Der Weg zum Thron – Das Henri Quatre Colloquium

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Die Schlacht von Coutras, 1587
© RMN / René-Gabriel Ojéda*
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Kröner

Willkommen, liebe compagnions im Henri Quatre Colloquium.

Meistens lese ich los und irgendwann denke ich daran, Passagen zu vermerken. Dies Kapitel verleitete mich, parallel in den Aufzeichnungen von Montaigne zu lesen, der uns in diesem Teil ein drittes Mal begegnet, in seiner Funktion als Bürgermeister von Bordeaux.

Paris, Frankreich, Franzosen

Montaigne selbst, in der Übersetzung von Paul Sakmann, ist eine Freude, zu lesen. Sakmann, den Regine Brossmann in dieser vierten überarbeiteten Ausgabe ein schönes Denkmal setzt, hat für uns eine gute Zusammenfassung parat in dem Teil, wo Montaigne sein geliebtes Paris besingt. („Ich bin Franzose bloß dieser großen Stadt zuliebe […] groß und ohne ihresgleichen […] Ich sage ihr zur Warnung: Von allen Parteien die schlimmste ist die, die Zwietracht in ihre Mauern trägt. […]“). Zu lang zum Zitieren, aber ich empfehle den Band insgesamt gern*, beginnt er doch mit einem Heinrich Mann Zitat und würdigt auch sonst, dank Sakmanns, dessen Werk, besonders die beiden Henri Quatre Romane.

(* siehe: Marc Aurel, Montaigne, … Philosophie bei Kröner)

Immer noch nicht bin ich dem Geheimnis des Frankreichs in der Vorstellung wirklich nahe gekommen, am ehesten vielleicht im Essay Heinrich Manns, erschienen im Juni 1939 in „Internationale Literatur“, Moskau: Gestaltung und Lehre, in dem er das Frankreich Henri Quatres mit Bismarcks Deutschem Reich abwägt. Heinrich Mann singt darin ein Magnificat – oder ist es ein Manifest?

[Henri von Frankreich] hat die Gemeinen erhöht, womit er die herrschende Klasse um ebensoviel erniedrigte. Er begab sich, wie er sagte, unter die Vormundschaft seiner Stände, wenn auch mit dem Schwert zur Seite. Er erkannte sein Recht darin, daß er sowohl Prinz als Volk war. Die Rechte des Volkes sind den Weg über die Majestät gegangen, – die von ihrem ersten Vertreter als die Verherrlichung des Menschen selbst gemeint war.

…“wenn auch mit dem Schwert zur Seite“ – da ist es wieder. Es nagt an mir. Da muß doch ein Weg sein, das hinter sich zu lassen als Staat und Welt. Aber bis zum Einzug Henris in Paris und zu seiner Thronbesteigung liegt noch ein bitterer Weg, und danach wird die Welt auch nicht ohne Widersacher und Brutalinskis sein.

*Titelbild: Bataille de Coutras (20 octobre 1587), gravure par Frans Hogenberg, XVIe s. Musée national du château de Pau, P64-19-2

Das Henri Quatre Colloquium und die Kommentare

In der Zwischenzeit habe ich für das hqc eine extra Seite eingerichtet, wo alle Kapitel aufgelistet sind (Über diese Website) und ich, wie ich Zeit finde, die Kommentare thematisch aufbereite und hoffentlich einladend präsentiere. Das Colloquium ist immer noch winzig, muss aber nicht so bleiben. Diskurs tut gut, meine ich.

***

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hqc

Der Untergang des Hauses Valois

Dieses Kapitel beschert uns einen wichtigen Abschnitt im Aufstieg Henris. Bei seinem Besuch unter Bedrängnis in Bordeaux verkündet Henri III (in den Worten Heinrich Manns, in der 1964 Rowohlt Ausgabe):

«Heut erkenne ich den König von Navarra an als meinen alleinigen, einzigen Erben»
Hiermit zu Ende, griff er sich an das Herz und wich um einen Schritt, beinahe war es Taumeln. Er hatte zu seinem Nachfolger über dieses katholische Königreich einen Protestanten ernannt. Er hatte den Haß der Liga gegen seine Person herausgefordert bis zum Mord. Er hatte die tapferste Handlung seines Lebens getan.
Der König richtete dann das Wort an den Bürgermeister von Bordeaux, um ihm anzuempfehlen, er sollte das Gehörte wohl aufbewahren für den Fall, daß ihm selbst ein Unglück zustieße, bevor er seinen Entschluß wiederholen konnte zu seinem Hof und seinem Parlament.

