KPD) gelang es, in Frankreich deutsche Sozialdemokraten zu einer Zusammenarbeit zu bewegen. Zwei Ausschüsse zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront wurden gebildet, in einem davon saß Heinrich Mann. Eine erste größere Volksfrontkonferenz gab es am 2.2.1936. Verabschiedet wurde ein Manifest in Manns Handschrift. Ein Ausschuss zur Sammlung aller Oppositionsgruppen wurde gebildet. Verzettelte sich jedoch in Organisations- und Programmfragen. Auf der Vollkonferenz der deutschen Volksfront am 10.4.37 zeichnete sich schon das Scheitern ab. Trotzkistenjagd und Moskauer Prozesse warfen ihre Schatten. Herbst 37: Rückzug der nicht-kommunistischen Mitglieder des Ausschusses, gegen Merker und Ulbricht.
    Letztlich also politisch gescheitert, doch immerhin Aktivierung vieler deutscher Exilierter, besonders unter Intellektuellen.

    Heinrich Mann: weniger ein aktiver Führer der dt. Volksfront als ein Repräsentant – des besseren, anderen Deutschland.

    – – Schule des Unglücks …. „Ist dabei ganz aktuell gemeint als ein Gleichnis der Situation, in der sich die Exilierten zur Entstehungszeit des Romans befanden.“ (Jöckel 112). Mann spricht von der „Schule der Emigration“ und von der „guten alten Schule des Unglücks“ (ebd). Der NS befördert wider Willen die Gewinnung neuer Kräfte. Auch Klaus Mann in seinem „Vulkan“ spricht von „Haß als einer guten Schule“, auch Feuchtwanger.

    Jedoch Gefahr einer allzu dialektischen Rechtfertigung des Bösen, das nur das Gute schafft.

    – – „Hass lernen“. Andererseits predigt Heinrich Mann (Henri IV) Liebe und Güte. „Nur durch Liebe kann die Welt gerettet werden“, heisst es in Henris Schlussansprache.

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