Die Toten am Wege – Das Henri Quatre Colloquium

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Lukas

Willkommen, liebe compagnions im Henri Quatre Colloquium.

Diesmal hinke ich dem Kommentar hinterher.

Kapitel IX: Die Toten am Wege. Letzter Akt im Machtkampf zwischen den drei Henris. Zum Schluss wird noch einmal viel gemordet: „Totentanz, dies ganze Jahr achtundachtzig“.

wie R*** ganz richtig anmerkt, auf dessen Kommentar ich hier immer wieder mal eingehe.

In „Der Untergang des Hauses Valois“ habe ich einige Zitate zusammengetragen und kommentiert. Hier beschäftigt mich nun die Frage, ob Heinrich Mann selbst Monarchist war. Der letzte König der Valois wird in tiefster Verarmung und höchster Bedrängnis geschildert, derweil endlose Kriege, Plünderungen und Morde die französische Bevölkerung völlig demoralisiert zum Spielball fremder Interessen werden ließen, Spanien und Rom an oberster Stelle.

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Titelillustration zu: „Der Berliner Totentanz zu St. Marien“
Lukas

Wie Heinrich Mann bis zuletzt Henri III mit Sympathie schildert, läßt manchen rätseln. Was gibt hier den Ausschlag: dessen rechtmäßiges Königtum? Eine versteckte Würdigung von Heinrich Manns älteren Bruder Thomas? Die Einsicht, dass hohe Ämter von schwachen Menschen ausgeübt werden, die Idee aber über diese Diskrepanz triumphieren soll, damit wir uns über diese unsere Schwäche erheben können? (Die Apologie des Sokrates fällt mir hier ein).

Besonders der Wankelmut der letzten Valois, Karl IX und Henri III, beide umgeben von Intriganten und Volksverhetzern und ernstzunehmenden Widersachern, verdeutlicht, wie ein Staat unter Königsherrschaft aller Stabilität entbehrt, wenn er diese zerstörerischen Einflüsse nicht verstreuen und entkräften kann. Im letzten Kapitel schart Henri von Navarra, nach dem Tod Henri von Valois bereits rechtmäßig König, seine Truppen um sich. Es wird sich zeigen, ob es ihm in der Nachfolge gelingen wird: der Intrige den Grund abzugraben, den Haß zu beenden, die Gegner in die Schranken des Rechts zu verweisen und ein geeintes Frankreich von freien Bürgern und mit offenem Sinn zu bauen – so, wie Heinrich Mann sein Frankreich erträumt.

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Chapelle du collège des Jésuites / Quelle: Kl. Nerger

Die Ermordung des Henri de Guise

Bevor Henri III selbst einem Anschlag zum Opfer fällt, veranlasst er die Ermordung des Henri de Guise. Dieser hatte sich schon als Regent aufgespielt und ihn in Paris hart bedrängt.

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Blois / Baedeker 1909
source: Maps of Antiquity

Wie Henri III schmählich die Hauptstadt flieht und bar jeglichen Hofstaats und immerzu bedroht in Blois verbringt, beinahe völlig verlassen und ratlos, sich nach einem Bund mit Henri Navarre sehnend, das beschreibt Heinrich Mann eindringlich.

Valois in seinem violetten Rock, bleich und schweigsam, dachte keinen Namen so häufig. Er geisterte durch sein Schloß in Blois, allein und verlassen, abgesetzt vom Thron durch die Kirche selbst, kein Treueid, der sein Volk noch band. (S. 405)

Der König möchte Henri von Navarre als rechtmäßigen Thronanwärter verkünden, aber dann macht er doch mit der heiligen Liga weiter gegen die Hugenotten, aber eigentlich dann doch nicht. Dann Mornay:

Sire, Sie sind sein Freund, er wird der Ihre sein, nachdem zehn seiner Heere Sie nicht haben vernichten konnen. (S. 407)

Und auch bei de Guise beschreibt Mann, wie dieser seine Macht schwinden spürt und sich eigentlich einigen wollte mit dem König, aber es gibt kein zurück im Strudel von Niedergang.

Im Ernst wollte ein Lothringen nicht Barrikaden errichten und dem König eine Schlacht liefern in seiner Hauptstadt: er hatte nur gearbeitet derart, daß es dahin kommen mußte. (S. 391)

Dem Herzog von Guise begann alles zum Ekel zu werden, seine Rolle als Volksheld, sein Eifer in der Freundschaft für Spanien, sein Verkehr. Umringt von spanischen Galgenvögeln, die ihn beaufsichtigen […] (S. 397)

„Der Ruf“ des Henri von Navarre hat dagegen etwas Traumtänzerisches. Mir kommt es immer so vor, als hätte Henri von Navarre gar kein Konzept, keinen Plan, allenfalls eine Haltung (Geist), die aber auch immer wieder mal wankt oder sogar über den Haufen geworfen wird, trotzig und bekümmert. Köpfe wie Montaigne und Mornay sind es eigentlich, die in Henri die Manifestation und den Garant eines Prinzips suchen, dass eine Gesellschaft tragen und fördern kann, vorerst noch in der Gestalt der Monarchie, aber schon über der Religion stehend.

