Bachofens Mutterrecht bei Kröner

 

bachofen
Kröner

Johann Jakob Bachofen
Mutterrecht und Urreligion

Kröner

Ah, der Kröner Verlag

Es ist wieder ein wunderbar im klassischen kröner-blauen Leinen gebundener kleiner dicker Band, und voller Überraschungen.

Eine Besonderheit sind ganze hellgrau gedruckte Passagen:

Tatsächlich sind die blasser gedruckten Partien in diesem Fall kein Druckfehler, sondern Absicht. Professor Elsaghe war es sehr wichtig, dass eindeutig herausgestellt wird, welche Partien in der Ausgabe der 20er Jahre, also in der Ausgabe, die die Zwischenkriegsschriftsteller so nachhaltig beeinflusst hat, enthalten waren und welche erst später hinzugekommen sind. Letztere sind blasser gedruckt, um sie abzusetzen, weil sie ja keinen Einfluss auf die betreffenden Schriftsteller ausüben konnten. / jav

Das teilte der Verlag mit, weil nicht ein jeder den Hinweis am Ende der Einleitung gleich wahrnimmt.

Für die Neuauflage hat Yahya Elsaghe ein leidenschaftliches Vorwort verfasst. Das Herbstwetter lud ein, vor dem Laden am Tischchen ein wenig – vorsichtig blätternd – probezulesen. Hab ich gemacht, und Elsaghe hebt an:

Als Karl Marx in Berlin Jura studierte, muss er in denselben Vorlesungen gesessen haben wie ein etwas älterer Kommilitone aus Basel: Johann Jakob Bachofen.

– und schon erscheint eine erste sorgsam hinzugesetzte Fußnote:

Vgl. Lionel Gossman: Basel in der Zeit Jakob Burckhardts. Eine Stadt und vier unzeitgemässe Denker, Basel 2005, S. 160.

thetis
Trauernde Thetis
Quelle: Glasgow University

(Ein anderes Motiv der trauernden Thetis ziert als Vignette, wie in der ursprünglichen Ausgabe, das Titelblatt.)

Weiter geht’s: wie sich Marx und Bachofen in ihrer Radikalität ‚frappant‘ gleichen, wie ‚Das Mutterrecht[] oft genug verstanden [wird] als Synonmym für ›Matriarchat‹ […] nicht ganz zu Recht.‘, wie der Ordinarius für neuere deutsche Literatur an der Universität Bern meint und erläutert, am Beispiel, abgesehen von Bachofens Quelle Herodots, Lafitaus, Jesuit unter Irokesen und Huronen. Er kommt auf die ‚freilich‘ überholten wissenschaftlichen Grundlagen zu sprechen, wobei er aber Bachofens ‚hinreißend originelle[] Interpretation der Orestie‚ würdigt. Kurzum, bevor ich überhaut zu Bachofen komme, finde ich auf jeder Seite Vokabeln, die mir Vergnügen bereiten und jede Menge Erwähnungen, die meine Forscherlust kitzeln. Die Einleitung endet auf Seite LXV. Auch das gefällt mir: der Vorspann in römischer Numerierung.

Zurück zu den Quellen

Übersprungen habe ich die Lebens-Rückschau, von Bachofen 1854 adressiert an Friedrich Carl von Savigny (20 Seiten) und ein höchst faszinierend erscheinendes 24 Seiten langes Vorwort zur Gräbersymbolik ‚der Alten‘, wie sich Bachofen auf die Völker der klassischen Welt bezieht, der er sich als Bildungsreisender mit frischem Blick und Sinn nähert: das Ei, Psyche, Seilflechter, zum Beispiel. Sodann folgt eine 71 Seiten lange Vorrede und Einführung, und dann, als ich den Hauptteil aufschlage und meine, nun Soziologie und Jura zu finden, Laie der ich bin, finde ich eine Untersuchung alter Kulturen, Lykien – „Jede Untersuchung über das Mutterrecht muß von dem lykischen Volke ihren Ausgang nehmen.“ – , Athen, Lemnos, Ägypten, Indien, Lesbos, in Hinblick auf die Stellung und Rolle der Frauen.

sappho
Berlin University Press

Schlußsatz aus dem Kapitel Lesbos

Gleich dem Monde zweier Welten verschiedenes Gesetz in sich vereinigend, ist die aiolische Kulturstufe nicht Überwindung des weiblich-stofflichen Prinzips, sondern Läuterung und Verklärung desselben, daher auch auf ihrer größten Höhe gekennzeichnet durch Endlichkeit und eine gewisse Einförmigkeit der Empfindung, sinnlicher Gebundenheit verfallen, weniger durch Schärfe und Freiheit der Umrisse als durch ahnungsreiche Gefühle ausgezeichnet, mehr beherrscht durch Triebe als durch Reflexion, stets verfallen dem ›doppelten Sinn‹ und der Gefahr jenes den Frauen eigentümlichen ziellosen Ringens, über das Sappho klagt, schwebend zwischen ›Raserei‹ und ›Besonnenheit‹, zwischen ›Üppigkeit‹ und ›Tugend‹, mithin in allem weiblich-stofflichen, nicht väterlich-apollinisch, ganz beherrscht von Aphrodite, an ihrer Größe und Beschränktheit zugleich teilnehmend, mit ihr wandelnd auf derselben Schwindelhöhe, wo Glut und Vernunft in ewigem Streit sich das Gegengewicht halten.

Außerdem im Band enthalten sind noch Die Sage von Tanaquil, Antiquarische Briefe 27, 29 und 30 und Stücke aus dem Nachlass; dazu Register und Glossar und vereinzelte schwarz-weiß-Illustrationen. Ja, finde ich gut, lohnt sich.

siehe auch zu Sappho: Vorlesen am Montag (im Artikel weiter unten. PS: Die Verlagsseite von Berlin UP ist inzwischen schon viel besser geworden.)
zu Herodot bei Kröner (auch weiter unten im Artikel)

PS: Schon längst hätte Bachofen eingetroffen sein sollen, aber die Post, die Post…. . Vorgestern rief unser Nachbar an, dass bei ihm schon lange ein Päckchen zum Abholen bereit läge (Lieferschein vom 21. August), wovon ich keine blasse Ahnung hatte.  Es gab keine Benachrichtigung. Aber nun ist das Buch da und wartet auf einen frohen Kunden.

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