Reclam aufgestockt

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Reclam Lieferung Januar 2016

und – a glorious new translation by Peter Green of The Iliad

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von der flotten Reclam Seite

Erst einmal Reclam – »Viel mehr als Klassiker in Gelb«, wie es im Verlag heisst. Aber gebt mir jederzeit die gelben Bändchen, und ich bin glücklich.

Mitte Februar werden spannende neue Titel von Reclam eintreffen. Hier ist schon einmal eine nette Kiste voller Titel aus dem Programm eingetroffen, die sehr im Regal gefehlt haben – vielleicht fehlen Sie auch auf Ihrem Nachttisch, oder in der Manteltasche?

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David Levine, NYRB
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Reclam

Nun also, pars pro toto, ein halbes Dutzend Titel:

Beim Shakespeare Monday haben wir Anfang Januar die erste Runde von „As You Like It“ gelesen, aus den alten Bänden von zu Hause. Das nächste Stück in der Warteschlange wird sein: The Taming Of The Shrew, was nun in der zweisprachigen Ausgabe hereinkam, in der Übersetzung von Barbara Rojahn-Deyk; sie merkt zum Schluß an: „Der Titel »Der Widerspenstigen Zähmung« ist trotz seiner Ungenauigkeit beibehalten worden, da er sich nun einmal im Deutschen eingebürgert hat.“

* * *

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Reclam

In diesem Frühjahr

Wir liefen übern Trümmerberg, der blühte,
alles was uns hier draußen reizen konnte, kam
uns entgegen. Plötzlich fragtest du,
ob ich für die Gewalt wär. Ich sagte nur,
natürlich, keine Politik ohne Gewalt,
Gegengewalt, Gewalt die vom Volk und so weiter.
Wir wußten, ich hatte gut reden,
das Volk, in diesen Momenten, war weit weg.
Das Grün war nah. u warst sehr nah. Ganz
ungewollte Stille. In diesem Frühjahr
einige Stunden ohne Lügen, Rationalisierungen,
Hektik. Was für ein gewaltiger Genuß
an Gewaltlosigkeit!

bei Reclam zitiert aus: Friedrich Christian Delius; Ein Bankier auf der Flucht
Rotbuch, 1975 (vergriffen, mal wieder!)

À propos Bankier auf der Flucht: hier fällt mir noch ein anderes aufgestocktes Reclam Bändchen ein, nämlich das rasante Drama von Kaiser, Von morgens bis mitternachts, auch passend zum aktuellen Sechs-Tage-Rennen.

* * *

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Reclam, Reclam, Reclam
  • und noch dreimal gelb: zwei mal Lyrik, einmal Drama

Archäischer Torso Apollos

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

1908, aus den fünfzig Gedichten,
versammlet in: Rainer Maria Rilke; Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, bei Reclam

Blödigkeit (S. 99), dessen Titel mir Rätsel aufwirft, ist etwas lang zum zitieren. Statt dessen:

Der Winter
Wenn ungesehn und nun vorüber sind die Bilder
Der Jahreszeit, so kommt des Winters Dauer,
Das Feld ist leer, die Ansicht scheinet milder,
Und Stürme wehn umher und Regenschauer.

Als wie ein Ruhetag, so ist des Jahres Ende
Wie einer Frage Ton, das dieser sich vollende,
Alsdann erscheint des Frühlings neues Werden,
So glänzet die Natur mit ihrer Pracht auf Erden.

„Mit Untertänigkeit / Scardanelli. d. 24. April 1849“; zitiert aus: Friedrich Hölderlin; Gedichte

* * *

Es ist eine Ewigkeit her, dass ich Baumeister Solness (1892) gelesen habe, in der Bahn unterwegs, wo ich immer ein Reclam bei mir führte und mich durch alle lieferbaren Storms und Ibsens durchlas und die Sagas und die Romantiker … Natürlich gehören Stücke aufgeführt und auf der Bühne erlebt, aber ich finde, dass sie auch oft hervorragende Lektüre bieten.

Bei Gutenberg kann man die autorisierte Übersetzung von Sigurd Ibsen lesen, damals auch bei Reclam erschienen. Diese Übersetzung von Christel Hildebrandt ist ganz neu, von 2015. Hier eine Szene aus dem 10 Auftritt im ersten Akt zum Vergleich:

Sigurd Ibsen Übersetzung:

Solneß (verzieht den Mund zu einem kleinen Lächeln). Ja, denken Sie nur – daß ich so was vergessen konnte.
Hilde (wieder ein wenig schmollend, geht von ihm weg). Ach, Sie haben wohl so viele in Ihrem Leben geküßt, kann ich mir vorstellen.
Solneß. Nein, das müssen Sie doch nicht von mir glauben.
Hilde (setzt sich in den Lehnstuhl).
Solneß (bleibt stehen, indem er sich auf den Schaukelstuhl stützt und blickt sie spähend an). Fräulein Wangel?
Hilde. Ja?
Solneß. Wie war das doch? Was geschah denn weiter – zwischen uns beiden, mein ich?
Hilde. Da geschah ja gar nichts mehr. Das wissen Sie doch wohl. Denn dann kamen ja die andern Fremden, und dann – prost Mahlzeit!
Solneß. Richtig! Die andern kamen. Daß ich auch das vergessen konnte.

und hier die Übersetzung von Christel Hildebrandt:

Solness(lächelt).Ja, wenn man sich vorstellt, dass ich so etwas vergessen konnte.
Hilde(erneut etwas mürrisch, entfernt sich von ihm). Na, Sie haben wohl im Laufe Ihres Lebens so viele geküsst …
Solness. Das dürfen Sie nun aber nicht von mir denken.
(Hilde stzt sich in den Sessel. Solness bleibt stehen, stützt sich auf den Schaukelstuhl.)
Solness(mustert sie). Fräulein Wangel?
Hilde. Ja?
Solness. Und wie war es dann? Was wurde dann daraus, ich meine, aus uns beiden?
Hilde. Daraus wurde gar nichts. Das wissen Sie doch genau. Denn dann kamen die anderen, Fremden, und dann – ach!
Solness. Ja richtig! Die anderen kamen. Dass ich das auch vergessen konnte.

Baumeister Solness auf der Bühne (Frank Castorf): Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, am 5. Februar. Das Reclam Bändchen jederzeit in der Buchhandlung.

***

Nur, weil Wochenende ist, hänge ich an diesen langen Eintrag auch noch die Iliad Übersetzung von Peter Green bei der University of California Press, hier im Bild. Kommen Sie gerne und lesen Sie etwas herein. Vielleicht ist das was für Sie.

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hochgelobt von Colin Burrow in der London Review of Books

For this I know well, in my heart and in my mind:
A day will come when sacred Ilion will perish,
with Priam, lord of the fine ash spear, and Priam’s people.
Yet it’s not the Trojans’ coming miseries that so concern me –
not what Hekabē will endure, or our sovereign Priam,
or my brothers, so many, so valiant, who all may end up
trodden into the dust by their hate-filled enemies – no,
it’s your grief I think of, when some bronze-corsleted Achaian
will lead you away, weeping, your day of freedom gone,
to work the loom, maybe in Argos, for some other mistress,
or fetch water back from the spring – Messeïs or Hyperia –
resentful, unwilling, but burdened by harsh necessity.

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