Der Hochgeborene und seine Bacchantinnen

Kröner 3. gründlich überarbeitete und neu eingeführte Auflage 2016 nach der Übersetzung von J. J. Donner und der Bearbeitung von Richard Kannicht / Hrg. , Einleitung: Bernhard Zimmermann (Bd I und Bd II, je 22,90 €)

Euripides – Die Bakchen

Beim Translation Tuesday in The Guardian stellte Asymptote schon Anfang November die  Neu-Übersetzung (Aaron Poochigians, * 1973) des Prologs von »Die Bakchen« von Euripides  vor.

Das hat mir gleich Lust gemacht, verschiedene Übersetzungen anzusehen.  Hier kommt ein bruchstückhafter Einstieg, der viele Enden ungeknüpft läßt. Vielleicht ergänze ich zuweilen, beispielsweise aus dem wunderbaren Vorwort zur Euripides-Ausgabe von Moses Hadas.

Ich hab folgenden Ausschnitt aus dem Prolog des Bacchus von der Poochigian-Übersetzung, veröffentlicht in The Guardian, gewählt:

I have compelled this town to rant and howl,
dressed it in fawnskin, put my pine-cone-tipped
and ivy-vested spear into its hands,
and all because my mother’s sisters claim
that Zeus is not the father of Dionysus—
how could they speak such slander? They allege
some mortal sired the child on Semele,
and she blamed Zeus for her disgraceful error
on Cadmus’s advice. That’s why (they say)
Zeus smote my mother with a lightning bolt—
because she lied about the pregnancy.

So I have maddened them in retribution,
driven them from their homes, and they, unhinged,
have occupied a mountain. I have forced them
to don the vestments of my rites. In fact,
the women of Thebes—all of them, every one—
under my influence, have fled their homes
in madness. Mixed among the daughters of Cadmus,
they lounge about in broad daylight on cliffs
beneath the green fir trees. Since Thebes is still
ignorant of my rites, it needs to learn them—
even against its will. I must defend
the honor of Semele by teaching mortals
it was a god she bore to Zeus.

So klingt das deutsch und klassisch-ehrwürdig bei J. A. Hartung (1801 – 1867)

Weil meine Muhmen, denen dies am mindesten
Geziemt, behaupten, Bakchos sei nicht Zeusens Sohn:
Verführt von einem Manne habe Semele
Die Schuld des Fehltritts Zeusen aufgebürdet, der
Für diese Finte Kadmos‘ auch sie tötete –
So prahlt man –, weil der Liebesbund erlogen war.

Drum macht ich, daß sie, toll geworden, biesten fort
Vom Haus: sie wohnen im Gebirg verrückten Sinns.
Die Geräte meiner Weihen drängt ich ihnen auf,
Und aus den Zimmern ist die ganze weibliche
Bevölkrung, was nur Frauen waren, fortgerast:
Samt Kadmos‘ Töchtern lagen alle bunt vermischt
Im Schatten grüner Tannen auf dachlosen Höhn.
Denn diese Stadt soll’s fühlen, wollend oder nicht,
Wie schlecht sie war in mein Verzücktsein eingeweiht:
Zu Ehren bring ich meine Mutter Semele,
Der Welt als Gott erscheinend, als von Zeus gezeugt!

und so hat es Dietrich Ebener (1920 – 2011) übersetzt:

weil meiner Mutter Schwestern – grade sie! – behaupten,
ich sei, Dionysos, kein Kind des Zeus; Semele
sei Mutter nur durch einen Sterblichen und habe
des Fehltritts Schuld auf Zeus gewälzt, ein schlauer Einfall
des Kadmos; daher habe Zeus sie umgebracht
– so lästern sie! –, weil sie den Ehebund erlogen!

Drum jagte ich sie aus den Häusern fort, im Wahnsinn,
und, toll im Rausch, bevölkern sie das Waldgebirge.
Das Rüstzeug meiner Feiern zwang ich ihnen auf
und scheuchte alles, was in Theben weiblich ist,
in wilder Raserei aus seinen Wohnungen;
zusammen mit des Kadmos Töchtern sitzen sie,
ein bunter Schwarm, im grünen Tann, auf offnem Fels.
Soll doch die Stadt verspüren, wenn auch wider Willen,
daß sie noch nicht geweiht zu meinem Festesrausch
und ich zu Ehren der Semele, meiner Mutter,
als Gottheit, zeusentstammt, der Welt mich offenbare.

Morgen trifft hoffentlich die Suhrkamp-Ausgabe ein, mit der Übersetzung von Wolfgang Schadewaldt (1900 – 1974). Ich bin gespannt.

bacchae_nyrb
NYRB, September 25, 2014

Reading along the NYRB
50 Years New York Review Of Books 50 Years

harperc_bacchae
HarperCollins, 2014 Übersetzung von Robin Robertson

Daniel Mendelsohn bespricht die Übersetzung von Robin Robertson, (* 1955), die 2014 erschienen ist. Er streicht in seinem Nachwort dazu die Dualität im Drama hervor. Hier Ausschnitte, frei übersetzt:
»Pentheus, der die Zivilisation, wie die Griechen sie verstanden, und ihre Belange vertritt (politische Autorität, Männlichkeit, Moral, Vernunft, die polis) trifft auf Bacchus, Vertreter der Natur und ihrer Belange (Körper, Sexualität, Trunkenheit, Weiblichkeit, die wilden Gebiete außerhalb der Stadt).«
Der Verfolger wird seine Beute:
»wenn wir zum letzten Mal einen Blick auf den einst arroganten König erhaschen, wie er schon seinen Halluzinationen erlag (er behauptet, zwei Sonnen zu sehen, zwei Städte Theben), ist er grotesk in Frauenkleider gehüllt und fingert an seinen Kleiderfalten herum und sorgt sich um die Frisur, auf seinem Weg hinaus in den Untergang.«
Bühne ist Welt ist Bühne.
»Dieses grotesk inszenierte Menschenopfer ermöglicht beides, die Rückkehr zur Realität (in der berühmten coda des Stücks tritt die Mutter von Penthesileus, eine der in wilden Wahn gebrachten Maenaden, die ihn töteten, langsam aus ihrer Verrücktheit und erkennt, was sie getan hat), und, was für Dionysos noch wichtiger ist, es ermöglicht die Einsetzung der Dionysius-Verehrung.«

Das hat mich nun doch gewundert, dass Menschen, denen aus gekränkter Ehre furchtbare Rache trifft, solch einem Gott huldigen. Aber Bacchus hat eben lauter schöne Seiten dazu.

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Nijinsky in: ‚L’Apres Midi d’un Faune‘ Lithographie von Leon Bakst (1910)

Daniel Mendelsohn hebt diesen Passus hervor, gesungen gegen Ende des Dramas vom Chor, wieder in der Übersetzung von Robertson:

Shall I toss my head and skip through the open fields
as a fawn slipped free of the hunt and the hunters
leaping their nets, outrunning their hounds?
She runs like a gale runs over the plain
near the river, each bound
and plunge like a gust of joy, taking her
dancing deep through the forest
where no one can find her, and the dark
is free and its heart is the darkest green.

Die NYRB liegt im Laden zum Lesen aus, kann ich aber gerne auch für Sie abonnieren. Auch die Robertson-Übersetzung und alle anderen lieferbaren Fassungen von Euripides besorge ich gerne.

***

Und der Schluß mit der Poochigian-Übersetzung:

Beat time now, and let the townsfolk stare!
I meanwhile will go up to Mount Cithaeron,
join my Bacchants and enjoy their dances.

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