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Portrait de François d’Anjou par Pierre Dumonstier / BnF

Da war Franz von Anjou schon gestorben. Henri III hat bei Heinrich Mann die Sympathie von Henri sicher. Sie werden sich bekriegen im Krieg der drei Henris – de Guise ist der Dritte, an der Spitze der katholischen Liga, unter der Ægide des eroberungshungrigen Spanien, dieweil Katharinas Macht zu verblassen scheint mit dem Dahinschwinden ihrer Söhne. Die Zeit zuvor verbringt Henri mit Margot in einem Zustand, der fast Glück und Frieden ähnelt, aber in dem der Wurm sitzt.

Henri von Navarra hat sich ein Eckchen Frankreich gesichert und modellhaft das Konzept: „Macht der Güte“ eingeführt. Es bekommt den Bürgern, aber verhindert nicht, dass gegen ihn gegiftet wird, offen und hinterrücks. De Guise will mit aller Macht verhindern, dass ein Protestant auf den Thron Frankreichs kommt, auf dem er selbst sitzen möchte. Mit wem wir es bei de Guise zu tun haben, daran lässt Heinrich Mann keinen Zweifel, und auf das Signal: ‚Das Begräbnis‘ hin entpuppt er de Guise und seine Anhänger im Abbild der Nazi-Mordsgesellen:

Der Herzog von Guise hatte inzwischen harte Züge bekommen. Er strahlte nicht mehr hell wie einst über Volk und ehrbare Leute hin, der Traumheld ihrer Frauen. Das hatte er nicht länger nötig: so wenig das Verführen wie das Beschenken. Jetzt wurde befohlen. Weder Bürger noch Bauer wurden um ihre Stimme ersucht, sondern wer der Liga nicht beitrat und dem Führer blinden Gehorsam schwor, war verloren.  […]

Ein mörderischer Geheimbund schwillt an unaufhaltsam, [… während des Begräbniszugs überfällt Henri III Schwäche] Als er aufgerichtet und wieder ganz bei Sinnen ist, haben die Guise ihn zu seinem Schutz umringt. Sie verdecken ihn dem Volk, das nur sie erblickt und ihnen zuruft. Der Kardinal von Lothringen zeigt ohne Scham ein großartiges Verbrechergesicht. Der zweite, Mayenne, stellt mehr Leibesumfang zu Schau, als tückische Menschen haben können: das ist erprobt und bekannt. Der Herzog — «Großer Mann!» spricht sein besoldeter Chor. «Heil!» brüllt sein mörderischer Geheimbund, den er total und eins mit dem Land will. […] Seine Maske ist gewulstet von harten Muskeln, die Entschlossenheit verkünden. Er wird zwar das Königreich unter zwölf seiner obersten Schurken aufteilen nach der Verdrängung des Königs in den letzten Winkel, und alle Unterschurken sollen stehlen und töten dürfen. Vorausgesetzt bleibt ihre eigene stramme Unterwerfung, sonst werden sie selbst die viere von sich strecken und starr sein anstatt stramm. Das ist beschlossen, seht die Muskelbündel um den Mund des Führers. Töten und getötet werden, eine Bartholomäusnacht ohne Ende soll das Reich des Führers sein, heil!

traumland
Rowohlt

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.

(Schiller-Zitat)

Der Papst schlägt Henri in Bann, was dieser ignoriert, worauf der schwache König – nein, Heinrich Mann nennt ihn hier den ‚armen König‘ – mit der Liga einen Bund schließt, „er wußte selbst nicht wie“.

Als Henri in seinem Nérac davon hörte, saß er ganz allein die Nacht auf.

Er bedachte tief, was jetzt nahe war und so sicher bevorstand wie der Morgen. Es war der Krieg, der wirkliche Krieg um das Dasein, […] Henri gewahrte die Entscheidung vor sich in Gestalt eines Heerwurmes, der bedeckt die Erde. Erschlag ihn oder glaube selbst daran! Du allein, auf dich haben sie es abgesehen, sonst könnten sie untereinander ihre Geschäfte besorgen, nur du störst sie. Du sollst die Krone nicht in Frieden erben, zuerst müssen zehntausend Leichen daliegen: ich selber überhäufe mit ihnen mein eigenes Königreich!

