Vom lauten Lesen im öffentlichen Raum

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Des Heiligen Antonius‘ Fischpredigt
St. Antonius Bronze von Heribert Reul, 1975
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Gestern war der Auftakt zum internationalen literaturfestival berlin, wo jederman eingeladen war, irgendwo in der Öffentlichkeit vorzulesen, und zwar „literarische Texte zur Situation von Flüchtlingen und Asylsuchenden in Europa und weltweit“.

In den vergangenen Jahren hat die Berliner Abendschau immer treu von dem Sprengel der Unverzagten in Bild und Ton berichtet, die da – zumeist windverzaust und besucht von einem verschwindenden Häuflein von Zuhörern – standen und vorlasen: auf dem Tempelhofer Feld, vor dem Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, auf dem Alexanderplatz … Dieses Jahr wurde das Ereignis nicht einmal erwähnt. Auch in der Berliner Zeitung gab es – so mein Eindruck beim morgendlichen Lesen – kein Echo.

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Privates – Öffentliches

Letztes Jahr hatten wir zu dritt gelesen. In diesem Jahr war ich allein. Als ich vor der Ladentür stand, die „berlin liest“-Plakette am Pullover geheftet, und laut las, erlebte ich immerhin, dass Passanten nicht, wie im Vorjahr noch, vom Winkel her komisch ‚rüberguckten und einen Bogen beschrieben, sondern diesesmal den Blickkontakt freundlich wohlwollend erwiderten. Zum Zuhören auf eine Weile blieben diesmal zwei Menschen. Das ist wenig für anderthalb Stunden. Aber mehr als nichts.

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Langenscheidtstraße 7, September 2014

Zweck der Übung war, die Aufmerksamkeit auf Menschen auf der Flucht zu lenken und – so finde ich – die Rolle der Privatperson als Bürger in der öffentlichen Gesellschaft bei diesem Ansinnen zum Ausdruck zu bringen, als ein Modell, eine Möglichkeit.

Unter den Stadtgeräuschen Stimmen zu hören, die als Angebot an Jeden gerichtet sind, bleiben ein seltenes Phänomen. Hat Berlin überhaupt einen Hydepark? Skandierte Parolen in Gegendemonstrationen sind ein anderes Modell, aber ich mag die sanfte Tour und eine komplexere Prosa.

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Carlsen

Vielleicht dürfen wir bleiben

Der Text war für jüngere Kinder gedacht, erinnert an die Kriege beim Zerbrechen Jugoslawiens und zeigt am Beispiel einer Familie, was die Ausweisung in – als solche erklärte – sichere Herkunftsländer bedeutet: eine zweite Vertreibung. Die Kapitel, die zwischen der bosnischen Vergangenheit des achtjährigen und der norwegischen Gegenwart des elfjährigen Alvin wechseln, laut zu lesen, war gut. Selbst ohne Zuhörer ist es ein intensiveres Hören. Ein tapferer kluger kleiner Kerl, dieser Alvin. Daran zu denken, dass seine Situation sich bei vielen Familien in Kriegsgebieten und Abschiebelagern immer noch in unseren Zeiten wiederholt, ist ein trauriges Versagen der Staaten.

Die Autorin, Ingeborg Kringeland Hald, ist Gast in diesem Jahr. Sie stellt am 16. und 17. September ihr Buch vor. (Siehe Veranstaltungsseite)

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2 Kommentare zu „Vom lauten Lesen im öffentlichen Raum“

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