Mehr zu Joseph Conrad, „Victory“

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David Levine: Joseph Conrad, in the NYRB / November 14, 1963 Issue

Hat sich einer der Leser hier mit auf den Weg an der Seite von Axel Heyst gemacht? Ich bin nun etwa auf der Hälfte des Romans angekommen.

„They emerged at the upper limit of vegetation, among some rocks; and in a depression of the sharp slope, like a small platform, they turned about and looked from on high over the sea, lonely, its colour effaced by sunshine, its horizon a heat mist, a mere unsubstantial shimmer in the pale and blinding infinity overhung by the darker blaze of the sky.“

Außerdem habe ich übers Wochenende die drei relevanten Kommentare von Sam Jordison und den reichen Schatz an Diskussion dazu im The Guardian auf dem Netz gelesen:

October’s Reading Group:
Victory by Joseph Conrad

Ein Buch ohne Vorwissen zu lesen ist eine aufregende Reise, die einen auf lauter Ungeahntes Schönes und Erschreckendes stößt, aber nicht ganz so folgenschwer sein muß wie jene Reisen  der Europäer, die sich per Dampfer oder Bahn in ferne Kontinente begaben mit dem Traum, einen Platz zu finden, erfolgreich zu werden und das Leben zu meistern. Sie trafen auf die Fremde und öffneten die Büchse der Pandora und nannten es The White Man’s Burden. Das ist eine sehr simple Version von unzähligen Möglichkeiten. Das dreibändige Werk von Jan Morris, Pax Brittanica, führt die britische Version des Desasters vor in allen Spielarten und in allen Weltteilen. Aber wir Deutschen haben auch mitspielen wollen, und die Malaiische Inselwelt, das Indonesien vor Suharto, war zu der Zeit noch zu großen Teilen holländische Kolonie. Wie überall auf Inseln trafen sich dort außer der Kolonialmacht verstreute Seefahrer und Abenteurer aller Couleur. Heyst, der Held, ist Schwede, aber wuchs mit seinem Vater in London auf. Ich will hier gar nicht auf Einzelheiten eingehen, zumal, wie gesagt, der Reiz beim Lesen im Entdecken liegt, nicht nur vom Stoff, sondern auch darin, bei guten Büchern, wie der Autor diesen erzählt, entwickelt, zu welchem Gipfel treibt. Weil mein Hirn so fuselig ist, macht es mir nichts aus, Rezensionen, Kommentare und Schlußverräter-Bemerkungen zu lesen. Ich bilde mir zumindest ein, dass ich dem Buch auf meiner eigenen Art begegne. Hier empfehle ich nur, Victory zu lesen (als Sieg in der Übersetzung von Walter Schürenberg bei S. Fischer erschienen, wo das Werk von Joseph Conrad in einer sehr schönen Ausgabe erscheint.

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A. Paul Weber; Das Gerücht
Quelle: Weber Museum

Zum Titel Victory / Sieg

Das Buch wurde vor dem ersten Weltkrieg geschrieben, aber es erschien 1915, weswegen Joseph Conrad besorgt war, dass sein Roman mit solch einem Titel die Leser glauben machen könne, dass das Buch etwas mit dem Krieg zu tun habe und deswegen unter den Verdacht der Gewinnheimserei geraten könne. Darüber schreibt er eigens in einem Vorwort. Auch das Bild des schuftigen Hotelier Schomberg im Roman, wie er die Psychologie eines Teutonen verkörpert, sei in Friedenszeiten entstanden, und die Figur tauche schon im 1899 entstandenen „Lord Jim“ auf als „ein altes Mitglied seiner Gesellschaft“. Schomberg erinnerte mich immer wieder an die Graphik von A. Paul Weber: Das Gerücht. Zeit und Ort bei Joseph Conrad sind verschieden, aber egal in welchem Jahrhundert und auf welchem Fleck der Erde, der Mensch kommt überall hin, mit seinen Stärken und Schwächen, den lichten und dunklen Seiten (wie wir beim Henri Quatre Colloquium auch zur Genüge erfahren: Frankreich im 16. Jahrhundert der Religionskriege; Heinrich Mann angesichts des Nazi-Totalitarismus).

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Rowohlt

Achtung! Vorurteile

Das Vorwort Joseph Conrads ließ mich an meine erste Reaktion zu Jenny Erpenbecks jüngsten Roman, „Gehen, ging, gegangen“, denken, wo ich zugegebenermaßen zunächst genau diese Reaktion hatte, dass sie mit dem Flüchtlingsthema Kasse machen will. Tsk, tsk.

Andere philosophische Gedanken, die Conrads Werk durchziehen und sicherlich auch stark mit seiner Biographie verwoben sind: Soll ich handeln? Wie treffe ich die richtige Entscheidung? Kann ich Zustände verbessern? Ich wurde wieder an die Lektüre von Tom Hodgkinson erinnert, „How To Be Idle“. Das alles sind Fragen, mit denen ich mich oft herumschlage, und weswegen es eine Freude ist zu lesen, wie so ein kluger Kopf wie Joseph Conrad daraus eine faszinierende Geschichte unter fremden Himmeln webt. Also – sind andere mit auf dem Dampfer „Victoria“? Wir treffen uns zum Austausch „da draußen“ auf Samburan, an der Seite von Axel Heyst:

His nearest neighbour—I am speaking now of things showing some sort of animation—was an indolent volcano which smoked faintly all day with its head just above the northern horizon, and at night levelled at him, from amongst the clear stars, a dull red glow, expanding and collapsing spasmodically like the end of a gigantic cigar puffed at intermittently in the dark. Axel Heyst was also a smoker; and when he lounged out on his veranda with his cheroot, the last thing before going to bed, he made in the night the same sort of glow and of the same size as that other one so many miles away.

[Weil Walter Schürenberg nicht zur Hand ist, müssen Sie sich mit einer dilettantischen annähernden Übersetzung zufriedengeben:

„Sein nächster Nachbar – ich spreche jetzt von Dingen, die einen Anflug von Leben zeigten – war ein träger Vulkan der den ganzen Tag über schwach rauchte; er zeigte sein Haupt just über den nördlichen Horizont, und richtete in der Nacht zwischen den klaren Sternen seinen dumpfen roten Schimmer auf ihn hin, krampfig wachsend und zusammenschrumpfend, wie das Ende einer gewaltigen Zigarre, stoßweise im Dunkeln gepafft. Axel Heyst war auch ein Raucher; und wenn er es sich auf seiner Veranda mit einer Cheroot bequem machte, die letzte Sache vor dem Schlafengehen, brachte er in der Nacht die gleiche Art von Glühen, von gleicher Größe hervor wie jene andere, so viele Meilen entfernt.“ ]

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2 Kommentare zu „Mehr zu Joseph Conrad, „Victory““

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