NYRB lesen am Wochenende

nyrb17_2015
Eine Auslese von der NYRB Nummer 17, 2015

Reading along the NYRB
50 Years New York Review Of Books 50 Years

Die NYRB liegt im Laden zum Lesen aus, kann ich aber gerne auch für Sie abonnieren. Von Zeit zu Zeit bringe ich ein paar feine Ausschnitte und Gedanken für den des Englischen unkundigen Leser, sozusagen als eine Stippvisite in das Reich der Bücher und Ideen über den großen Teich. Die Übersetzung erfolgt fliegend, weil für Gründlichkeit die Zeit fehlt; sie ist also ziemlich frei, aber ich arbeite gerne Korrekturen und Verbesserungen ein.

Robinson sinniert mit Präsidenten
Am Wochenende schlug ich also die NYRB auf, um den 1. Teil des Dialogs zwischen Obama und Marilynne Robinson zu lesen. Ein beglückender Gedanke, dass sich ein Staatsoberhaupt Zeit einräumt für Gespräche, die nicht direkt praktischen Bezug haben, aber sicherlich in die Politik hinein wirken. Der Austausch wurde aufgezeichnet, und man kann ihn unter itunes.com/nybooks hören und sehen.

Einige Gedankenfragmente aus dem Gespräch

Zum Abstand zwischen Nachbarschaft und Regierungssitz

OBAMA: Man sieht all diese Güte und Anständigkeit und die alltägliche Vernunft im gewöhnlichen Umgang, und dann wird es irgendwie übersetzt in starre und dogmatische, ja manchmal sogar bösartige Politik.
ROBINSON: Die meisten [guten] Dinge, die wir tun haben keine Verteidiger; denn Menschen neigen zum Gefühl, dass wenn sie das Schlechteste annehmen sie am nahesten an der Wahrheit sind.

Zur Rolle von Religion und Glauben

ROBINSON: Mir scheint als sei Demokratie die logische und unausweichliche Konsequenz dieser Art von religiösem Humanismus aud höchstem Niveau [Mensch als Abbild Gottes]. Und das gilt für Jeden. Es ist das Menschenbild. Es ist nicht irgendeine Verpflichtung oder Tradition oder sonst was; es ist dieses Mensch sein, dass Respekt gebietet, und die Gottesliebe wohnt ihm inne.

Zur Fähigkeit des Schriftstellers, sich in Andere zu denken

ROBINSON: Menschen sind so kompliziert. Jede andere Person die auftaucht ist wie ein neuer Würfelwurf, nicht wahr?

Marilynne Robinson wurde mit ihrem Roman Housekeeping (1981) bekannt. Die Edition Fünf hat eine schöne Leinen-Ausgabe davon veröffentlicht, in der Übersetzung von Sabine Reinhardt-Jost: Haus ohne Halt (2012) . Gerade ist ein Essayband von ihr erschienen: The Givennness of Things. Außer Housekeeping, das in einigen Tagen wieder eintrifft, ist noch der dritte Roman aus der Trilogie (Gilead -Pulitzer Prize 2005-, Home, Lila) vorrätig.

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Landschaften und Parks
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Frederick Law Olmsted; Porträt von John Singer Sargent, 1895 Quelle: JSS Gallerie

Amerikas grüner Riese

heisst der nächste Artikel, der mich fesselte. Er würdigt Frederick Law Olmsted, dessen denkwürdige Biographie ihn über etliche Umwege dorthin führte, dass er zusammen mit Calvert Vaux für New York Manhattan den Central Park erdachte und von 1858 bis 1873 ausführte. Martin Filler schreibt in dem Artikel über drei Publikationen zu den Schriften des überaus fleißigen Olmsted, wovon zwei wissenschaftlich gründliche und entsprechend teure von der John Hopkins Universität herausgegeben werden (The Papers of Frederick Law Olmsted Volume IX und Plans and Views of Public Parks), und eines von The Library of America, die nach und nach einen Kanon aufstellt für jeden, der etwas auf sein Land und dessen Söhne und Töchter hält: Writings on Landscape, Culture, and Society.

