Abgeworfen und Aufgesessen: Von Paulus und von Pferden

nyrb17_2015_a
Eine Auslese von der NYRB Nummer 17, 2015

Reading along the NYRB
50 Years New York Review Of Books 50 Years*

Paulus vom Pferd geholt

armstrong
Allen & Unwin

Die Rezension von G. W. Bowersock, Who Was Saint Paul?, zu einigen neuen Publikationen über Leben und Bedeutung von Paulus von Tarsus, habe ich mit Vergnügen gelesen, ringt der Autor doch den ganzen Artikel hindurch im Versuch, diesen durchaus umstrittenen Heiligen zu fassen, zum Beispiel in der Besprechung zu Karen Armstrong und zu John G. Gager: „Vielleicht ist es das beste, Paulus als unendlich flexibel zu sehen, vielleicht sogar als opportunistisch, in seiner Evangelisierungsmission.“ Ich mochte auch die Versuche, Begriffe zu klären: Juden, Christen, Judeo-Christen, Goj, Heiden (gentils), Völker, Barbaren, Häretiker, …

gager
Columbia UP

Das orientalische Judentum entsprang einem völlig anderem Kulturkreis als das Griechentum, ganz zu schweigen von allen weiteren und ferneren Völkern, und zumal Paulus weit gereist ist, ist seine Biographie und Gedankenwelt ein guter Einstieg in dieses weite Feld. Außerdem ist es immer lohnenswert, in der Bibel als literarisches Werk zu lesen, besonders, wenn es die weitgehend ungekämmte Lutherbibel ist oder die gute alte King James Version. Und ich bekomme auch Lust, Nietzsche zu lesen, der fand, dass Paulus unter der Pflicht litt, das jüdische Gesetz zu erfüllen.

„Wie sehr er es hasste!“. Indem Paulus zum Christentum übertrat, gelang es ihm [in Nietzsches Sicht], das Kreuz des Gesetzes abzuwerfen, an das er sich genagelt sah.

Abed Azzam öffnet noch eine weiter Sicht, „in einer Studie, die sich bedauernswerterweise als kaum lesbar erweist“, wenn er Paulus mit seiner Bekehrung starken Einfluß auf die griechische Mythologie bezeugt, nämlich insbesondere die Unterwanderung und Schwächung des Dionysiuskults.

Der Untergang hatte schon zuvor begonnen, mit dem Platonismus, den Nietzsche als eine Art Christentum vor dem Christentum verstanden haben soll. Über quälende Strecken bringt Azzam Nietzsche seltsam nahe an Taubes und Badiou heran.

* * *

Vorrätige weiterführende Lektüren aus dem Reclam Verlag:

außerdem (siehe auch: Religion und Philosophie)

Gaitskill und Bagnold

bagnold
Penguin (im privaten Bücherschrank)

Es geht im Artikel A Girl, A Horse, A Trap um den neuen Roman von Mary Gaitskill, The Mare, gerade erschienen und noch nicht deutsch übersetzt (vielleicht hat der Dörlemann Verlag Interesse), das von einem Mädchen und einer Stute handelt; aber mir geht es um einen Kinderbuchklassiker, der leider auch nicht zur Zeit in deutscher Übersetzung lieferbar ist, nämlich von Enid Bagnold: Velvet, das Mädchen mit dem Pferd (National Velvet). Die schöne Peacock-Ausgabe ist leider auch vergriffen. Die lieferbare Ausgabe von Dover Publications kommt aber wieder ans Lager.

Angeregt, dies Buch zu lesen, wurde ich durch den schönen literarischen Blog dovegreyreader, und kommentierte dort:

Ich hatte schon früher von diesem Buch gehört, eigentlich wegen der Verfilmung mit Taylor (die ich aber bisher auch noch nicht gesehen habe), aber nun bin ich zur Hälfte der Peacock-Ausgabe und freu mich darüber. Abgesehen von der Reise – inmitten eines wie es scheint nicht enden wollenden grauen und calten Winter [geschrieben am 6. April 2013] – zur Küste von Dorset, wo ich wilden Thymian rieche und von der Sonne durchtränktes Gras, derweil ich über den Ärmelkanal hinausschaue, erfreue ich mich auch daran, in alte Zeiten einzutauchen und in fremdartige Gemeinschaften. Das Buch erinnert mich an Besuche bei Schulkameraden, als ich mich plötzlich in einem Familien_Lingo und -Umfeld wiederfand, dass sich sehr von meinem unterschied.

À propos Pferde, siehe auch: Lipizzaner!

* * *

*Die NYRB liegt im Laden zum Lesen aus, kann ich aber gerne auch für Sie abonnieren. Von Zeit zu Zeit bringe ich ein paar feine Ausschnitte und Gedanken für den des Englischen unkundigen Leser, sozusagen als eine Stippvisite in das Reich der Bücher und Ideen über den großen Teich. Die Übersetzung erfolgt fliegend, weil für Gründlichkeit die Zeit fehlt; sie ist also ziemlich frei, aber ich arbeite gerne Korrekturen und Verbesserungen ein.

Advertisements

Kommentar willkommen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s