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Rowohlt

Und zum Schluß die Moralité in Übersetzung (Kurt Stern, in der Studienausgabe von S. Fischer) für Leser der abgebildeten Rowohlt-Taschenbuchausgabe, die keine deutsche Version hat:

Nicht nur durch seine eigenen Opfer wird der Endsieg erkauft: Henri erlebt auch die Hinopferung von Wesen mit, die er hätte bewahren wollen. Schon hatte er der Gefährtin seiner schweren Jahre Lebewohl sagen müssen. Nun muß auch noch der Valois, sein Vorgänger, von hinnen gehen; und dabei empfand Henri ihn auf seine sehr persönliche Art, ihn, den er aus den Händen seiner Feinde errettet hatte, eine liebevolle Zuneigung sehr persönlicher Art. Sein Geist fand mehr Befriedigung darin, da er es vorzog, sich mit der Vergangenheit auszusöhnen, anstatt sie zu verleugnen. Wenn man einen Sinn dafür hat, was Leben ist, paßt man sich vielen Notwendigkeiten an. Am schwersten nimmt ein wohlausgebildeter Geist die Notwendigkeit hin, die Heimsuchungen überhandnehmen zu sehen. Allzu viele Personen, die in seinem Leben eine Rolle gespielt hatten, sind durch die Katastrophen hinweggerafft worden, und allzueifrig hat der Tod ihm den Weg zu bahnen gesucht. Auf dem Schlachtfeld von Arques, schweißgebadet von allzu vielem Kämpfen, weint König Henri, indes der Siegesgesang ertönt. Einige seiner Tränen ruft die Freude hervor. Andere vergießt er über seine Toten und über alles, was mit ihnen verging.

An diesem Tage nahm seine Jugend ein Ende.

Am 28 November tritt das Henri Quatre Colloquium wieder zusammen, und das ist dann zum ersten Kapitel in „Die Vollendung des Königs Henri Quatre“: Das Kriegsglück

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2 Kommentare zu „Die Toten am Wege – Das Henri Quatre Colloquium“

  1. Heinrich Mann ein Monarchist? Ist er nicht Republikaner, Demokrat, ja Rätedemokrat? Ja, aber wenn man seinen großherzigen Geistbegriff heranzieht, könnte er in der Tat beides sein. Freilich nicht Monarchist im Sinne Joseph Roths, der sich in seiner Verzweiflung in die Habsburger Monarchie zurückträumte. Sondern im metaphorischen Sinne einer Geistesaristokratie, eines Absolutismus der Vernunft.
    „Geist“ ist ja die Brücke, über die sich der stolze Patrizier Heinrich Mann mit den linken Rätedemokraten verbünden kann. (So wie „Geist“ übrigens auch mit der Erotomanie Heinrich Manns verbündet ist – ein weiterer Widerspruch, der keiner ist, wenn man sich eine der Zentralthesen Klaus Heinrichs in Erinnerung ruft, wonach „Geist ein Triebbegriff ist“.)
    Begriffe wie „Geist“, „Persönlichkeit“ usw. erlauben Heinrich Mann, wahre Elite und wahres Volk zusammenzubringen. Aber was Elite, Monarchie, legitimes Königtum usw. betrifft, sollten wir vielleicht unterscheiden zwischen einerseits der Absicht Manns, dem falschen ‚Führer’ einen wahren Führer entgegenzusetzen und der historischen, frühneuzeitlichen Herausbildung eines Zentralstaats.

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    1. „im metaphorischen Sinne einer Geistesaristokratie, eines Absolutismus der Vernunft“ – ja , genauso meine ich’s, R***.

      „wahre Elite und wahres Volk zusammenzubringen“ – das beschreibt er unentwegt, finde ich.

      Wo der Band „Die Jugend“ endet, ist vom Zentralismus in Frankreich noch nicht viel zu spüren. Es wird spannend sein, den Frankreichbegriff und Ansätze zur Staatsphilosophie bei Heinrich Mann in „Vollendung“ weiter zu verfolgen.

      War Heinrich Mann wirklich ein stolzer Patrizier? Ich zweifle, ob er sich überhaupt als „von Geblüt“ empfand, um es mal Henri-mäßig auszudrücken.

      „Menschlichkeit“ ist bestimmt genauso zentraler Begriff wie Geist. So kann ich das Lustempfinden und den Sinn für die Materie, Helden und Autoren bestimmt gemeinsam, auch nachvollziehen. Es ist eine Geistigkeit, die zupackt. Henri scheint weniger von einem Plan oder einer Idee geleitet zu sein, sondern vom Erleben, dass er deutet und gewichtet, orientiert an dem, was es dem anderen tut, besonders dem Schwachen.

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