In diesem Band ist sein Essay über einen Besuch von The People’s Park in Birkenhead bei Liverpool, und Martin Filler resümiert den soziologischen Aspekt:

Mitte des 19. Jahrhunderts, während der Vierziger, wurde New York City überspült von zwischen etwa einer- und anderthalbmillionen Immigranten, hauptsächlich Italiener und Deutscher, die zum großen Teil das Leben in dichten, vielschichtigen Städten nicht gewohnt waren. Olmsted begriff, wie ein Park wie Birkenhead der Stadt New York wie ein gewaltiges Frweiluftklassenzimmer dienen könnte zur Bildung der Massen, wo ungeschulte Neuzuzügkler sich auf gleicher Ebene treffen könnten mit alteingesessenen Bürgern und deren Umgang und Moden betrachrten könnten – Kleidung, Haltung und Betragen, Freizeitvergnügen – die ihnen sonst verborgen bleiben könnten.

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Reclam

Aber es ist auch viel von Garten- und Landschaftsarchitektur und von Pflanzen die Rede; dann gibt es noch die Biographie des vielgereisten Olmsted; und wie es so in New York aussah, um 1844 eine „politisch korrupte Stadt, in der keine öffentliche Arbeit frei war von Vetternwirtschaft und Bestechung“. (Zum heutigen New York gibt es den reichhaltigen kleinen Reclam Städteführer. Siehe auch: New York! New York!)

Bücher von Olmsted besorge ich gerne; es dauert eine Weile, bis sie ankommen – wohl kaum vor Weihnachten. Wer das Grüne liebt, findet aber einige Titel vorrätig im Programm (siehe Photo oben).

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Lukas

Adelbert von Chamisso (Matthes & Seitz / Projekte) war Kurator des Botanischen Gartens und Weltreisender und ist bekannt als Autor von Peter Schlemihls wunderbare Geschichte. Er pflegte samt Köcher und Botanisiertrommel die Potsdamer Straße, die damals noch von Feldern, Weiden und Wiesen gesäumt war, herunterzuwandern zu seinem Arbeitsplatz am jetzigen Kleistpark. Zu Gärten und Parke in Brandenburg (Lukas), einem fünfbändigen Werk, können Sie sich im Laden mit der Broschüre einen Eindruck verschaffen. Die Subskription ist abgelaufen, aber vielleicht schlägt Ihr Herz ja stark und ist ihr Portemonnaie gefüllt genug. Mich würd’s freuen. Der Teltowkanal (Stapp) bietet einen guten Einblick in Verwebung von Natur- und Kulturlandschaft in und um Berlin. Musen in der Mark (Verlagsgruppe Husum) beglückt mit zahlreichen Abbildungen, Ansporn den Spuren Theodor Fontanes zu folgen (der nächste Frühling kommt bestimmt) und darüber in seinen Romanen und Berichten zu lesen (dafür sind Herbst und Winter ideal). Robert Macfarlane ist ein feiner Autor von Natrurbeobachtungen, und sein The Old Ways (Hamish Hamilton– rudimental website of 2013, pre-publishing-date) ist schon ein Klassiker. Und als Sahnehäubchen noch: Das kleine Heilpflanzenbuch (Insel), und ein besonders gediegenes Bändchen aus dem kleinen, feinen und freien Verlag Transit, noch tau-benetzt frisch aus der Presse: Jungfer im Grünen und Tausendgüldenkraut – Vom Zauber alter Pflanzennamen.

Die Wochenedlektüre der NYRB liefert noch Stoff für einen weiteren Beitrag, der folgen wird wie die Zeit es erlaubt: „Abgeworfen und Aufgesessen: Von Paulus und von Pferden“.

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2 Kommentare zu „NYRB lesen am Wochenende“

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