Drüben

januar
G* R*, ca. 1977, Wasserfarbe
aus der »Wray Times«, Januar/Februar 2004

Von der Lektüre zwischen den Jahren

Die lange Bank in unserem Wohnzimmer verschwindet noch unter Stapeln von Weihnachtsliedernoten und Geschichten- und Gedichtbänden. Unter Katholiken gilt eben der 2. Februar als offizielles Ende der Weihnachtszeit, und so bin ich nicht zu spät mit diesem Beitrag.

Bei der Lektüre zwischen den Jahren (unter die sich auch True Grit von Charles Portis eingefunden hatte) fand ich auch das längst vergriffenen Insel Taschenbuch von 1973, Das Weihnachtsbuch (Ausgewählt von Elisabeth Borchers). Wir haben davon die 14. Auflage von 1985, mit einer Detailansicht der Anbetung der Hirten von Hugo van der Goes.

van_der_goes_detail
Hugo van der Goes, Die Anbetung der Hirten
Gemäldegalerie, Berlin (Detail)
drei_koenige
(dtv – vergriffen)

Inzwischen, am vergangenen Epiphanias, haben auch Kaspar, Melchior und Balthasar das Kind angebetet und sind wieder zurückgekehrt voll ihrer wunderbaren Neuigkeit, nämlich dass so etwas Erstaunliches geschehen ist: dass Gott unter uns weilt, und als Mensch von Kleinauf Genüge gefunden hat.

* * *


kafka_beschreibung
S. Fischer

Der Text, den ich auswählte, um ihn an dieser Stelle zu teilen, stammt von Franz Kafka, gilt unbedingt für das ganze Jahr und bietet, wie zu erwarten, eine tiefsinnige Pointe:

Von den Gleichnissen

Viele beklagten sich, daß die Worte der Weisen immer wieder nur Gleichnisse seien, aber unverwendbar im täglichen Leben, und nur dieses allein haben wir. Wenn der Weise sagt: »Gehe hinüber«, so meint er nicht, daß man auf die andere Seite hinübergehen solle, was man immerhin noch leisten könnte, wenn das Ergebnis des Weges wert wäre, sondern er meint irgendein sagenhaftes Drüben, etwas, das wir nicht kennen, das auch von ihm nicht näher zu bezeichnen ist und das uns also hier gar nichts helfen kann. Alle diese Gleichnisse wollen eigentlich nur sagen, daß das Unfaßbare unfaßbar ist, und das haben wir gewußt. Aber das, womit wir uns jeden Tag abmühen, sind andere Dinge.
Darauf sagte einer: »Warum wehrt ihr euch? Würdet ihr den Gleichnissen folgen, dann wäret ihr selbst Gleichnisse geworden und damit schon der täglichen Mühe frei.«
Ein anderer sagte: »Ich wette, daß auch das ein Gleichnis ist.«
Der erste sagte: »Du hast gewonnen.«
Der zweite sagte: »Aber leider nur im Gleichnis.«
Der erste sagte: „Nein, in Wirklichkeit; im Gleichnis hast du verloren.”

„Aus: Franz Kafka, ›Beschreibung eines Kampfes‹. Copyright 1936, 1937 by Heinrich Mercy Sohn, Prag [etc.] Abdruck erfolgt mit Genehmigung des S. Fischer Verlags […]“

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4 Kommentare zu „Drüben“

    1. tiefsinnig, eben. Ich bin mir da noch nicht im Klaren. Ist es, untypisch für Kafka, eher eine hoffnungsvolle Botschaft?
      Wenn man selbst dem Gleichnis folgt, bleibt man dann verknüpft mit den anderen, die sich plagen und grämen?
      Aber allein sein klarer Stil und seine tiefen Gedanken beglücken.

      Gefällt 2 Personen

      1. À propos klarer Stil. Neulich las ich, dass Kafka, als er sein Werk verfasste, näher an der Zeit Goethes war als ein heutiger Schriftsteller an der Zeit Trakls. Verblüffend! Nicht nur ist die Welt klein – auch die Zeit ist klein (wenn sie, als einliniger Verlauf, nicht sowieso eine Einbildung ist).

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      2. Gerade hab ich noch an die Fernsehverfilmung Fassbenders von Döblin gedacht, und mich gefragt, wie weit er zeitlich eigentlich von der Welt Franz Biberkopfs entfernt war.Wie sehr können Texte und Bilder uns dem Zeitgeist nahe bringen? Ja, man wird nachdenklich über Raum und Zeit und Mensch …

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