‹Vetter Valois hat nicht Wort gehalten, was erwartete ich denn auch. Er ergibt sich der Liga, bevor sie ihn umbringt. Nach ihrem Siege täte sie es um so sicherer. Vetter Valois, du verläßt dich darauf, daß ich dich und die Liga schlage. Das ist deine Rettung, wie es meine ist. Deine Untreue befestigt unser Bündnis, ich wollte wohl, ich könnte den Herrn, meinen Gott, bitten, daß er die Prüfung von mir nimmt […]

Klingt mal wieder etwas Jesus-artig….

So kommt es zum Krieg, und hinterher zu einer Szene, überschrieben mit „Der fröhliche Tag“, die mich an Henri Dunant bei Solferino erinnert:

Auf dem Schlachtfeld zurück blieben zweitausend Tote, fast lauter Katholiken: sonst war es leer. Die Toten lagen zwischen ihren Pferden und Waffen, alles aufgeworfen zu Hügeln von selbst, ohne menschliches Vorbedenken, und so auch die anderen Hügel, die aus Sand und Gras sind. Zwischen Sand, Gras und den Toten bewegte sich eine einzelne gebückte Gestalt: späht in die Gesichter, taumelt vom Schmerz des Findens und Erkennens, späht gebückt im fallenden Abend, unter den niedrigen Wolken.

Im «Weißen Roß» zu Coutras wurde getafelt oben, aber unten trug der Tisch die Leichen des Herzogs von Joyeuse und seines Bruders. Der König von Navarra kehrte zurück, man wußte nicht, woher; in der Verwirrung des Sieges hatte noch niemand ihn vermißt. Seine eigene Wohnung fand er voll verwundeter Gefangener, ging in das Gasthaus: hier bemerkten einige, daß seine Augen gerötet waren. Zuerst beugte er noch das Knie vor den beiden Besiegten; dann verwandelte er sich durch eigenen Entschluß und eilte hinauf, um mit den Lachenden und Tafelnden den großen Sieg zu feiern.

Aber Kommentator R*** hat schon Recht: „— Manns Message im Henri Quatre: Nicht nur Humanismus, sondern militanter Humanismus. Humanisten, die auch „reiten und zuschlagen“ können.“

Zum Abschluß wieder die Übersetzung der Moralité (Ü.: Helmut Bartuschek, im Rowohlt Verlag)

Moralité

Unmerklich gewinnt er Boden. Alles ist ihm dabei dienlich, sowohl seine eigenen Anstrengungen wie auch die Anstrengungen der anderen, die ihn zurückdrängen oder ihn töten wollen. Eines Tages gewahrt man, daß er berühmt ist und daß das Glück ihn zeichnet. Nun, sein wahres Glück ist seine natürliche Festigkeit. Er weiß, was er will: dadurch zeichnet er sich vor den Unentschlossenen aus. Er weiß vor allem, was recht und gut ist, und wird vom Bewußtsein derer, die seinesgleichen sind, darin anerkannt. Das macht ihn frischweg zu einem Besonderen. Niemand unter denen, die sich in einer solch trüben Atmosphäre bewegen, ist der moralischen Gesetze so sicher wie er. Man suche nicht noch weiter die Ursprünge seines Rufes, der niemals mehr verdunkelt werden wird. Seine damalige Zeitgenossen, wie die anderen Epochen, haben die Gewohnheit, sich jedem Erfolg zu beugen, selbst dem ruchlosesten, der sich aller Verantwortung für ledig erklärt, sobald er erst einmal diesen Engpaß hinter sich hat, durch den ein Wind des Wahnsinns stürmte. Im Gegenteil dazu waren die Erfolge Henris nicht dazu angetan, die Menschen zu demütigen, was die meisten glückhaften Führer kaum vermeiden können. Die seinen sollten die Menschen vielmehr in ihrer eigenen Wertschätzung erhöhen. Nicht oft sieht man den Erben einer Krone, den die herrschende Partei gewaltsam zurückstößt, durch großartige Ehrlichkeit für die eigene Sache den König gewinnen, der er eigentlich bekämpfen müßte. Wie gern möchte er diesem König beistehen, anstatt ihn schmälern zu müssen, ihn samt seinem Königreich. Er hat seine Stunden der Schwachheit gehabt, und die Versuchung, allem ein Ende zu machen, ist ihm nicht unbekannt geblieben. Das ist seine Sache. An der Art, wie er sich dem Throne näherte, hat er der Welt begreiflich gemacht, daß man stark sein und dabei doch menschlich bleiben kann und daß man die Königreiche verteidigt, indem man schlichthin die gesunde Vernunft verteidigt.

