Wechselfälle der Liebe – Das Henri Quatre Colloquium

delacroix
Eugène Delacroix / Henri IV et Gabrielle d’Estrées
1827/28 / Öl auf Leinwand
Deutschland, Privatsammlung (1907)*

Der König jagte in den Wäldern von Compiègne; an diesem Tage verfolgte er einen Hirsch, bis nahe der Provinz Picardie. Dort verloren sie die Spur, der König und sein Großstallmeister Bellegarde.

Willkommen, liebe compagnions im Henri Quatre Colloquium.

Ein neues Liebesabenteuer Henris. Nachdem er Bellegarde seine schöne Gabrielle ausspannt, gerät Henri später in unmäßige Eifersucht, als er sehen muß, wie Gabrielle dem König zwar zu Diensten steht, ihre Liebe aber immer noch Bellegarde gilt. (S. 168: „Am dritten Tag erfuhr er, daß seine  Geliebte den Herzog von Bellegarde bei sich empfangen hatte.“)

ROGER II dE SAINT LARY dit "Monsieur le Grand" Duc de Bellegarde (1562-1646)
Roger de Saint-Lary de Termes, duc de Bellegarde (1562-1646)

Hier sind wir zu Anfang noch im Wald, zu Pferde, nordwestlich von Paris. Noch heute erstreckt sich ein großer Wald in sichelförmig aufgereihten drei großen Gebieten nördlich von Paris. Der Wald von Compiègne ist der westlichste.

Bei diesem Teil im Buch fällt mir wieder einmal auf, wie sehr die Politik verquickt ist mit dem Privatleben und wie sehr die Rolle des Königs zu jeder Zeit im Vordergrund bleibt. Henri schiebt ja nicht die Herrschaftsübernahme in Paris vor sich her; er arbeitet mit seinen Getreuen stetig daran.

Nun aber hat Henri Witterung aufgenommen, nicht vom Hirschen, aber von Bellegardes Herzliebster: „Zeig‘ sie mir!“, und der (-Dummkopf!-) „konnte es nicht erwarten, dem König seine schöne Geliebte zu zeigen“. Gabrieles Schwester Diana war einmal mit dem Herzog von Epernon liiert gewesen, und das versetzt Henri noch auf dem Weg ins Grübeln, über Machtstreitigkeiten und über die Religion. Dieses Dreigespann: Liebe, Macht, Religion, durchzieht das gesamte Kapitel, findet aber keine Lösung.

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Quelle unbekannt, gefunden bei Christophe Le Bozec

Henri trifft also zum ersten Mal Gabrielle, ein Ereignis, das unten auf Seite 97 beginnt: „In demselben Augenblick sah er auf dem Podest der Treppe eine Gestalt erscheinen.“ und Heinrich Mann zelebriert es über fünf weitere Seiten, bis es mitte S. 102 heißt: „»Ich komme wieder«, sprach er. »Meine schöne Liebe«, sprach er. Saß auf, ritt voran, sah nicht zurück.“

Hier ein betörender Augenblick, der „nie geahnte[n] Zauber der Herniedersteigenden“, der vermutlich etwas über Heinrich Manns Vorlieben verrät:

Eine ihrer Hände lag an ihrer Perlenschnur, über das Gelände glitt die andere – und wie ein Körper sich niedersenkt und herabläßt, jeder Schritt dies Wunder von Gehaltenheit, Gelöstheit, Spannung, Größe, alles in einem: der König hatte es nie gesehen. Er hatte noch nicht schreiten gesehen.

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hqc

Soviel fürs Erste. Es kommt noch ein sehr schöner Abschnitt über Gewissensringen (Pastor La Faye) und ein trauriges Intermezzo um eine frühere Geliebte, Esther Imbert de Boisambert, »la belle rochelaise«, verquickt mit der vorne erwähnten Eifersuchtsszene, und auch von Entwicklungen in Paris ist die Rede, wie der Hassprediger Boucher an Boden verliert…

Wie steht’s, tritt einer in die Blog-Runde des Colloquiums? Frischauf.

* * *

-Heinrich IV. sagt zu seiner Geliebten Gabrielle d’Estrées, es wäre leichter, zehn Mätressen zu finden als einen Minister wie Sully. –
Die Moderne und ihre Sammler: Französische Kunst in deutschem Privatbesitz (Andrea Pophanken,Felix Billeter Hrg.) Akademie Verlag, Berlin 2001 (vergr.) PS: zu den zahlreichen Geliebten und Mätressen von Henri gibt es reichlich Material auf im Netz.

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2 Kommentare zu „Wechselfälle der Liebe – Das Henri Quatre Colloquium“

  1. Ein glücklicher Fund in den Katakomben der Staatsbibliothek: Ekkehard Blattmann, Die Bildvorlagen zum Henri Quatre-Roman! Ein Prachtband, ja ein Liebhaberband, der die handelnden Personen des Romans nicht nur illustriert, sondern wichtiger noch: die Bilderschicht, die dem Roman zugrunde liegt, offenlegt. Wir hatten schon den Hinweis auf das Bartholomäus-Bild von Dubois. Aber Mann hat zu fast allen Personen Bildvorlagen gehabt!

    Akribisch weist Blattmann jedes Bilddetail nach, das Mann aufgenommen hat. So detailgenau Mann ist, so sehr symptomatisiert er auch das Detail, verfährt physiognomisch, d.h. deutet das Detail, bringt es zum Sprechen, fügt es in eine – teilweise phantasierte – Geschichte ein. Die Intimität, die Mann zu seinen historischen Figuren hat, erklärt sich nicht zuletzt durch diese Details.

    Auch der Schilderung von Gabrielle d’Estrées liegen natürlich mehrere Bilder zugrunde. (Übrigens: Wusste Mann nicht, dass sie erst 17 war oder hat er sie bewusst auf 20 aufgerundet? Bei den Durants liest man sogar von Heinrichs Gonorrhöe). So die beiden Bade-Bilder. „Du wolltest es, Feuillemorte. Ich sollte durchaus deine Geliebte sehen, du hättest sie mir am liebsten im Bade gezeigt“ (Vollendung…). Selbst ein „Anflug von Doppelkinn“ in einem Bild von Quesnel wird von Mann aufgenommen. Oder: „Ihr Kleid war grün mit silbernem Besatz, desgleichen der Hut etc.“ (Vollendung) – ist eine Bildbeschreibung.

    Mann als Physiognomiker heisst zugleich: als Moralist. Wie Blattmann schreibt, dienen einzelne Züge wie Gesicht, Stirn, Schläfen, Augen, Blick, Nase, Wangen usw. usw. als „moralische Indizes“ – oder wie bei den Nazis bzw. Ligisten als amoralische. (Allerdings muss man schon ein sehr sensibles moralisches Gespür haben, damit die „physiognomistische Entlarvungstechnik“ nicht in denunziatorische Klischees, ja Rassismus umkippt!)

    In „Ein Zeitalter wird besichtigt“ bringt Mann selbst sein Verfahren auf den Punkt: „Ich habe gesehen und gestaltet, bevor ich den Sinn der Dinge begriff. …Wer die Geste von Menschen nachahmt, erlebt ihren Charakter […] Moralisten sind nicht so sehr Prediger wie Betrachter“.

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