Shakespeare, Döblin, Capote und Lehnert

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Lesende Maria frz. Stundenbuch, Fitzwilliam, Cambridge UK

Die Vorlese-Montage, Weihnachten entgegen

Der Dezember ist wieder ins Land gekommen, und das Programm für die Vorlese-Montage steht [siehe dez15.PDF].

7. xii – Shakespeare Monday

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William Shakespeare © David Levine; NYRB

The Merchant Of Venice

Mit den letzten Akten vier und fünf werden wir erfahren, wie Portia in die Geschichte eingeht, was weiter mit dem tragischen Shylock geschieht, und warum dieses Drama den Kommödien zugeordnet ist.

Shylock is a man as well as a Jew; and while Shakespeare took the national attitude toward Jews, and wished his readers and the spectators to rejoice in Shylock’s discomfiture, he allowed Shylock to be a hero, or to carry the sympathy of the audience; on the other hand, Shakespeare was not writing anti-Semitic propaganda, but a play for the theatre, in which the interest is immensely heightened by making every character a recognizable human being.

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Yale Shakespeare Edition

aus dem Nachwort von William Lyon Phelps in der Yale Ausgabe 1923 (8. Aufl., 1957); in etwa übersetzt:

„Shylock ist Mensch ebenso wie Jude; und wenn Shakespeare Juden gegenüber vaterländisch eingestellt war und sich wünschte, dass Leser und Theatergäste über Shylocks Ungemach frohlockten, so erlaubte er doch Shylock seine Heldenrolle, ja, gestand ihm das Mitgefühl der Zuschauer zu; doch gilt auch, dass Shakespeare keine anti-Semitische Propaganda schrieb sondern ein Stück für das Theater, das alles Interesse steigert, dieweil er in jedem Charakter ein unverkennbares menschliches Wesen schafft.“

14. xii Der Roman, in Fortsetzung gelesen

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Bild: Ernst Ludwig Kirchner; Porträt Dr. Alfred Döblin, 1912 im Harvard Art Museums/Busch-Reisinger Museum, Cambridge, MA

Alfred Döblin; Berlin Alexanderplatz

zuletzt lasen wir von einem Besuch in der Hasenheide, so Ende der Zwanziger:

In der Nähe der Garderobe im Seitensaal blies eine Kapelle vom Balkon herunter. Diese Kapelle hatte rote Westen an und schrie immer, sie hätte nichts zu trinken. Unten stand ein beleibter Mann im Gehrock von biederem Wesen. Er hatte eine merkwürdige gestreifte Papiermütze auf und wollte, während er sang, sich eine Papiernelke ins Knopfloch stecken, was ihm aber infolge von acht Hellen, zwei Punschen und vier Kognaks mißlang. Er sang im Getümmel zu der Kapelle auf, dann schwofte er mit einer alten, ungeheuer auseinandergeratenen Person Walzer, mit der er karusselartig weite Kreise um sich zog. Im Tanzen floß die Person noch mehr auseinander, sie hatte aber genug Instinkt, kurz vor ihrer Explosion sich auf drei Stühle zu setzen.
Franz Biberkopf und dieser Mann im Gehrock fanden sich in einer Pause unter dem Balkon, auf dem die Musik nach Bier schrie. Und ein strahlend blaues Auge stierte Franz an, holder Mond, du gehst so stille, das andere Auge war blind, sie hoben ihre weißen Bierkrüge, dieser Invalide krächzte : «Du bist auch solch Verräter, die andern sitzen an der Futterkrippe.» Er schluckte : «Schau mir nicht so tief ins Auge, schau mich an, wo hast du gedient?

S. 80; Rütten & Löning, 2.Aufl. 1965 / auf S. 81 unten lesen wir weiter

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Kein & Aber

Truman Capote; Weihnachtserinnerungen

Auf die Erzählung A Christmas Memory wurde ich 2012 durch den wunderbaren englischsprachigen Blog von dovegreyreader scribbles aufmerksam: It’s not fruitcake weather…; dort ist auch eine Verknüpfung zum Film zu finden. Es lohnt sich. Der Eintrag plus Leserkommentaren strotzt auch von weiteren Weihnachts-Lesetips; und ich suche und bestelle die Bücher gerne, deutsch oder englisch.

28. xii. Gedichte

lehnert
Suhrkamp

Christian Lehnert; Windzüge

[…] Er nennt seine Dichtung einen „Stufengesang“, vergleicht sie mit einer Jakobsleiter: „Sie beginnt bei den Steinen und endet bei Gott.“
Auf Windzüge trifft diese Beschreibung – bedingt – ebenfalls zu, nur gibt es hier durchaus auch entschiedenere Formen des Verweisens wie Lobpreis, Segenswunsch, Gebet und Fürbitte, und gedankentiefe, an den Mystiker Angelus Silesius erinnernde, Epigramme:
Der Gott, den es nicht gibt, in mir ein dunkler Riß, / ist meiner Seele nah, sooft ich ihn vermiß.“
Mag Gott das Hintergrundstrahlen geben – es sind die demütigen Erscheinungen der Welt, denen Lehnerts Zuneigung gilt, die er besingt, und die ihm dazu dienen, einem „Gefühl der Nähe zu etwas nicht in Worte zu Fassendes“ (Kleinschmidt) Ausdruck zu verleihen.

ein kleiner Ausschnitt aus der Rezension von Meinolf Reul, veröffentlicht in diesem Jahr bei Signaturen.

Vorlesen am Montag
Vorlesen am Montag

* * *

Wie immer ist ein jeder herzlich willkommen in die Runde, zu Gebäck und Tee, von 18:00 Uhr bis 19:00 Uhr – approximativ. Shakespeare Mondays sind englischsprachig, gelesen wird mit verteilten Rollen, „the more the merrier“ – don’t be shy, have a try. Wann immer Sie darüber verfügen, bringen Sie bitte eigene Ausgaben (Merchant, Alexanderlatz) zum Lesen mit. Zu den beiden letzten Montagen sind Sie eingeladen, Prosatexte (zur Weihnacht) und Gedichte (zum Jahresausklang) von zu Hause mitzubringen.

…. und so geht dieses Jahr zu Ende. 2016 geht’s weiter …

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