Durch Dick und Dünn mit guten Büchern

feb_tisch
Neues und Altbewährtes im Februar
hoffnung
St Edmundsbury

Allerhand ist hereingekommen in die Schröersche, zum Beispiel das schmale englische Bändchen von Gerard Hoffnung, Acoustics, mit einer Einleitung seiner Tochter Emily („Ich habe meinen Vater nie kennengelernt“) von der Hoffnung Partnership bei der St Edmundsbury Press gedruckt, damit dieser große Mensch und geniale Musik-Cartoonist nicht ganz in Vergessenheit gerät. Seit Monaten verkaufe ich fleißig die schöne preiswerte Leinenausgabe von Vater und Sohn, von E. O. Plauen, und daran musste ich denken, als ich zu Gerard Hoffnung im liebenswerten Nachwort hinten auf dem Deckel las (übersetzt): „Hoffnung, 1925 von jüdischen Eltern in Berlin geboren, kam spät in den Dreißigern als ein Flüchtlings-Schuljunge nach London.“ Plauen und Hoffnung gehörten in unseren Buchbestand zu Hause und wurden immer wieder gerne von Eltern und uns Geschwistern studiert. Oft lachten wir gemeinsam. Aber welche Traurigkeit steckt auch in der Geschichte dieser Beiden.

* * *

Dicke Werke

1

vier_schinkenDer Kröner Verlag hat eine aufregende Kulturgeschichte der Träne veröffentlicht; „So muß ich weinen bitterlich„. Unter der Herausgeberin Renate Möhrmann haben etliche ihrer wissenschaftlichen Kollegen auf dem Feld der Kunst- und Mediengeschichte mit Hingabe geackert und reiche Frucht eingefahren. Der Titel ist ein Heine Zitat, und dieses bauchige Bändchen ist vollgestopft mit Anregungen zum Lesen, Denken, Entdecken und Vertiefen von Abbé Prevost – ach! ich erinnere mich an die bitteren Tränen der armen Manon Lescaut! – bis Oprah Winfrey – ja, da war mal was mit Weinen – und von den Helden des Homer bis hin zum fernen Japan mit seinen Tränen. Kleist, Chamisso und Hoffmann tauchen nicht auf, aber es gibt neue Pfade zu beschreiten, beispielsweise – hier eine Verneigung zum Stummfilm in Anbetracht der Berlinale – in der Kunst mit James Ensor und seinem Bild des weinenden Pierrot.

ensor
Buchillustration (schw/w)
Abb. 8: James Ensor: Die Verzweiflung des Pierrot, 1892

„[…]Théodore Hannon brachte 1886 eine Pantomime mit dem Titel Pierrot macabre heraus, die Ensor vermutlich zu dem weinenden Pierrot inspiriert hat. In Hannons Stück bleiben die Tränen ambivalent: Zu Beginn betrauert er mit großer Hingabe den – ihm vorgetäuschten – Tod seiner geliebten Kolumbine. Er ist so verzweifelt, dass er selbst sterben möchte. Als jedoch eine andere Frau zu ihm geschickt wird, […]

Dir Frage kreist hier um die Authenzität der Tränen – […]“

Nerina Sentorius im Kapitel Die Peripherie der Tränen, S. 282

* * *

2

Die neue Übersetzung des braven, nein, des guten Soldaten Švejk von Hašek durch Antonín Brousek hat Reclam nun als erschwinglicheren Taschenbuchband, aber doch wohl ein Wälzer, herausgegeben:

»Die haben uns also den Ferdinand umgebracht«, sagte die Zugehfrau zu Herrn Švejk, der vor Jahren den Militärdienst quittiert hatte, nach dem er von einer militärärztlichen Kommission endgültig für geistesschwach erklärt worden war und sich nunmehr durch den Verkauf von Hunden ernährte, hässlichen, nicht reinrassigen Scheusalen, für die er die Stammbäume fälschte. Über diese Beschäftigung hinaus litt er an Rheumatismus und rieb sich gerade seine Knie mit Opodeldok ein.
»Welchen Ferdinand, Frau Müllerová?« fragte Švejk …

* * *

3

Und wieder die Antike, hier nacherzählt als „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums“ von Gustav Schwab. Schon lange her, dass ich darin gelesen habe. Ich liebte die Federzeichnungs-Illustrationen von Gerhard Ulrich – auch ein Berliner!**.  Diese Ausgabe ist zwar ohne Illustrationen, aber der Text ist lyrisch und fesselnd wie ehedem. Mit Prometheus fängt alles an:

„Himmel und Erde waren geschaffen: das Meer wogte in seinen Ufern und die Fische spielten darin; in den Lüften sangen beflügelt die Vögel; der Erdboden wimmelte von Tieren. Aber noch fehlte es an dem Geschöpfe, dessen Leib so beschaffen war, daß der Geist in ihm Wohnung machen und von ihm aus die Erdenwelt beherrschen konnte. Da betrat Prometheus die Erde …“

** siehe: Dem Berliner Zeichner Gerhard Ulrich zum 100. Ein später Nachfahre Chodowieckis / Von Helmut Börsch-Supan in der Berliner Zeitung, 19. Nov. 2003

* * *

4

hauff
Reclam

K.* fragte nach Büchern der Märchenforscherin Kamphöven oder so, und als ich endlich Elsa Sophia von Kamphoevener ausfindig gemacht hatte, fand ich, dass mir „An Nachtfeuern der Karawan-Serail“ als „Karawanserei“-Titel vertraut war, als ich noch die orientalischen Märchen von Hauff verschlang und meine Mutter die herrlichen Bände der Diederichs Reihe Märchen im Laden führte.

Diese Märchen und Geschichten alttürkischer Nomaden habe ich allerdings noch nicht gelesen. Es ist durchaus möglich, dass die Bücher im elterlichen Regal gemieden wurden aufgrund der Sympathien, die Kamphoevener für die Nazis gehegt haben soll. Aber hier spekuliere ich. Die Märchen kamen jedenfalls bei Rowohlt 1975 heraus, mit der Lizenz vom Christian Wegner Verlag, der das Werk erstmals 1956 verlegt hatte. In meinem Leben ist diese graue Vorzeit eigentlich nicht so lange her.

littmann
Olms

In dieser Auflage von 1990 nun erscheint der dicke Band handlich aufgeteilt in drei liebevoll gedruckten Taschenbüchern, hübsch untergebracht im wüstensandgelben Schuber.

Auch vorrätig: Arabische Beduinenerzählungen, zweisprachig, siehe unter: Vorderer Orient, gestern und heute.

* K. steht für Kunde

* * *

Die dicke Bücher Bilanz:

  1. „So muß ich weinen bitterlich“ – 484 S.
  2. Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg – 1008 S.
  3. Die schönsten Sagen des klassischen Altertums – 1102 S.
  4. An Nachtfeuern der Karawan-Serail – 230 / 233 / 240 = 703 S.

Das könnte sich für den munteren Käufer auf beachtliche 3297 Seiten Lesestoff summieren, womit man den Winter nebst Schneetreiben im Februar dann wohl endlich hinter sich brächte.

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