Start: Die Vollendung des Königs Henri Quatre

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Schlacht von Ivry, 1590
Henri IV und sein weißer Federbusch
Alexandre Joseph Desenne, 19. Jhdt. Musée national du château de Pau © RMN / René-Gabriel Ojéda
Das Kriegsglück

Willkommen,
liebe compagnions im Henri Quatre Colloquium.

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Nun sind wir also beim zweiten Band von Heinrich Manns Geschichte des Königs Henri Quatre angelangt. Ein neues Buch wird aufgeschlagen, und immer noch wüten Kriege. Deutlich tritt die spanische Weltmacht als ernsthafte Bedrohung Frankreichs auf dem Plan, aber die Armada ist schon geschlagen, und die verbündete Liga nach der Ermordung des Guise schwächelt. Hier die Stimmen aus dem Volk (zitiert aus der Studienausgabe bei S. Fischer):

Wir armen Edelleute, die in den Heeren der Liga dienen oder Staatsstellen bekleiden, und wir ehrbaren Leute, die ihr Waren liefern, und wir niederes Volk, das mitmacht: wir sind nicht immer dumm und manchmal nicht ehrlos. Was sollen wir aber tun? (S. 14)

Es ist ein seltsamer Kontrast in Heinrich Manns Roman, wo Personen mitunter cartoonhaft verzerrt auftreten und dann immer wieder Appelle auftauchen, nicht zu streng ins Gericht zu gehen. Henri wird die Gabe zugestanden, selbst ärgste Gegner in Getreue umzuwandeln (Biron). Mir macht das Heinrich Mann sympathisch, dieses uneins sein; denn die Grenze zwischen Objektivität und Subjektivität ist allen möglichen inneren und äußeren Faktoren unterworfen. Zweifel ist immer angebracht. Que sais je?

Hier sind noch einige Stellen, die ich mir gemerkt habe, die erste betrifft die Gesandtschaft von Venedig, die Henri bei Heinrich Mann scherzhaft als die Weisen aus dem Morgenland bezeichnet. Freund *** hatte es hervorgehoben als Zitat über Erfahrung, das ihm im Gedächtnis geblieben war von der Lektüre vor vielen Jahren.

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Pasquale Cicogna, 88. Doge
Palma il Giovane

»[Venedig] ist eine recht alte Republik«, sagte Henri zu seinem Diplomaten, Philipp Du Plessis-Mornay.

»Sire, die älteste in Europa. Sie war unter den mächtigsten, jetzt aber ist sie die erfahrenste. Wer Erfahrung sagt, weiß gewöhnlich nicht, daß er Verfall meint. […]  (S. 20)

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Schlachtaufstellung bei Ivry (14 March 1590), Radierung von Frans Hogenberg, 16.Jhdt. © Musée national du château de Pau

Ivry, und das Ringen um Paris

Immer wieder verbindet Heinrich Mann das Königsamt mit Legitimation und auch mit Gottesgnade. Die Gesellschaft ist schon sehr entwickelt in Strukturen der Herrschaft – es gibt Räte und Parlamente, die Bürger gewinnen neben den alten Ständen von Adel und Klerus an Einfluß. Diplomatie ist fester Bestandteil staatenübergreifender Politik, Fragen von Macht und Gleichgewicht bestimmen Strategien, nicht so sehr jedoch territoriale Zugehörigkeit und nationale Identität. Der Westfälische Friede war noch gut fünfzig Jahre ferne. Viele sind unterwegs zu Pferde, per Kutsche, geschäftlich, gesellschaftlich und vor allem leider militärisch. Ganze Heere kreuzen von West nach Ost, von Nord nach Süd und hin und her. Die Meere sind bevölkert von emsigem Umtreiben. Zwanzig Jahre zuvor wurde die türkische Flotte bei Lepanto geschlagen, ein, zwei Jahre ist es her, dass England die Armada besiegte. Es ist das Zeitalter von Sir Francis Drake und von kolonialen Abenteuern unterwegs zu anderen Weltteilen.  Gewaltherrschaft ist probates Mittel, bis zum Äußersten: Verrat, Meuchelmord, Intriege.

