Ein halbes Dutzend Reclam

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drei Reclam Ausgaben: Mallarmé, Roquebert, Geschichte Frankreichs

Das Reclam Potpourri zu servieren hat Freude gemacht. Es füllt mich immer wieder mit Wunder, wie auf wenigen Seiten in kleinem Format große neue Welten sich öffnen und alle Sinne angeregt werden, nicht nur der Verstand. Es dringt Zischen und Buhen aus allen Zeiten ans Ohr, man reibt sich den Nacken, der vom Starren steif geworden, man blinzelt geblendet vom blitzenden Kiesel, verspürt den seltenen Geruch von rohem Leder und von Sägemehl, und duckt sich im Unterschlupf, den man teilt mit den Verfolgten; man sieht in das reife Gesicht der Monarchenmutter und rätselt, steht schwankend auf schlingerndem Schiffsdeck. Manchmal denke ich, dass die Botschaft vom Verlag Reclam wie aus dem Gedicht von Hub Oosterhuis ist, an das ich mich erinnere, das ich aber nicht mehr finden kann: „‚Laßt uns Menschen werden!‘, sagte der Wolf.“

* * *

Philosophie und Kommerz

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Pico in English

Es ist sogar schon so weit gekommen, daß (sehr zu meinem Schmerz) nur noch die als Weise gelten, die sich für ihre Weisheitsliebe bezahlen lassen, so daß man sehen kann, wie die keusche Pallas, die durch die Gnade der Götter unter den Menschen weilt, vertrieben wird und ausgebuht und ausgezischt und niemanden findet, der sie liebt, der ihr gewogen ist, wenn sie nicht selbst gewissermaßen sich prostituiert und – hat sie den kargen Lohn für den Verlust der Blüte ihrer Jungfräulichkeit empfangen – das auf so üble Weise verdiente Geld zurückgibt in die Börse ihres Freiers.

Noch eine Zugabe, zu Orpheus

Sed (qui erat veterum mos theologorum) ita Orpheus suorum dogmatum mysteria fabularum intexit involucris et poetico velamento dissimulavit, ut si quis legat illius hymnos, nihil subesse credat praeter fabellas nugasque meracissimas.

Jedoch hat Orpheus (entsprechend der Gewohnheit der alten Theologen) die Geheimnisse in seinen Lehren mit der Hülle von Mythen derart überzogen und unter der Decke der Poesie so sehr verborgen, daß, wer seine Hymnen liest, denken möchte, dahinter stecke nichts als Märchen und die reinsten Flausen.

in: Pico della Mirandola
De hominis dignitate
Über die Würde des Menschen (Ü.: Gerd von der Gönna)
RUB 9658; 4,80 €

* * *

Vom August und vom September

august
Reclam
Günter Grass
Augusthimmel

Kein Staunen mehr oder Erschrecken,
weil viele so fern.
Nur Genickstarre vom Sternegucken
und ein Rest erklärbarer Schwindel.

in: August Gedichte
RUB 19118; 5,00 €

* * *

september
Reclam
Rose Ausländer
September

Diese letzte Klausur
des Sommers
ehe das Laub
gelb wird und fällt

Dies Farbenspiel
vor dem Ade
grüne Schwingungen
Blumenschaum blitzende Kiesel
vor dem Ade

Im Hintergrund
singt der graue Rhein:
Es geht
zu Ende

Spatzen wehren sich
gegen den Wind
der schon wild ist

Wir wehren uns
gegen das Gelb
auf unsrer Haut
trinken den letzten Glanz
der sinkenden Sonne

in: September Gedichte
RUB 19119; 5,00 €

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zur Rose Ausländer-Gesellschaft