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2 Kommentare zu „Der Weg zum Thron – Das Henri Quatre Colloquium“

  1. Ich komme wohl erst am Wochenende zum Colloquium; die Vernissage kam kurzfristig dazwischen. Danke für die vielen Denkansätze und Hinweise, R***. Oligarchie an sich muss nicht verkehrt sein und hat’s naturgemäß wohl immer gegeben. Der Ton macht die Musik. Mich beschäftigt auch hauptsächlich der Staatsgedanke bei Henri Quatre.

    Gefällt mir

  2. Kapitel IX: Die Toten am Wege. Letzter Akt im Machtkampf zwischen den drei Henris. Zum Schluss wird noch einmal viel gemordet: „Totentanz, dies ganze Jahr achtundachtzig“.

    Ätzender Sarkasmus der Sprache: „Hei, sagte die hochherzige Jugend….Endlich lässt sich mit Menschen umspringen.“ Das ist natürlich auch in Richtung der „verwilderte Massen“ in NS-Deutschland gesprochen: „Anzeigen, angeben, ausliefern, an den Galgen bringen, hei.“

    Dann wieder sentenzenhaft bis apotheotisch: „Nun gibt Gott gar nicht, oder gibt mit vollen Händen von dem was sein ist, das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit.“ Bis hin zur „eiförmigen“ Himmelserscheinung des „Herrn Jesus Christus als des Menschen selbst“.

    Der für mich schönste Satz stammt aus der Schlachtbeschreibung: „Sie waren fünfhundert, und treten auf, als wären sie es noch. Bei ihnen marschieren die Toten mit.“

    Aber da gibt es auch Sätze, die so kategorisch wie vage daherkommen und sich nicht leicht erschließen lassen, z.B. „Ist alles richtig, Sanftmut, Seelenkraft – und besonders, dass wir’s uns nur gesagt sein lassen, die gerechte Verachtung der Menschen.“ Oder: „Einmal endet auch die Ergebung in das Böse der Menschennatur.“

    Die Erwähnung der Ständeversammlung erinnert noch einmal an die Frage, welche objektiven Prozesse hinter dem ‚Religionskrieg’ stehen. I.a.W.: Was zeichnet die frühe Neuzeit 1550-1648 aus? Der Historiker van Dülmen sagt: Formierungsprozess des kapitalistischen Weltsystems und Herausbildung des frühmodernen Staates (als eines geschlossenen Territorialstaates mit zentraler Regierungs- und Verwaltungsorganisation). Beides bedroht altständische Gewalten und Lebensverhältnisse. Daher: „Keine Zeit vorher und nachher wurde so sehr wie die Jahre 1550 bis 1660 durch eine Unzahl von Aufständen, Kriegen, Rebellionen und Revolten erschüttert“ (v. Dülmen)

    Und wie verhält sich unsere heutige Postmoderne zu dieser Frühmoderne? Man könnte sagen: Bildete sich damals der Zentralstaat heraus, so zieht er sich heute wieder zurück und überlässt das Feld den neofeudalen (Finanz)Oligarchen. Im scheinbaren Widerspruch dazu könnte man aber auch sagen: Wie damals macht auch heute ein Liberalisierungsschub im globalen Kapitalismus die Herausbildung einer staatlichen Zentralgewalt nötig. Ich denke an die Spannungen in der EU. Ohne Abgabe von nationaler Souveränität (Finanz, Steuer, Wirtschaft etc.) an einen supranationalen EU-‚Staat’ geht es nicht. Die EU funktioniert nicht, weil sich die nationalen Mitgliedsstaaten – das Pendant der Fürsten (H.Mann: „Jeder hatte sein kleines Königreich, das er sich aus den Provinzen des großen herausgeschnitten hatte“) – hinter den Kulissen gegenseitig ‚bekriegen’. Und wie damals sind mehrere Möglichkeiten einer Zentralgewalt offen: sie kann eine absolutistische (Frankreich) oder libertäre Gestalt (England) annehmen.

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