Es kommt zu einer weiteren Schlacht, der legendären Schlacht von Ivry, als Henri samt weitsichtbaren weißen Federbusch tollkühn das Blatt des Schlachtgeschehens wendete – bei Heinrich Mann tat er das mit bloßen Händen, sozusagen.

Nun war das Heer der Liga ein Heer des Aberglaubens und der unwahrhaftigen Vermessenheit: mit seinen Lügen zugleich wurde es selbst erschüttert, wie es vorher durch sie zu großmächtig geworden war. (S. 43)

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Guillaume de Salluste, seigneur Du Bartas
Quelle: Virtuelles Museum des Protestantismus

Ivry bedeutet den Tod für einen alten, treuen Freund Henris, es ist Du Bartas, der auch Verfasser des Dankliedes ist, das in seiner barocken Freude an der Allegorie den passenden Text zum vergangenen Christkönigsonntag liefert.

Der berühmte Ausspruch „Paris ist eine Messe wert.“ fällt kurz darauf von hinten her, worauf Henri sich jäh umwendet zum Sprecher, bei Heinrich Mann ist dies ein gewisser „d’O, nichts als O“.

Es folgt die Belagerung von Paris, passend unter der Überschrift Ein Höllenpfuhl, in dem zunächst Gerüchte einander jagen:

»Es lebe Gott, der König ist tot!«, sagten sie in Paris und glaubten wirklich, dass er diesmal nicht nur Unglück gehabt, sondern ausgespielt habe. [ usw. usw. und dann:]  Sein Heer muß unzählig sein! Plötzlich weiß jeder und gibt es zu, dass der König bei Ivry gesiegt hat. [usw. usw.] (S. 60)

All das läßt mich stark an den bitteren Spaß von Markus Antonius in Julius Caesar bei Shakespeare denken, der die Verführbarkeit der Massen durchexerziert.

Der Mann der Lüge, Boucher, hatte sie groß und Legion gemacht seit vielen Jahren mit seinem listigen Rasen, und begleitete die Lüge jetzt bis an ihren Rand, bis über den Abgrund, er bellte, er schnappte von der Kanzel. (S. 61)

Und auch die Herzogin von Guise hetzt immer noch; aber der Hunger hat sich inzwischen im belagerten Paris zum grausamsten Herrscher hervorgetan, und es tun sich Abgründe auf.

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Henri IV sendet Verpflegung in das belagerte Paris
Quelle: die reichhaltige fr/engl Seite: Henri iv – An unfinished reign
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Pan Macmillan

Dieses Bild des mitfühlenden Henri, der die Not lindert, steht der Tasache gegenüber, dass sein Heer Paris von Anfang Mai bis Ende August 1590 belagerte und bombardierte; und es wird geschätzt, dass 40 000 bis 50 000 Menschen in der Zeit starben, hauptsächlich an Hunger. (Wikipedia zitiert hier Alistair Horne; Seven Ages of Paris)

Heinrich Mann verschweigt nicht die Grausamkeit und führt Henris Gewissensnot an. Es treibt ihn um. Deswegen auch die alte Frage, ob er um des Friedens willen seiner Religion abschwören soll.

Das Königreich, das ist mehr als Meinung oder Absicht, ist mehr sogar als Ruhm: es sind menschliche Wesen wie ich. [… dass sie soweit kommen, sich gegen die Natur zu vergehen, dorthin] kommt es mit ihnen, sobald nicht mehr der König sie bei ihrer Menschenpflicht erhalten kann. (S. 71)

Und von S. 84 wähle ich das Schlusszitat zu diesem Dilemma:

Die Kraftprobe, die den Geist des Menschen in Bann zu schlagen pflegt, ist die Vergewaltigung des Rechts.

Zum Weitererkunden:

  • Ein beachtlicher Gegner, Alessandro Farnese, der Herzog von Parma
  • Am Anfang seiner Karriere: Herr de Rosny, bekannt als Sully

***

Das nächste Henri Quatre Colloquium tritt wieder zusammen

am 29. Januar 2016,

zum Kapitel Wechselfälle der Liebe

In der Zwischenzeit sind Kommentare und Ergänzungen und Korrekturen, wie immer, herzlich willkommen.

Wie erging es Ihnen mit der Lektüre?

Auf der Henri Quatre Colloquium Seite finden Sie noch mehr Begleitmaterial.

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