* * *

Von der Gesellschaft und Kirche der Katharer

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Reclam

Vor dem Kreuzzug leben die Perfecti und Perfectae in kleinen Gruppen. Die Basiszele der Kirche ist die gemeinschaftliche Werkstatt. Tatsächlich gehen die  Perfecti und Perfectae allen möglichen Handwerken nach: Neben Webern findet man bei ihnen Leinen- und Wollspinnerinnen, Näherinnen, Bäckerinnen, Schneider, Schuster, Hutmacher, Handschuhmacher, Sattler, Zurichter, Müller usw. Später, als sie aufgrund der Ereignisse in den Untergrund gehen müssen, als der Kreuzzug und dann die Inquisition zur Schließung ihrer Werkstätten führen, versuchen die Perfecti und Perfectae dennoch die Regel, so gut es geht, einzuhalten und passen sie an die Umstände an. Sie arbeiten bei Leuten, die sie verstecken, und verdienen sich so Unterkunft und Verpflegung. Es gibt wandernde Zimmerleute, Perfecti, die sich als Arbeiter bei der Weinlese oder der Ernte verdingen, sowie Ärzte, von denen zumindest einer, der in Cambiac geborene Arnaud Faure, im Jahre 1245 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird.

zitiert aus: Michel Roquebert; Die Geschichte der Katharer
Histoire de Cathares. Hérésie, Croisade, Inquisition du XIème au XIVème siècle (Perrin, 1999)
Übers. von Ursula Blank-Sangmeister und Erika Ries-Proksch

***

Giovanni Michieli über Katherina von Medici

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»Katharina von Medici als Witwe, im Kreise der Künste und Wissenschaften«  (im Louvre, Cabinet des Dessins)

Textillustration zu:

Geschichte Frankreichs in Quellen und Darstellung.
Band 1: Vom Mittelalter bis zur Französischen Revolution
Federzeichnung von Antoine Caron, Mitte 16. Jahrhundert

Das folgende Porträt der Regentin [im Auszug] stammt aus der Feder des venezianischen Gesandten Michieli.

[…] Sie ist dreiundvierzig Jahre alt […], von ungemein lebhafter Intelligenz […], leutselig, fähig, alle und insbesondere politische Verhandlungen zu führen. […] Sie lässt den König [Karl IX] nicht aus den Augen; sie dukdet nicht, dass jemand in seinem Zimmer schläft. Sie weiß, dass man sie als Ausländerin mit Argwohn betrachtet. […] Alles geht durch ihre Hand: Ämter, Pfründen, Gunsterweisungen; sie ist Großsiegelbewahrer und besitzt das Siegel des Königs. Im Staatsrat lässt sie zuerst die ndern reden, doch ihre Meinung gibt den Ausschlag. […] Man kann sie nur schwer durchschauen.

Ü.: Hildegard Krage, hrg. von Julian Coudy: Die Hugenottenkriege in Augenzeugenberichten (Düsseldorf, 1965)

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Ein Gruß von Mallarmé

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© RMN-Grand Palais (Musée d’Orsay) / Hervé Lewandowski
bonnefoy
Klett-Cotta

Salut

Rien, cette écume, vierge vers
A ne désigner que la coupe ;
Telle loin se noie une troupe
De sirènes mainte à l’envers.

Nous naviguons, ô mes divers
Amis, moi déjà sur la poupe
Vous l’avant fastueux qui coupe
Le flot de foudres et d’hivers ;

Une ivresse belle m’engage
Sans craindre même son tangage
De porter debout ce salut

Solitude, récif, étoile
A n’importe ce qui valut
Le blanc souci de notre toile.

Stéphane Mallarmé
Poésies / Gedichte

Der Band enthält alle Gedichte, die Mallarmé für eine Ausgabe selbst ausgewählt und geordnet hat, außerdem die für seine dichterische Entwicklung entscheidende Ouverture ancienne.   (Verlagstext)

Ein Bonbon zum Schluß ist das Nachwort von Yves Bonnefoy.

siehe auch:

Wer auf die Mallarmé-Übersetzungen von Anne Roehling und Hans Staub bei Reclam neugierig geworden ist, kann das zweisprachige Reclambändchen gerne hier bestellen (es fand inzwischen schon einen frohen Käufer), wie auch die Bücher von Yves Bonnefoy, die im Klett-Cotta Verlag erschienen sind. Alle übrigen Titel sind zum Zeitpunkt dieses Schreibens vorrätig.

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